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Lachen als Visite: Klinikclowns bringen seit über 30 Jahren Leichtigkeit
Vor über 30 Jahren kamen in Wiesbaden die ersten Klinikclowns an deutsche Kinderbetten. Heute sind allein im Dachverband rund 360 Clowns in mehr als 500 Einrichtungen unterwegs. Studien deuten auf weniger Angst bei Kindern vor Operationen hin – und auf mehr Leichtigkeit und Selbstbestimmung im Pflegeheim.
Von Madalina ·
Eine rote Nase, ein zu großer Kittel, eine Seifenblase im richtigen Moment: Wenn Klinikclowns ins Zimmer kommen, wird ein Krankenhaustag für ein paar Minuten zu etwas anderem. Was in Deutschland als Versuch auf einer Wiesbadener Kinderstation begann, ist in über drei Jahrzehnten zu einem bundesweiten Netz gewachsen. Es reicht längst über die Kinderklinik hinaus – bis in Pflegeheime, Hospize und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Und die Forschung liefert inzwischen gute Gründe, warum das mehr ist als nette Unterhaltung.
Von New York nach Wiesbaden Die Idee stammt aus den USA. Als Begründer der Bewegung gilt Michael Christensen, Mitgründer des New Yorker Big Apple Circus, der ab 1986 mit seiner „Clown Care“ Clowns in amerikanische Kinderkliniken brachte. Nach Deutschland kam das Konzept mit Laura Fernandez, einer gebürtigen New Yorkerin, die selbst zum Big Apple Circus gehört hatte. 1993 fand sie gemeinsam mit zwei weiteren Clowns an den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden Verbündete: in der Klinikleitung und beim damaligen Chef der Kinderklinik, Prof. Michael Albani.
Im Juni 1994 wurde der Verein Die Clown Doktoren gegründet – nach Angaben einer Hamburger Studie der erste Klinikclown-Verein in Deutschland. Die Kinderkliniken der Frankfurter Uniklinik folgten im Mai 1995, die Kinderklinik der Mainzer Universitätskliniken im Oktober 1996. Die Clown Doktoren sind bis heute unterwegs, unter anderem in Kliniken in Wiesbaden, Frankfurt, Gießen und Kaiserslautern.
Andere Regionen zogen nach. In Bayern etwa machten Klinikclowns am 28. Januar 1998 ihre erste Visite im Münchner Dr. von Haunerschen Kinderspital. 2004 gründeten vier der am längsten tätigen Vereine einen gemeinsamen Dachverband, der heute Clowns in Medizin und Pflege Deutschland heißt. Derzeit gehören ihm 20 Vereine an. Allein deren Clowns – 2024 waren es 359 – kamen in jenem Jahr in 504 medizinische und pflegerische Einrichtungen in ganz Deutschland. Rund 23.000 Einsätze pro Jahr nennt der Verband.
Ein Handwerk, kein Zeitvertreib Klinikclowns sind keine Spaßmacher, die mal eben vorbeischauen. Für die Arbeit im Seniorenheim etwa durchlaufen sie eine mehrjährige Ausbildung samt Probezeit, danach folgen laufend Fortbildungen und Supervision. Viele bringen Bühnenerfahrung aus Schauspiel, Tanz oder Gesang mit, und meist treten sie zu zweit auf, damit sich die Partner gegenseitig auffangen können. Seit 2014 vergibt der Dachverband ein Qualitätssiegel. Die Kriterien werden bei der Aufnahme eines Vereins vor Ort geprüft und müssen alle zwei Jahre bestätigt werden. Gefragt sind neben Improvisation und Clownsspiel auch Einfühlungsvermögen, Selbstfürsorge und Grundwissen in Medizin, Pflege und Hygiene.
Was Studien bei Kindern zeigen Hilft das wirklich? Für Kinder im Krankenhaus gibt es inzwischen eine Reihe kontrollierter Studien. Forschende der Universität zu Köln und der Universität Witten/Herdecke werteten 2019 elf randomisierte Studien mit insgesamt 733 Kindern aus. Ihr Ergebnis: Kinder, die vor einer Operation Besuch von Clowns bekamen, hatten weniger Angst. Eine weitere Meta-Analyse israelischer Kinderärzte aus dem Jahr 2023, die 18 randomisierte Studien umfasst, kommt zu einem ähnlichen Bild – auch die Angst der Eltern sank. Bei Schmerzen zeigte sich dagegen nur eine Tendenz, die statistisch nicht gesichert war.
