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Kunststoff aus Bioabfall: TU-Hamburg-Ausgründung EveryCarbon gewinnt SPRIND-Challenge
Mit Bakterien macht das Start-up aus Bioabfall Kunststoff für Dämmplatten – und siegt nach drei Jahren Wettbewerb.
Von Michael Beier ·
Aus organischem Abfall soll ein Kunststoff werden, der Häuser dämmt und Bauteile zusammenhält: Mit dieser Idee hat das Start-up EveryCarbon, eine Ausgründung der Technischen Universität Hamburg (TUHH), die SPRIND Challenge „Circular Biomanufacturing“ gewonnen. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen hatte drei Jahre lang Teams gefördert, die kohlenstoffhaltige Abfälle mithilfe von Mikroorganismen in neue Produkte verwandeln. Am Ende bestimmte eine Expertenjury EveryCarbon zum Sieger.
Bakterien als Vorarbeiter Das Verfahren läuft in zwei Stufen. Zuerst werden gemischte organische Abfälle, etwa aus Haushalten oder der Lebensmittelproduktion, unter Luftabschluss vergoren und in flüssige und feste Bestandteile getrennt. Dann übernimmt ein gentechnisch veränderter Bakterienstamm: Er macht aus der Flüssigkeit 2,3-Butandiol, einen chemischen Grundbaustein. Durch chemische Synthese entsteht daraus ein Polyester, den das Team ECOne nennt.
Gedacht ist der Werkstoff für Dämmplatten, Schmelzklebstoffe und Spritzgussteile, zum Beispiel im Bau, in Autos und in der Elektronik. In Dämmplatten könnte er herkömmlichen XPS-Hartschaum ersetzen. Laut Team nimmt ECOne ebenso wenig Wasser auf wie fossile Kunststoffe und bleibt unter Hitze formstabil; seine Herstellung soll zudem weniger CO₂ verursachen. Biologisch abbaubar ist der Kunststoff bewusst nicht – er soll lange halten, auch in feuchter Umgebung.
Die Hürde: 180 Tage ohne Pause Die Anforderungen der Challenge waren hoch. Gefragt war eine Produktionsplattform, die mindestens 180 Tage am Stück läuft und mindestens drei Produkte hervorbringt. EveryCarbon schaffte 180 Tage Fermentation ohne Verunreinigung und ohne Antibiotika. Dazu baute das Team eine Miniplant in Containern auf einer Kläranlage und entwickelte eine digitale Überwachung für den späteren Großbetrieb. „Wir haben mit einem Bakterienstamm und einer Skizze auf Papier angefangen“, sagt CEO und Mitgründer Sebastian Beblawy.
Drei Jahre, drei Stufen Der Wettbewerb startete im November 2023 mit acht Teams, die in der ersten Stufe jeweils bis zu 1,5 Millionen Euro bekamen. Sechs Teams erhielten in Stufe zwei je 2 Millionen Euro. In der dritten Stufe ab Oktober 2025 gab es pro Team bis zu 2,5 Millionen Euro für zwölf Monate. Statt klassischer Zuschüsse vergibt die SPRIND dabei vorkommerzielle Aufträge. Ein zusätzliches Preisgeld für den Sieg gab es nach Angaben von Beblawy nicht.
Vier Teams brachten die letzte Stufe zu Ende. Neben EveryCarbon waren das C3 Biotech mit Acrylglas aus landwirtschaftlichen Abfällen, Biophelion mit günstigen Bioprozessen auf Pilzbasis und Amphistar mit Biotensiden aus gebrauchtem Speiseöl.
Wurzeln an der TU Hamburg Zur Abfallbiotechnologie kam Beblawy über die Arbeitsgruppe seines Doktorvaters Johannes Gescher, der heute das Institut für Technische Mikrobiologie der TUHH leitet. Neben Beblawy gehört Apolonio Huerta zu den Gründern. Ursprünglich stammt das Team aus Hamburg, seinen Sitz hat das Unternehmen laut dem Fachportal Cleanthinking heute in Tübingen. Mit der TUHH arbeitet es weiterhin eng zusammen: An dem von der SPRIND geförderten Projekt waren laut TUHH 2025 zahlreiche Partner beteiligt, darunter das Institut für Technische und Makromolekulare Chemie der Universität Hamburg. Im September 2026 wurde zudem bekannt, dass EveryCarbon einen Unterauftrag im TUHH-geleiteten Forschungsprojekt FLAIR erhalten hat. Dort soll eine Anlage mit 10.000 Litern zeigen, ob sich Bausteine für Polyester aus Lebensmittelresten im industriellen Maßstab gewinnen lassen.
Der nächste Schritt: vom Container zur Fabrik Nach Angaben des Unternehmens liegen Absichtserklärungen von Bauunternehmen und Materialherstellern vor, die Pilotproduktion läuft. Als Nächstes will EveryCarbon sich in bestehende Fermentationsanlagen einmieten, die 50-mal größer sind als die bisherige Pilotanlage. Später soll eine eigene Fabrik folgen, die mindestens 30.000 Tonnen pro Jahr herstellt.
Ganz am Ziel ist die Branche damit noch nicht. Die Herstellung von Stoffen mit Mikroorganismen gilt laut Bilanz der Challenge noch nicht als gelöst, Durchbrüche gab es bisher vor allem in Nischen. Der Sprung von der Pilotanlage in die industrielle Produktion steht allen vier Teams noch bevor. Beblawy blickt trotzdem nach vorn: Jetzt komme ECOne auf den Markt, und das Team werde „jedes Kohlenstoffatom zählen“ lassen.
Themen: EveryCarbon, SPRIND Challenge, Bioabfall-Kunststoff, Kreislaufwirtschaft, Dämmplatten, Biotechnologie, Nachhaltigkeit
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