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Krähen im Winter: Sie merken sich Gesichter und zählen ihre Rufe
Im Winter treffen sich Krähen zu Tausenden an ihren Schlafplätzen, darunter Gäste aus Nord- und Osteuropa. Forschende zeigen: Amerikanische Krähen merken sich Gesichter, Rabenkrähen zählen ihre Rufe mit und unterscheiden sogar die leere Menge von kleinen Zahlen.
Von Andre ·
Jetzt, wo es früh dunkel wird, lohnt sich gegen Sonnenuntergang ein Blick nach oben. Dann fliegen Krähen von ihren Nahrungsplätzen zu den gemeinsamen Schlafbäumen. Wer ihnen zusieht, schaut auf Tiere, die in den vergangenen Jahren in Forschungslaboren einiges an Respekt gewonnen haben.
Die Schlafgemeinschaften bilden sich schon im Spätsommer. Im Winter umfassen sie laut NABU oft Tausende Vögel, an manchen traditionsreichen Plätzen treffen sich sogar Zehntausende Saatkrähen. Ihre größte Stärke erreichen die Trupps zur Mittwinterzeit.
Besuch aus dem Norden und Osten Was über einer Stadt nach sehr vielen Krähen aussieht, ist meist keine Überbevölkerung. Die Schwärme bestehen laut NABU überwiegend aus Vögeln, die aus einem großen Umkreis zusammenkommen, und aus Wintergästen aus Nord- und Osteuropa. Auch das Bayerische Landesamt für Umwelt beschreibt das: Die großen Schwärme, die im Winterhalbjahr etwa in München und Augsburg auffallen, setzen sich aus heimischen Brutvögeln und Zugvögeln aus anderen Teilen Europas zusammen.
Beim Bestimmen hilft der Schnabel. Die Saatkrähen aus dem Norden verrät laut NABU ihr weißer Schnabelansatz. Oft sind sie gemischt mit Dohlen und Rabenkrähen unterwegs.
Warum sich die Nacht in der Gruppe lohnt Tagsüber suchen die Vögel Felder und andere Nahrungsplätze ab, am Nachmittag bilden sich dort größere Schwärme. Vor Sonnenuntergang geht es zum Schlafplatz, Strommasten und Leitungen dienen dabei als Treffpunkte: Die Drähte füllen sich nach und nach.
Der NABU nennt mehrere Vorteile der Gemeinschaft. Sie schützt vor Feinden, in ihr fließen Informationen über ergiebige Nahrungsquellen, und wer noch allein ist, kann hier einen Brutpartner kennenlernen. Gerecht geht es dabei nicht zu: Es gibt eine Rangordnung, und wer oben steht, bekommt die besser geschützten Plätze.
Dass Schlafplätze auch in Städten liegen, hat ebenfalls handfeste Gründe. Dort ist es wärmer, es liegt weniger Schnee, und es gibt Abfälle, Kunstlicht und hohe Sitzplätze. Ab März werden die Gemeinschaften kleiner, im April lösen sie sich meist auf, und die Saatkrähen ziehen in ihre Brutgebiete.
Ein Gesicht bleibt in Erinnerung Wie gut Krähen uns Menschen im Blick haben, zeigte der Biologe John Marzluff von der University of Washington in Seattle. 2006 fingen er und seine Studierenden Krähen auf dem Campus, später auch an anderen Orten rund um Seattle, beringten sie und trugen dabei Gummimasken. Einige Tage danach gingen sie mit verschiedenen Masken durch dieselben Gebiete.
Das Ergebnis: Die Vögel ignorierten alle Masken außer der, die beim Beringen getragen worden war. Sie wurde laut beschimpft, auch kleine Trupps bildeten sich. Kleidung und die Person unter der Maske spielten keine Rolle. Marzluff sagte dem Magazin National Wildlife, „not a whole lot mattered except the face“: Außer dem Gesicht habe kaum etwas gezählt.
Bemerkenswert ist, wie lange das anhielt. Knapp sieben Jahre nach Beginn schimpften die Krähen noch immer, obwohl sie die Maske nur zweimal im Jahr für einige Stunden sahen. Der Anteil der beteiligten Vögel hatte sich etwa verdoppelt, und die meisten davon waren nie beringt worden, einige erst Jahre später geschlüpft. Die Warnung wurde offenbar weitergegeben. Danach ließ das Schimpfen langsam nach: 17 bis 18 Jahre nach dem Start, 2023 und 2024, war kaum noch ein Vogel zu hören.
Getestet wurden Amerikanische Krähen, also nicht die Arten, die bei uns überwintern. Marzluff vermutet, dass die Fähigkeit, Menschen auseinanderzuhalten, Krähen beim Leben in der Stadt hilft.
