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Kammermusik zum Mitreden: Frankfurter Pflegeheime holen Konzerte für Menschen mit Demenz
Geschulte Musiker spielen in Frankfurter Pflegeheimen für Menschen mit Demenz. Forschende prüfen, was das bewirkt.
Von Ulrike ·
Wer ein klassisches Konzert besucht, kennt die Spielregeln: stillsitzen, schweigen, geklatscht wird am Schluss. In Frankfurt wird dieses Ritual gerade freundlich auf den Kopf gestellt. Die Kronberg Academy bringt ihre Gesprächskonzerte für Menschen mit Demenz jetzt direkt in Pflegeheime der Stadt. Die Musik kommt also zum Publikum, und das Publikum darf mitmachen.
Ob sich das messbar lohnt, ist noch offen. Genau das soll die Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt herausfinden. Für drei Jahre gibt es dafür eine Förderung der Reiss Stiftung.
Wenn spontane Reaktionen zum Programm gehören Gespielt wird Kammermusik, die zur Lebenswelt der Bewohnerinnen und Bewohner passen soll. Die Ansprache bleibt einfach, das Publikum soll sich beteiligen und ins Gespräch kommen. Was spontan aus dem Publikum kommt, stört nicht, sondern fließt in den Ablauf ein. „Es geht darum, Druck rauszunehmen, Reaktionen aufzunehmen und einzubauen“, sagt Arthur Schall, der als Psychologe, Musikwissenschaftler und Kunsthistoriker an der Goethe-Universität arbeitet und das Projekt wissenschaftlich begleitet.
Das stellt auch an die Musikerinnen und Musiker andere Ansprüche als die Bühne. Neben dem Instrument zählt im Pflegeheim auch der Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Deshalb werden die Künstler eigens dafür geschult. „Die Vermittlungskompetenz ist das A und O“, sagt Schall. Die Konzerte schaffen aus seiner Sicht einen „geschützten Raum voller Klang, Erinnerung und lebendiger Begegnung“.
Vom Konzertsaal ins Pflegeheim Ganz neu ist die Idee nicht. Für das Frühjahr 2023 kündigten die Kronberg Academy und die Goethe-Universität in Kronberg im Taunus ein Pilotprojekt an: Studierende der Academy sollten Cello-Recitals mit eingängiger Klassik für Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz und ihre Angehörigen spielen. Den Cellisten sollten Psychologen der Universität darauf vorbereiten. Für Februar 2026 luden die Partner dann zu kostenlosen Gesprächskonzerten nach Kronberg ein, diesmal auch gemeinsam mit der Stiftung Tangente.
Der Schritt in die Heime erweitert den Kreis: Das Angebot erreicht nun Menschen dort, wo sie leben. Wie viele das Thema betrifft, zeigt ein Blick auf Hessen: Dort leben laut einer Schätzung, die das Landesministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege nennt, mehr als 125.000 Menschen über 65 Jahre mit einer Demenzdiagnose.
Auch langfristig soll die Frage nach der Wirkung von Musik in Kronberg ihren Platz haben. Dort soll das Kronberg Institute for Music and Health ein eigenes Gebäude bekommen. Das Institut will erforschen, wie Musik auf Körper und Psyche wirkt. Der Baubeginn war laut einer Mitteilung vom März für Herbst 2026 vorgesehen, die Fertigstellung für Ende 2028. Die Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität soll weitergehen.
Was die Forschung klären will Die Frankfurter Altersmediziner haben mehrere Fragen: Fühlen sich die Bewohnerinnen und Bewohner wohler, steigt ihre Lebensqualität, fällt die Verständigung leichter? Und gehen Stress und depressive Symptome zurück? Ergebnisse nennen die bisherigen Berichte nicht. Auch wie viele Heime und Teilnehmende beteiligt sind, geht daraus nicht hervor.
Dass die Frage eine ehrliche Prüfung verdient, zeigt ein Blick auf die internationale Forschung. Die MIDDEL-Studie schloss 1.021 Pflegeheimbewohner mit Demenz und leichten depressiven Symptomen in sechs Ländern ein, darunter Deutschland. Nach sechs Monaten senkten Gruppenmusiktherapie und Chorsingen depressive Symptome nicht stärker als die übliche Versorgung. Das Ergebnis lässt sich allerdings nicht einfach übertragen: Dort ging es um aktives Musizieren in Gruppen und um die Wirkung nach einem halben Jahr, nicht um Konzerte und nicht um das, was ein einzelner Nachmittag auslöst.
Ein Heilmittel versprechen die Frankfurter Konzerte also nicht. Sie sind der Versuch, Menschen mit Demenz ein Stück Kultur ins Haus zu bringen und zugleich sauber zu untersuchen, was davon ankommt. Aus den Ergebnissen soll sich zudem ablesen lassen, wie Heime Kulturangebote dieser Art auf Dauer einsetzen können. Bis dahin bleibt immerhin eines sicher: In diesen Konzerten muss niemand schweigen.
Themen: Demenz, Musik Demenz, Pflegeheim, Frankfurt, Kammermusik, Lebensqualität, Forschung
Kammermusik zum Mitreden: Frankfurter Pflegeheime holen Konzerte für Menschen mit Demenz