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Lesen verschenken: Wie Lesepatinnen und Lesepaten Kindern Geschichten öffnen
In Deutschland wird mehr vorgelesen: Drei von vier Eltern lesen laut Vorlesemonitor 2026 regelmäßig vor. Wo zu Hause selten ein Buch aufgeschlagen wird, können Ehrenamtliche in Kitas, Schulen und Bibliotheken Lesefreude schenken. Wie das wirkt und wie du mitmachen kannst.
Von Madalina ·
Die Abende werden früh dunkel, draußen ist es nass und kalt – drinnen ist jetzt Bücherzeit. Für viele Kinder gehört das gemeinsame Vorlesen fest zum Tag. Und es werden mehr: Laut Vorlesemonitor 2026 lesen Eltern in Deutschland häufiger vor als bei den Befragungen der Vorjahre. Doch nicht jedes Kind hat jemanden, der sich mit ihm über ein Buch beugt. Genau da kommen Lesepatinnen und Lesepaten ins Spiel.
Mehr Eltern lesen vor Für den Vorlesemonitor 2026 wurden im März und April 914 Eltern von Kindern zwischen einem und acht Jahren persönlich befragt. Die Studie stammt von der Stiftung Lesen, der Deutsche Bahn Stiftung und der Wochenzeitung DIE ZEIT, ausgewertet wurde sie von Prof. Dr. Timm Albers und Sarah Meusel von der Universität Paderborn. Als Vorlesen zählt dabei auch, gemeinsam Bilderbücher anzuschauen.
Das Ergebnis: 76,4 Prozent der Eltern lesen ihrem Kind regelmäßig vor, also mindestens mehrmals pro Woche. 2024 waren es 67,7 Prozent, 2022 sogar nur 61,3 Prozent. Die Forschenden bezeichnen den Anstieg als statistisch signifikant. Besonders bei den Jüngsten hat sich etwas bewegt: Eltern von Ein- und Zweijährigen lesen heute häufiger vor als noch vor zwei Jahren.
Die Kehrseite: In knapp einem Viertel der Familien, 23,6 Prozent, lesen die Eltern selten oder nie vor. In Familien mit formal niedriger Bildung lesen 70 Prozent der Eltern regelmäßig vor, bei formal höherer Bildung sind es 80 Prozent.
Warum Vorlesen so viel bewirkt Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, haben laut Stiftung Lesen schon früh einen größeren Wortschatz, lernen leichter lesen, sind einfühlsamer und schneiden in vielen Fächern besser ab. Ein wichtiger Grund steckt im Gespräch: Anders als reine Hörmedien wie Hörspiele lädt Vorlesen zum Dialog ein – Kinder stellen Fragen und reden über Figuren und Handlung. „Beim Vorlesen können Eltern ihre Kinder zum Sprechen ermutigen“, sagt Studienautor Timm Albers. Das stärkt nebenbei Wortschatz und Sprachverständnis.
Die Zahlen passen dazu: Von den Eltern, die regelmäßig vorlesen, berichten 41 Prozent, dass ihr Kind oft Fragen stellt oder sie über die Geschichte sprechen. Bei Eltern, die seltener vorlesen, sind es 20 Prozent. Und weil Unterschiede im Wortschatz laut Studie – sie beruft sich auf den Nationalen Bildungsbericht 2026 – schon mit zwei Jahren messbar sind, zählt jede frühe Geschichte.
Was Lesepatinnen und Lesepaten tun Hier setzen Ehrenamtliche an. Die Studie hält in ihren Folgerungen fest, dass freiwillig Engagierte beim Vorlesen einen echten Unterschied machen können. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Ehrenamtliche lesen in Kitas und Schulen, im Hort, in Vereinen und in Bibliotheken vor – viele dieser Einrichtungen freuen sich laut Stiftung Lesen über solche Angebote.
Ein Modell für den Einstieg ist die Vorlesecrew: Drei bis fünf Menschen tun sich zusammen, teilen sich die Termine und lesen regelmäßig in einer Einrichtung ihrer Wahl. Das senkt die Hürde, denn niemand muss jeden Termin allein stemmen.
Intensiver ist das Lesementoring. Beim Verein MENTOR – Die Leselernhelfer, der unter dem Dach des Lesementor-Bundesverbands steht, begleitet eine Mentorin oder ein Mentor ein einzelnes Kind, mindestens ein Jahr lang. Man trifft sich wöchentlich in der Schule, liest gemeinsam und spricht anschließend über die Texte, auch Sprach- und Bewegungsspiele gehören dazu. Nach Angaben des NRW-Schulministeriums betreuen bundesweit über 17.500 Mentorinnen und Mentoren rund 23.500 Lesekinder, organisiert in etwa 140 Vereinen. Alle legen ein erweitertes Führungszeugnis vor und sind versichert. Das Motto des Bundesverbands bringt es auf den Punkt: „Zeit schenken, Lesefreude teilen, Zukunft eröffnen“.
Wie du mitmachen kannst Ein guter Anlass steht vor der Tür: Am Freitag, 20. November 2026, ist Bundesweiter Vorlesetag – nach Angaben der Initiatorinnen Deutschlands größtes Vorlesefest. Er findet seit 2004 immer am dritten Freitag im November statt, in diesem Jahr unter dem Motto „Ich lese vor – du auch?“. Wer mitmachen möchte, kann auf vorlesetag.de einen Vorleseort suchen, eine Geschichte aussuchen und die eigene Aktion anmelden. Neu in diesem Jahr: Kitas, Schulen und andere Bildungseinrichtungen können über das Engagementportal der Stiftung Lesen Gesuche einstellen – Freiwillige finden dort gezielt eine passende Einrichtung.
Die Stiftung Lesen rät, zuerst eine Einrichtung zu suchen und einen unverbindlichen Schnuppertermin zu vereinbaren. Lesetipps für verschiedene Altersgruppen gibt es bei der Stiftung, aber auch in Bibliotheken und Buchhandlungen vor Ort. Zur Vorbereitung bietet der Online-Campus der Stiftung Lesen kostenfreie Kurse, Erfahrene können sich dort in Zertifikatskursen weiterbilden. Wer lieber ein Kind über längere Zeit begleiten möchte, wendet sich an einen Lesementor-Verein in der Nähe.
Und vielleicht wirkt das Ganze sogar über Generationen: Die Initiatorinnen des Vorlesetags verweisen auf einen Zusammenhang aus dem Vorlesemonitor – wem als Kind vorgelesen wurde, der liest später mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst vor. Eine Geschichte an einem dunklen Herbstnachmittag kann also weit tragen.
Themen: Vorlesen, Lesepaten, Kinder, Leseförderung, Ehrenamt, Bildung, Stiftung Lesen
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