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Kaffee statt Bier am Millerntor: Alkoholfreier St.-Pauli-Fanclub feiert 30 Jahre
Seit 30 Jahren stärken sich suchtkranke St.-Pauli-Fans gegenseitig. Am 14. November feiern sie im Stadion.
Von Michael Beier ·
Zwei Stunden vor jedem Heimspiel des FC St. Pauli treffen sich Fans direkt gegenüber vom Fanladen an einer Beachflag. Wer erst kürzlich mit Alkohol oder Drogen aufgehört hat, muss von hier aus nicht allein ins Stadion gehen. Die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen, kurz WBK, sind zugleich offizieller Fanclub, Selbsthilfegruppe und suchtpolitische Initiative. Jetzt blicken sie auf 30 Jahre Arbeit zurück und laden am 14. November zu einer alkoholfreien Sober-Gala ins Millerntorstadion ein.
Zwei Fans und ein Kaffeeklatsch Der Anfang war klein. Zwei langjährige Dauerkartenbesitzer lernten sich 1996 während einer Therapie nach dem Alkoholentzug kennen. Auf die Heimspiele wollten sie nicht verzichten. Also trafen sie sich zum „Weiß-braunen Kaffeeklatsch“ und gingen zusammen ins Stadion. Daraus wuchs mit den Jahren eine Selbsthilfegruppe.
Den Kaffeeklatsch gibt es noch immer, jeden zweiten Montag im Monat ab 17 Uhr im Fanladen, für Mitglieder und Interessierte. Die Selbsthilfegruppe kommt in der Regel alle zwei Wochen samstags zusammen und steht auch Menschen offen, die nicht zum Fanclub gehören. Willkommen sind Menschen mit einer Suchterkrankung, die gerade erst aufgehört haben oder schon länger abstinent leben, ob es um Alkohol, Drogen, Medikamente oder Spielsucht geht. Auch Angehörige gehören zur Gemeinschaft. Den ersten Kontakt stellt man per E-Mail her, die Adresse steht auf der Website der Gruppe. Zudem stellt sich die Gruppe regelmäßig in Hamburger Therapieeinrichtungen und auf Entgiftungsstationen vor.
Ein Getränkestand mit Geschichte Sichtbar wurde die Arbeit auch im Stadion selbst. Als zur Saison 2019/20 ein Whiskey-Hersteller beim FC St. Pauli als Sponsor einstieg, startete die Gruppe eine Aufklärungskampagne und stellte Anträge an die Jahreshauptversammlung, unter anderem für vier alkoholfreie Stände. Der Verein lehnte das laut WBK 2020 zunächst aus wirtschaftlichen Gründen ab. Die WBK blieben dran, sammelten mit Aktionen und Spenden Geld und eröffneten im April 2022 das „Trockendock I“ im Umlauf der Gegengerade, nach eigenen Angaben den ersten komplett alkoholfreien Stand in einem deutschen Profifußballstadion. Ende Januar 2025 kam im Umlauf der Haupttribüne ein weiterer alkoholfreier Stand hinzu. Mit dem Verein erarbeitete die Gruppe außerdem ein Suchtpräventionskonzept.
Ein Feldzug gegen das Bier sollte das nicht sein: Es sei „nie um ein Alkoholverbot“ gegangen, schreiben die WBK über ihre Arbeit, sondern darum, das Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen.
Dafür gab es auch Anerkennung von außen. 2020 erhielt die Gruppe den mit 2.500 Euro dotierten Hamburger Selbsthilfepreis der Ersatzkassen, 2022 beim Deutschen Fußball-Kulturpreis die Auszeichnung „Fanclub des Jahres“.
Vorreiter mit Gästen aus anderen Kurven Inzwischen gibt es ähnliche Gruppen auch bei anderen Clubs. Eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur nannte im August neben den WBK Initiativen bei Union Berlin, beim Hamburger SV und auf Schalke und bezeichnete die St. Paulianer als Vorreiter.
Das zeigt auch die Gästeliste der Gala: Erwartet werden Mitglieder alkohol- und drogenfreier Fanclubs unter anderem aus Köpenick, Kaiserslautern, Gelsenkirchen und Braunschweig, und auch der HSV ist dabei. Dazu kommen St.-Pauli-Fans, Vertreterinnen und Vertreter des Vereins, Hamburger Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen.
Die Gala im Ballsaal Süd Das Motto des Abends lautet „feiern – austauschen – vernetzen“, Beginn ist um 19.10 Uhr. Auf dem Programm stehen Essen und alkoholfreie Getränke, Livemusik, eine Tombola und eine Revue durch drei Jahrzehnte Fanclub-Geschichte. Ernst wird es auch: Der Abend soll sich damit befassen, wie sich zwischen Fußball, Alkoholsponsoring und Inklusion bundesweit weitere Fortschritte erreichen lassen. Damit der Abend sich besser planen lässt, bittet die Gruppe um vorherige Anmeldung über die Plattform Eventfrog.
Themen: FC St. Pauli, Weiß-braune Kaffeetrinker, Selbsthilfe, Sucht, Alkoholfrei, Fankultur, Millerntor, Hamburg
Kaffee statt Bier am Millerntor: Alkoholfreier St.-Pauli-Fanclub feiert 30 Jahre