Tübingen: Die Null und die mitgezählten Rufe Für Rabenkrähen, die auch bei uns leben, kommen viele Erkenntnisse von der Universität Tübingen, aus der Arbeitsgruppe des Neurobiologen Andreas Nieder. 2021 berichtete das Team im Journal of Neuroscience über zwei Rabenkrähen, die Punktmuster von null bis vier vergleichen sollten, also auch ein Bild ganz ohne Punkte.
Eine der beiden behandelte die Null dabei ähnlich wie einen Zahlenwert: Sie verwechselte die leere Menge in rund 28 Prozent der Fälle mit der Eins, aber nur in knapp 20 Prozent mit der Zwei. Die Nachbarzahl liegt also näher, wie auf einem inneren Zahlenstrahl. Die zweite Krähe unterschied die kleinen Zahlen so sicher, dass sich ein solcher Effekt bei ihr nicht messen ließ. Im Gehirn fand das Team zudem viele Nervenzellen, die gezielt auf die Null reagierten. Der Schluss der Autoren: Diese Vorstufe eines Null-Konzepts ist nicht auf den Neokortex von Primaten beschränkt.
2024 folgte in der Fachzeitschrift Science eine Studie mit drei Rabenkrähen. Sie lernten, auf ein Bild oder einen Ton hin ein bis vier Rufe auszustoßen und die Reihe mit einem Pick auf einen Knopf abzuschließen. Alle drei konnten ihre Rufe mitzählen. Und schon am ersten Ruf ließ sich ablesen, wie viele es insgesamt werden würden. Die Tiere planen die Zahl ihrer Rufe also im Voraus.
Hinweise auf bewusstes Wahrnehmen Noch einen Schritt weiter geht eine Arbeit von 2020, ebenfalls in Science. Zwei Krähen zeigten per Kopfbewegung an, ob sie auf einem Bildschirm etwas gesehen hatten. Manche Reize lagen an der Wahrnehmungsschwelle. Meldeten die Vögel einen Reiz, waren bestimmte Nervenzellen zwischen Reiz und Reaktion aktiv. Meldeten sie nichts, blieben diese Zellen still.
Die Forschenden werten das als erste neurobiologische Belege für bewusste Wahrnehmung bei Vögeln. Da Vogelhirne anders aufgebaut sind als die von Menschen und anderen Primaten, könnte das Bewusstsein älter und verbreiteter sein als gedacht, oder es ist bei beiden Gruppen unabhängig entstanden. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Krähe lebte vor rund 320 Millionen Jahren. Die Einschränkung gehört dazu: All diese Laborstudien arbeiten mit sehr wenigen Tieren.
Werkzeuge aus mehreren Teilen Auch das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen hat zu Krähen geforscht. Gemeinsam mit der Universität Oxford berichtete es 2018 über Neukaledonische Geradschnabelkrähen, die zu kurze Einzelteile zu längeren Werkzeugen zusammensteckten, um an Futter zu kommen. Am Ende baute einer der acht Vögel Werkzeuge aus drei und sogar vier Teilen, ohne Hilfe oder Training.
Kluge Nachbarn, nicht immer leise Das Zusammenleben ist trotzdem nicht immer einfach. Saatkrähen sind sehr mitteilsam, und wer direkt neben einer großen Kolonie wohnt, hat vor allem von März bis Mai mit dem Lärm zu kämpfen. Auch über große Vogelschlafplätze in Städten gibt es Klagen, etwa wegen Lärm und Kot. Vertreiben löst das Problem allerdings oft nicht: Laut Landesamt zerfallen Kolonien bei unkoordinierten Aktionen meist in Teilkolonien, der Ärger zieht dann weiter und tritt an mehreren Stellen auf. Das Landesamt verweist auf ein eigenes Konzept zum Umgang mit Saatkrähenkolonien in Bayern.
Dass es diese Debatte überhaupt gibt, hat auch einen erfreulichen Grund. In Bayern war der Bestand durch intensive Verfolgung bis etwa 1955 auf rund 1.000 Brutpaare gesunken. Seit 1977 steht die Saatkrähe auf Grundlage des Bundesnaturschutzgesetzes unter besonderem Schutz, in der Folge hat sich der Bestand langsam erholt, laut Landesamt bis heute. Die Saatkrähen in Bayern zeigen also auch, dass sich ein Bestand wieder erholen kann. Und wer abends zu den schwarzen Vögeln hochschaut, darf sich ruhig fragen, ob da oben gerade jemand das eigene Gesicht abspeichert.
Themen: Krähen, Saatkrähen, Rabenkrähen, Wintergäste, Vögel im Winter, Tierintelligenz, Universität Tübingen, Schlafplätze
Krähen im Winter: Sie merken sich Gesichter und zählen ihre Rufe