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Kälte bremste frühe Bauern wohl nicht: Was 121 Schneckenschalen über die Steinzeit verraten
Mainzer Forschende lesen Steinzeit-Klima aus Schneckenschalen – und finden an einem griechischen Fundplatz keinen Hinweis, dass Kälte die frühen Bauern aufhielt.
Von Tobias ·
Manchmal liegt der Schlüssel zu einem großen Rätsel der Menschheitsgeschichte im Küchenabfall. Am Fundplatz Franchthi an der Küste der griechischen Halbinsel Peloponnes aßen Menschen in der Jungsteinzeit Napfschnecken – kleine, kegelförmige Meeresschnecken, die an Felsen haften. Die leeren Schalen landeten im Abfall und blieben dort Jahrtausende erhalten. Ein Forschungsteam des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) in Mainz hat sie nun als Klimaarchiv genutzt. Das Ergebnis stellt eine verbreitete Erklärung dafür infrage, warum sich die Landwirtschaft in Europa zeitweise kaum weiter ausbreitete.
Ein Stillstand von rund 600 Jahren Ackerbau und Viehzucht kamen ab etwa 7000 v. Chr. aus dem Vorderen Orient nach Europa. Dann aber geriet die Bewegung ins Stocken: Zwischen etwa 6600 und 6000 v. Chr. kam die neue Lebensweise kaum über Griechenland hinaus. Erst danach ging es zügig weiter – binnen rund 500 Jahren erreichte die Landwirtschaft entlang der Mittelmeerküste sogar Portugal.
Warum diese lange Pause? Eine gängige Vermutung lautet: Das Wetter war schuld. Kurze Kältephasen könnten die frühen Bauern gebremst haben, etwa ein markanter Kälteeinbruch vor rund 8200 Jahren, den die Forschung als 8,2-Kilojahr-Ereignis bezeichnet.
Schalen als Thermometer der Steinzeit Um das zu prüfen, untersuchten der Archäologe Niklas Hausmann und seine Co-Autorin Danai Theodoraki die Schalen von 121 Napfschnecken aus Franchthi. Schneckenschalen wachsen Schicht für Schicht, ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen. Mit einem eigens entwickelten Laserverfahren bestimmte das Team, in welcher Jahreszeit die einzelnen Abschnitte entstanden sind. Anschließend verrieten Messungen von Sauerstoffisotopen – also verschiedenen Varianten des Sauerstoffatoms, deren Verhältnis von der Wassertemperatur abhängt –, wie warm oder kalt es während des Wachstums war. So ließen sich auch Temperaturextreme rekonstruieren.
Diese Klimadaten legten die Forschenden neben Tierknochen aus denselben Fundschichten. Die Knochen zeigen, welche Tiere auf dem Speiseplan standen – und damit, wie die Menschen wirtschafteten. Nach Angaben des Instituts handelt es sich um den bislang größten hochauflösenden Datensatz dieser Art von einem einzelnen archäologischen Fundplatz.
Kein Hinweis auf extreme Kälte Der Befund fällt deutlich aus: In Franchthi fand das Team keinen direkten Hinweis auf extreme Kälte. Auch ein starker, statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen den lokalen Klimaschwankungen und der Wirtschaftsweise der Menschen ließ sich nicht erkennen. Für diesen Ort gebe es demnach keinen Beleg, dass Kälte die Versorgung mit Nahrung ernsthaft gefährdet habe, erklärt Theodoraki.
Hausmann warnt allerdings vor einem Kurzschluss. Die Ergebnisse „bedeuten nicht, dass das Klima für die Menschen keine Rolle spielte“, betont er. Kurzfristige Kältephasen allein erklären die Verzögerung an diesem Küstenstandort aber offenbar nicht. Damit rücken andere mögliche Gründe stärker ins Blickfeld: soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Entwicklungen, die mitbestimmt haben könnten, wann und wie Menschen die neue Lebensweise übernahmen.
Was als Nächstes kommt Noch ist offen, ob Franchthi ein Sonderfall ist. Deshalb will das Team die Methode an weiteren Fundplätzen anwenden. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) erschienen (DOI: 10.1073/pnas.2607859123).
Sie entstand in der Nachwuchsgruppe SEAFRONT, die Hausmann am LEIZA leitet und die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Emmy-Noether-Programm gefördert wird. Die Gruppe untersucht, ob und wie Umweltbedingungen die Ausbreitung der Landwirtschaft im Mittelmeerraum beeinflusst haben – und schaut dafür auf frühe Siedlungen sesshafter Bauern in Griechenland, Italien und Libyen.
Die Arbeit zeigt, wie viel Wissen in unscheinbaren Funden steckt: Ein paar Schneckenschalen aus einem steinzeitlichen Abfallhaufen helfen, ein Kapitel der europäischen Frühgeschichte neu zu befragen – und lenken den Blick darauf, dass mehr als nur das Wetter darüber entschieden haben dürfte, wie schnell sich die Landwirtschaft ausbreitete.
Themen: Archäologie, Jungsteinzeit, Landwirtschaft, Klimageschichte, LEIZA, Mainz, Griechenland, PNAS
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