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Jakobsweg: Erstmals mehr als eine halbe Million Pilger in einem Jahr
Rund 531.000 Menschen haben 2025 in Santiago de Compostela ihre Pilgerurkunde abgeholt – so viele wie nie. Deutschland stellt die viertgrößte Gruppe. Und eine Studie zeigt: Nach dem Weg sind Pilgernde im Schnitt weniger gestresst und zufriedener als vorher.
Von Ulrike ·
Es gibt Rekorde, die laut sind. Und es gibt diesen hier: Rund 531.000 Menschen sind 2025 zu Fuß oder mit dem Rad in Santiago de Compostela angekommen und haben sich im Pilgerbüro ihre Compostela abgeholt, die Urkunde für den Jakobsweg. Das sind etwa sechs Prozent mehr als im Jahr davor und zum ersten Mal mehr als eine halbe Million.
Wer die Urkunde will, muss mit Stempeln im Pilgerpass belegen, dass er mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer mit dem Rad zurückgelegt hat. Hinter der Zahl stehen also eine halbe Million Menschen, die sich bewusst Zeit genommen haben – für Tage auf dem Weg statt auf der Überholspur.
Drei Rekordjahre, dann die halbe Million Der Aufschwung kommt nicht aus dem Nichts. Laut Pilgerbüro wurden 2022 noch 438.307 Urkunden ausgestellt, 2023 waren es 446.082, 2024 dann 499.239 – drei Rekordjahre in Folge. 2025 fiel schließlich die Marke von 500.000.
Wie stark der Weg gewachsen ist, zeigt ein Blick zurück. Im Februar 2007 berichtete die taz unter Berufung auf die offizielle Statistik aus Santiago von 100.377 Pilgern auf dem spanischen Jakobsweg im Jahr 2006. In knapp zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl also gut verfünffacht.
Von 1.599 auf Platz vier: die Deutschen Besonders deutlich ist der Wandel bei den Pilgern aus Deutschland. 1996 waren es laut derselben taz-Auswertung gerade einmal 1.599. 2006 zählte das Pilgerbüro bereits 8.097 Deutsche.
Und heute? 2025 lag Deutschland unter den Herkunftsländern auf Platz vier, nur Spanien, die USA und Italien stellten mehr Pilgerinnen und Pilger.
Schon die taz stellte 2007 bei diesem Aufschwung einen Namen in den Mittelpunkt: Hape Kerkeling. Er war im Sommer 2001 auf dem Jakobsweg unterwegs, sein Buch „Ich bin dann mal weg“ wurde zum Bestseller. Von ihm stammt der Satz: „Der Weg stellt jedem nur eine Frage: Wer bist du?“ Ob das Buch die Zahlen tatsächlich nach oben getrieben hat, lässt sich allerdings nicht sauber messen – der Zusammenhang liegt nahe, belegt ist er nicht.
Was der Weg mit Menschen macht Warum gehen so viele los? Die Antworten sind gemischt. Jorge Martínez-Cava, Vorsitzender des Pilgerverbands Camino Europa Compostela, schätzt, dass etwa 30 bis 35 Prozent vor allem ihr katholischer Glaube antreibt. Ähnlich viele sind spirituell unterwegs, die übrigen aus ganz eigenen Gründen – etwa wegen Kunst, Natur, Freundschaft, Essen oder Sport. Übrigens: Mehr als die Hälfte der Ankommenden 2025 waren Frauen.
Spannend ist, was unterwegs passiert. Ein Forschungsteam um Albert Feliu-Soler von der Universitat Autònoma de Barcelona hat das in der sogenannten Ultreya-Studie untersucht, erschienen 2024 im Journal of Happiness Studies. Befragt wurden 444 Pilgerinnen und Pilger vor und nach ihrem Weg, zum Vergleich 124 Menschen, die einen ganz normalen Urlaub machten.
Das Ergebnis: Bei den Pilgernden gingen Angst, depressive Symptome und empfundener Stress stärker zurück als in der Urlaubsgruppe. Lebenszufriedenheit und positive Gefühle stiegen stärker an. Bei einer Nachbefragung der Pilgernden drei Monate später hielten die meisten Verbesserungen noch an.
Einen Teil der Wirkung erklären die Forschenden mit dem sogenannten wertegeleiteten Leben: Wer unterwegs stärker im Einklang mit dem lebte, was ihm wirklich wichtig ist, dem ging es danach auch besser. In einer Masterarbeit an derselben Universität, die Aussagen von mehr als 200 Pilgernden auswertete, nannten die Befragten vor allem drei Dinge, die ihnen guttaten: die Begegnungen mit anderen Menschen, die Natur und eine Art innere Reise zu sich selbst.
Ehrlicherweise gehört dazu: Die Teilnehmenden wurden nicht zufällig auf Pilgerweg und Urlaub verteilt, und wer pilgern geht, bringt womöglich schon andere Voraussetzungen mit. Die Autorinnen und Autoren selbst halten weitere Studien mit robusteren Methoden für nötig. Eine Minderheit der Befragten berichtete zudem von Schmerzen oder fand die Wege zu voll.
Der Jakobsweg beginnt vor der Haustür Für die gute Nachricht muss niemand nach Spanien fliegen. Pilgern geht auch in Deutschland. Ein Beispiel ist der Mittelfränkische Jakobsweg: 1992 vom damaligen Heilsbronner Pfarrer Paul Geißendörfer angestoßen, führt er auf rund 90 Kilometern von Nürnberg nach Rothenburg ob der Tauber und verbindet unterwegs mehrere Jakobskirchen. Markiert ist er mit einer weißen Muschel auf blauem Grund. Gemütlich gegangen sind das etwa fünf Tage.
Vielleicht ist das die schönste Pointe dieses Rekords: Mitten in einer schnellen, lauten Zeit entscheiden sich jedes Jahr mehr Menschen fürs Langsame. Für Tage, an denen das Wichtigste ist, anzukommen. Und für die eine Frage, die der Weg angeblich jedem stellt.
Themen: Jakobsweg, Pilgern, Santiago de Compostela, Stressabbau, Lebenszufriedenheit, Rekordjahr, Deutschland
Jakobsweg: Erstmals mehr als eine halbe Million Pilger in einem Jahr