Zur Ehrlichkeit gehört: Die Kölner und Wittener Forschenden stufen die Qualität der Belege als sehr niedrig ein. Die einzelnen Studien umfassen jeweils nur 40 bis 120 Kinder, und weil alle Beteiligten sehen, ob ein Clown im Raum ist, lassen sie sich nicht verblinden. Die Ergebnisse weisen also in eine gute Richtung, sind aber kein endgültiger Beweis.
Auch in Deutschland wurde die Arbeit untersucht. Für eine 2013 veröffentlichte Studie befragten Hamburger Forschende bundesweit 87 Klinikclowns sowie Eltern und Klinikpersonal an vier Hamburger Kliniken. Eltern und Personal berichteten vor allem von besserer Stimmung und weniger Stress bei den Kindern, negative Folgen wurden praktisch nicht genannt. Eine Kontrollgruppe hatte diese Befragung allerdings nicht.
Vom Kinderbett ins Pflegeheim Erfunden wurde die Klinikclownerie für Kinder. Seit Ende der 1990er-Jahre sind Clowns in Deutschland aber auch auf Erwachsenenstationen und in der Altenhilfe unterwegs. Dort sieht ihre Arbeit anders aus: Den Arztkittel lassen sie im Seniorenheim im Schrank, um nicht an medizinisches Personal zu erinnern. Stattdessen kommen sie schick, aber „knapp daneben“ gekleidet, wie es im Abschlussbericht einer Studie heißt.
Wie diese Besuche wirken, hat die Technische Hochschule Deggendorf von 2019 bis 2022 in der Studie CAsHeW untersucht, gefördert vom Bundesgesundheitsministerium mit rund 500.000 Euro. Beteiligt waren 20 Altenhilfeeinrichtungen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz. 18 Clowns forschten mit: Sie zeichneten Besuche auf und schrieben Berichte über ihre eigene Arbeit. Dazu führte das Forschungsteam 55 Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern, Pflegekräften, Mitarbeitenden aus dem Sozialdienst und Heimleitungen. Weil die Corona-Pandemie die Heime zeitweise abschottete, musste das Team seine Methoden unterwegs anpassen.
Das Ergebnis: Die Clownsbesuche können das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner steigern, vor allem als emotionale Entlastung. Die entsteht laut Studie nicht nur durch Lachen. Manche sprechen bei den Clowns Belastendes aus, andere erleben ein Stück Selbstbestimmung. Sie entscheiden, worum sich die Begegnung dreht – und auch, ob sie die Clowns wieder wegschicken. Das werten die Forschenden ausdrücklich nicht als Scheitern. Menschen mit Demenz können die Clowns der Studie zufolge kurzzeitig aus einer gedanklichen Schleife holen. Mit Musik, bunten Farben und Berührung erreichen sie auch Menschen, mit denen kein Gespräch mehr möglich ist. Die Studie nennt Clowns im Heim „menschliche Stimmungsaufheller“. Studienleiter Michael Bossle, Professor für Pflegepädagogik, empfiehlt Langzeitpflegeeinrichtungen die Besuche als ergänzendes Angebot.
Auch diese Studie hat Grenzen, und sie benennt sie selbst: Sie ist qualitativ und erkundend angelegt, misst also keine Effekte in Zahlen, und ihre Ergebnisse sind nicht repräsentativ. Interviews gaben vor allem Menschen, die den Clowns ohnehin positiv gegenüberstehen. Hinzu kommt: Der Dachverband war Partner des Projekts. Bemerkenswert ist trotzdem ein Befund aus der Pandemie: Als die Clowns nicht kommen durften, beschrieben Befragte, was ohne ihre Besuche fehlte.
Was bleibt Viele Klinikclown-Vereine finanzieren ihre Arbeit aus Spenden. Schon 2014 übergab der Dachverband dem Bundesgesundheitsministerium eine Petition für mehr finanzielle Unterstützung und Anerkennung. Die gute Nachricht nach über 30 Jahren: Aus der Idee einiger weniger Clowns ist ein professionelles Netz geworden, das in Hunderten Einrichtungen Lachen, Zuwendung und ein bisschen Freiheit ans Bett bringt – von der Kinderstation bis ins Pflegeheim.
Themen: Klinikclowns, Humor, Kinderklinik, Pflegeheim, Demenz, Lebensqualität, Gesundheit
Lachen als Visite: Klinikclowns bringen seit über 30 Jahren Leichtigkeit