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Lesesäle wie Paläste: Historische Bibliotheken, die du besuchen kannst
Rokoko in Weimar, Barock in Niederbayern und Oberschwaben: Mehrere historische Bibliothekssäle in Deutschland stehen Besucherinnen und Besuchern offen. Ein Ausflugstipp für Tage, an denen es draußen früh dunkel wird – mit Deckenfresken, Galerien und einem fliegenden Pater.
Von Andre ·
Draußen hängt der Nebel, um fünf ist es dunkel – und genau dann lohnt sich ein Ausflug nach drinnen. Nicht ins Kino, sondern in Räume, die vor rund 260 bis 300 Jahren gestaltet wurden, um Wissen zu feiern: historische Bibliothekssäle mit bemalten Decken, geschnitzten Regalen und Galerien, die sich um den Raum ziehen. Einige davon kann man heute besichtigen. Vier Beispiele – und ein Ausblick.
Weimar: der Rokokosaal mit Brand-Vergangenheit Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar wurde 1691 als Herzogliche Bibliothek gegründet, damals mit rund 500 Büchern. Ihr Herzstück ist der dreigeschossige Rokokosaal, den Herzogin Anna Amalia einrichten ließ und der 1766 eröffnet wurde. Später leitete Johann Wolfgang von Goethe die Bibliothek. Heute stehen im Saal etwa 40.000 Bücher, zwischen den Regalen schauen Büsten und Gemälde auf die Gäste.
2004 brach im Dachstuhl ein Feuer aus und zerstörte das dritte Geschoss und die Mansarde, besonders schwer traf es die Musikaliensammlung. Große Teile der Literatursammlung konnten aber gerettet werden, Tausende beschädigte Bände mussten restauriert werden. Das Gebäude wurde von Grund auf saniert und 2007 wiedereröffnet. Die Arbeit an den sogenannten Aschebüchern geht bis heute weiter: Laut ZDF warten noch rund 350.000 Buchseiten und Notenblätter auf ihre Behandlung, das Projekt ist bis 2028 angelegt. Seit 1998 gehört die Bibliothek zusammen mit anderen Stätten der Weimarer Klassik zum UNESCO-Welterbe.
Besuch: Tickets gibt es an der Museumskasse und online. Weil sie an Wochenenden und in den Ferien schnell vergriffen sind, rät die Klassik Stiftung, vorab zu buchen. Wichtig für diese Woche: Wegen Renovierungsarbeiten ist der Rokokosaal laut Klassik Stiftung vom 3. bis 6. November 2026 für Besucherinnen und Besucher geschlossen. Öffnungszeiten und mögliche Schließtage deshalb vorher auf der Website prüfen.
Metten: eine Antwort, die auf dem Kopf steht In der Benediktinerabtei Metten in Niederbayern wurde die Bibliothek zwischen 1720 und 1722 barock ausgestaltet. Die Stuckarbeiten stammen laut Abtei von Franz Josef Ignaz Holzinger, die Fresken von Innozenz Waräthi, die Bücherschränke vom Straubinger Schreiner Jakob Schöpf.
Ein Detail in den Deckenfresken lädt zum Mitmachen ein: Thomas von Aquin fragt dort sein Gegenüber Bonaventura nach dem Ursprung der Wissenschaft. Die Antwort ist kopfüber gemalt, man muss sich also umdrehen, um sie zu lesen – sinngemäß: „Die Weisheit kommt vom Kreuz“. Die Botschaft des ganzen Bildprogramms: Höchste Weisheit kommt nicht allein aus Büchern. Übrigens stehen in den Schränken heute nicht mehr die ursprünglichen Bände – sie gingen nach der Auflösung der Abtei an den Staat oder wurden teilweise verkauft.
Besuch: Die Bibliothek ist nur mit Führung zugänglich. Termine vorher auf der Website der Abtei prüfen.
Wiblingen bei Ulm: Rokoko mit schwingender Galerie Im Kloster Wiblingen am Stadtrand von Ulm entstand der Bibliothekssaal zwischen 1740 und 1750 unter Abt Meinrad. Er ist 23 Meter lang, 11,5 Meter tief, reicht über zwei Geschosse und füllt den ganzen Nordflügel. Die Höhe erlaubt eine Galerie, deren Brüstung sich in Wellen vor- und zurückschwingt. Das Deckenfresko malte Franz Martin Kuen 1744: In der Mitte steht, umgeben von Engeln, eine Frauengestalt als Sinnbild der göttlichen Weisheit, die über allem herrscht. Die Figuren im Saal schuf der Bildhauer Dominikus Hermenegild Herberger.
Besuch: Laut den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg ist der Bibliothekssaal auch im Winter geöffnet, dann an Wochenenden und Feiertagen. Führungen werden ebenfalls angeboten. Genaue Zeiten vorher auf der Website prüfen.
Bad Schussenried: der fliegende Pater an der Decke Auch das Kloster Schussenried in Oberschwaben hat einen prachtvollen Barocksaal für Bücher. Die Schlösserverwaltung zählt ihn zu den schönsten barocken Bibliothekssälen Süddeutschlands. Das große Deckengemälde entstand 1755 bis 1757 – und zeigt eine Figur mit Geschichte: Caspar Mohr (1575–1625), Ordenspriester des Klosters, Maler, Schreiner, Orgelbauer und Uhrmacher, der durch seine Flugversuche bekannt wurde. Ob er tatsächlich geflogen ist, weiß niemand genau. Mehr als 100 Jahre nach seinem Tod setzten ihm seine Ordensbrüder ein Denkmal an der Decke – mit einem leisen Augenzwinkern: Hinter ihm ist Daedalus zu sehen, der in der Sage seinen Sohn Ikarus vergeblich vor den Gefahren des Fliegens warnte. Im Saal steht außerdem ein Flugmodell Mohrs.
Besuch: Das Kloster bietet sonntags eine Highlight-Führung an. Öffnungszeiten im Winter und einzelne Schließzeiten vorher auf der Website prüfen.
Ausblick: Wolfenbüttel braucht noch Geduld Wer an die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel denkt, muss sich noch gedulden: Die musealen Räume der Bibliotheca Augusta sind wegen einer Brandschutzsanierung bis auf Weiteres geschlossen. Laut Bibliothek soll die Sanierung voraussichtlich 2028 abgeschlossen sein, Verzögerungen sind möglich. Ein Grund zur Vorfreude – und ein gutes Zeichen dafür, dass solche Schätze gepflegt werden, damit auch künftige Generationen unter bemalten Decken staunen können.
Themen: Historische Bibliotheken, Rokokosaal Weimar, Klosterbibliothek, Barock, Kloster Wiblingen, Ausflugstipp, Kultur
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