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KI erkennt Herzrisiken im EKG: Was die Analyse in nur zwei Sekunden wirklich leisten kann
Ein KI-System findet in Routine-EKGs Hinweise auf Herzschwäche und Klappenfehler – in Sekunden, nicht als Diagnose.
Von Ulrike ·
Zwei Sekunden fürs Herz: KI entdeckt im Routine-EKG Hinweise, die Menschen kaum sehen können Ein Elektrokardiogramm gehört zu den Klassikern der Medizin. Zehn Sekunden messen, ein paar gezackte Linien betrachten – und schon lassen sich Herzrhythmus, Frequenz und manche akuten Probleme beurteilen. Doch offenbar steckt in diesen Kurven weit mehr Information, als das menschliche Auge erkennen kann.
Ein Forschungsteam um das Imperial College London hat eine künstliche Intelligenz entwickelt, die aus gewöhnlichen EKG-Daten Hinweise auf strukturelle Herzerkrankungen herauslesen kann. Für die Analyse benötigt das System weniger als zwei Sekunden. Besonders interessant: Es soll unter anderem eine eingeschränkte Pumpfunktion des Herzens und bestimmte Herzklappenerkrankungen erkennen können.
Das könnte aus einem über hundert Jahre alten Untersuchungsverfahren plötzlich eine Art Frühwarnsystem machen.
Millionen Herzkurven als Trainingsmaterial Damit eine KI Unterschiede erkennt, die für Menschen kaum sichtbar sind, braucht sie vor allem eines: sehr viele Beispiele.
Für die Entwicklung des Systems wurden nach Angaben der British Heart Foundation rund 10,6 Millionen EKGs samt klinischer Befunde verwendet. Anschließend lernte das Modell anhand von weiteren 72.475 EKGs , die mit Ergebnissen bildgebender Herzuntersuchungen verknüpft waren, welche feinen Veränderungen mit bestimmten Erkrankungen zusammenhängen.
Der Ansatz ähnelt ein wenig einem Menschen, der Millionen Handschriften gesehen hat und schließlich Unterschiede bemerkt, die anderen gar nicht auffallen. Nur dass es hier nicht um Handschrift geht, sondern um winzige Muster in der elektrischen Aktivität des Herzens.
Was die KI tatsächlich erkannt hat Getestet wurde die Technologie bislang unter anderem an zwei voneinander getrennten Gruppen von US-Patientinnen und -Patienten: einer Gruppe mit 5.442 Personen und einer weiteren mit 61.520 Personen . Die Resultate wurden beim Kongress der European Society of Cardiology 2026 vorgestellt.
Bei einer deutlich verminderten Pumpfunktion des linken Herzventrikels – einem wichtigen Merkmal bestimmter Formen der Herzschwäche – identifizierte das System 77 Prozent der betroffenen Personen in der kleineren und 81 Prozent in der größeren Gruppe.
Auch bei Herzklappenerkrankungen zeigte die KI auffällige Ergebnisse. Eine Aortenstenose, bei der sich die Aortenklappe nicht mehr ausreichend öffnet, erkannte sie bei 90 Prozent der Betroffenen in der kleineren Gruppe. In der deutlich größeren Vergleichsgruppe lag der Wert allerdings bei 80 Prozent .
Das ist eine wichtige Differenzierung: Die häufig zitierte 90-Prozent-Zahl bedeutet also nicht, dass die KI generell neun von zehn Herzerkrankungen zuverlässig diagnostiziert.
Auch statistisch schwankte ihre Trennschärfe je nach Erkrankung. Für eine reduzierte Pumpfunktion erreichte sie in der größeren Gruppe einen sogenannten AUROC-Wert von 0,90 – ein starker Wert. Bei der Aortenstenose waren es dagegen 0,73. Je näher dieser Wert an 1 liegt, desto besser kann ein Verfahren Erkrankte von Nicht-Erkrankten unterscheiden.
Das eigentliche Versprechen liegt nicht in der Geschwindigkeit Zwei Sekunden klingen spektakulär. Der medizinisch interessantere Punkt ist jedoch ein anderer.
EKGs werden ohnehin millionenfach angefertigt – bei Brustschmerzen, vor Operationen, bei Herzrhythmusstörungen oder im Rahmen anderer Untersuchungen. Eine KI könnte solche bereits vorhandenen Untersuchungen im Hintergrund zusätzlich auswerten.
Ein Patient kommt also möglicherweise aus einem ganz anderen Grund zum EKG – und die Software entdeckt dabei Hinweise auf eine Erkrankung, nach der ursprünglich niemand gesucht hat.
Genau hier könnte der größte Nutzen liegen: Menschen mit auffälligem Befund könnten gezielter und schneller zu einer Echokardiografie, also einem Herzultraschall, überwiesen werden. Das knappe und deutlich aufwendigere Untersuchungsverfahren würde dann bevorzugt bei denjenigen eingesetzt, bei denen das Risiko besonders hoch erscheint.
Die KI wäre damit weniger ein digitaler Kardiologe als vielmehr ein sehr aufmerksamer zusätzlicher Türsteher vor der nächsten Diagnostik.
Der Herzultraschall bleibt entscheidend So vielversprechend die Ergebnisse sind: Aus einem auffälligen KI-EKG folgt noch keine Diagnose.
Die British Heart Foundation weist ausdrücklich darauf hin, dass das System Herzschwäche oder Herzklappenerkrankungen weder sicher bestätigen noch ausschließen kann . Für die genaue Beurteilung der Herzstruktur bleibt insbesondere die Echokardiografie entscheidend.
Auch bereits veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten zu KI-gestützter EKG-Auswertung zeigen dieses Bild. Eine internationale, peer-reviewte Studie im European Heart Journal bestätigte beispielsweise, dass KI aus EKGs Hinweise auf relevante Herzklappenfehler gewinnen kann. Die Autoren betonen jedoch selbst, dass die Echokardiografie weiterhin der diagnostische Goldstandard bleibt und die tatsächlichen Auswirkungen solcher KI-Systeme auf die Behandlung in prospektiven Studien geprüft werden müssen.
Das ist ein entscheidender Punkt: Ein guter Algorithmuswert allein beweist noch nicht, dass Menschen dadurch länger oder gesünder leben.
Jetzt kommt der Test im Klinikalltag Der nächste Schritt läuft bereits. Nach Angaben der British Heart Foundation wird das System derzeit bei 590 NHS-Patientinnen und -Patienten in London und Bristol untersucht. Dabei soll sich zeigen, wie gut die Technologie außerhalb großer vorhandener Datensätze im tatsächlichen Versorgungsalltag funktioniert.
Das Forschungsteam hält einen routinemäßigen klinischen Einsatz perspektivisch innerhalb von etwa zwei Jahren für möglich. Das ist jedoch eine Einschätzung der Entwickler und kein feststehender Einführungstermin.
Besonders spannend wäre langfristig die Verbindung mit kleineren oder tragbaren EKG-Geräten. Dann könnte eine Untersuchung, die seit Generationen zur medizinischen Grundausstattung gehört, plötzlich Informationen liefern, für die heute noch deutlich aufwendigere Verfahren nötig sind.
Manchmal braucht medizinischer Fortschritt eben keinen völlig neuen Test. Manchmal genügt es, einen alten Test noch einmal sehr viel genauer anzusehen.
KI erkennt Herzrisiken im EKG: Was die Analyse in nur zwei Sekunden wirklich leisten kann