Glück | Achtsamkeit | Dankbarkeit
Hygge im Herbst: Was hinter dem dänischen Gefühl von Gemütlichkeit steckt
Hygge heißt nicht Kerzen kaufen, sondern sich bewusst Zeit nehmen – allein oder mit vertrauten Menschen. Das dänische Wort hat alte nordische Wurzeln und steht inzwischen im Duden. Wie es an dunklen Herbstabenden gelingt, ganz ohne Einkaufsliste.
Von Madalina ·
Draußen dämmert es schon am späten Nachmittag, drinnen brennt eine Kerze, auf dem Tisch dampft Tee. Seit die Uhren zurückgestellt sind, beginnen die Abende früher – und genau dafür haben die Dänen ein eigenes Wort: Hygge. Das offizielle Dänemark-Portal denmark.dk nennt den Winter sogar die Hauptsaison dafür. Kaltes, dunkles, nasses Wetter bringe die Menschen drinnen zusammen.
Doch was ist Hygge eigentlich? Und braucht man dafür wirklich die Duftkerzen und Wolldecken, die in vielen Läden unter diesem Namen liegen? Die gute Nachricht vorweg: nein.
Ein Wort mit alten nordischen Wurzeln Ausgesprochen wird es etwa „hügge“. Der Duden führt Hygge als weibliches Substantiv und erklärt es knapp als „Gemütlichkeit, Heimeligkeit als Lebensprinzip (in Dänemark)“. Als Herkunft nennt er das Dänische und Norwegische, wo hygge so viel wie Behaglichkeit bedeutet.
Die Wurzeln reichen weiter zurück. Laut dem dänischen Wörterbuch Den Danske Ordbog geht das Wort auf das altnordische Verb „hyggja“ zurück, das unter anderem „denken“ und „zufrieden sein mit“ bedeutete. Die heutige Bedeutung kam demnach über das Norwegische, wo es „trösten, erfreuen“ hieß. Denmark.dk ergänzt: Ein verwandtes altnordisches Wort habe im Mittelalter so viel wie „geschützt vor der Außenwelt“ bedeutet. Der heutige Sinn sei um das Jahr 1800 entstanden.
Seit einigen Jahren ist der Begriff international bekannt. 2017 nahm ihn das Oxford English Dictionary auf, wie denmark.dk berichtet.
Was Hygge in Dänemark bedeutet Nach der Beschreibung von denmark.dk heißt Hygge vor allem: sich bewusst Zeit nehmen, abseits vom Alltagsstress, und die ruhigeren Freuden genießen. Das kann man mit vertrauten Menschen tun oder allein. Meist geschieht es ganz informell, im Kreis der Familie oder enger Freunde, oft zu Hause. Ein festes Programm gibt es nicht. Typisch ist ein gemeinsames Essen, das in Dänemark auch mal Stunden dauern darf.
Das Zuhause spielt dabei eine große Rolle. Der Autor Meik Wiking („The Little Book of Hygge“) wird bei National Geographic mit der Aussage zitiert, sieben von zehn Dänen erlebten die meiste Hygge in den eigenen vier Wänden. Nach der Darstellung von National Geographic geht es weniger um einen bestimmten Ort als um die Qualität der verbrachten Zeit.
Denmark.dk beschreibt Hygge auch als Ausdruck von Werten, die in Dänemark wichtig sind, etwa Gleichheit und das Wohl aller. Streit passt nicht in diese Stimmung, Einvernehmen schon. Ehrlich ist die Seite auch bei der Kehrseite: Hygge sei nicht besonders inklusiv, Neuankömmlinge fänden oft schwer Zugang zu diesen vertrauten Runden.
Macht Hygge glücklich? Auch in internationalen Glücksvergleichen schneidet Dänemark gut ab. Im World Happiness Report 2026, herausgegeben vom Wellbeing Research Centre der Universität Oxford mit Gallup und weiteren Partnern, steht Finnland allein an der Spitze. Dahinter folgt eine Dreiergruppe aus Island, Dänemark und Costa Rica.
Daraus zu schließen, Kerzenlicht mache glücklich, wäre allerdings zu kurz gedacht. Der Bericht erklärt einen Großteil der Unterschiede zwischen Ländern mit sechs Faktoren, darunter Einkommen, gesunde Lebenserwartung, Freiheit und soziale Unterstützung – also jemanden zu haben, auf den man zählen kann. Hygge gehört nicht zu diesen Faktoren. Und es handelt sich um Zusammenhänge, nicht um bewiesene Ursachen. Was man aber festhalten kann: Hygge dreht sich genau um das, was dort als soziale Unterstützung zählt – Zeit mit Menschen, denen man vertraut.
Hygge ohne Einkaufsliste Auch in Deutschland ist die Idee angekommen. Die Betriebskrankenkasse Bosch BKK etwa beschreibt Hygge in einem Gesundheitstipp als Mischung aus Wohlbefinden, Geselligkeit, Gemütlichkeit und Wärme, in der man Negatives hinter sich lässt und die schönen Dinge wertschätzt. Was dabei auffällt: Kaum einer der Vorschläge aus dänischen und deutschen Quellen kostet etwas.
Freunde oder Familie einfach zum Essen einladen – ohne festes Programm. Einen Abend lang Bildschirme beiseitelegen und lesen, spielen, basteln oder reden. Eine Kerze anzünden, die ohnehin im Schrank liegt, und sich mit der vorhandenen Decke aufs Sofa setzen. Einen Spaziergang machen, auch wenn es früh dunkel wird. Aufräumen und Ausmisten nach dem Motto „weniger ist mehr“, wie es die Bosch BKK vorschlägt. Einen Anlass gibt es gleich am Wochenende: Am Samstag ist Reformationstag – in neun Bundesländern ein Feiertag – und zugleich Halloween. Wer den Abend lieber ruhig angehen will: Ein langer Abend am Küchentisch mit ein paar Lieblingsmenschen ist vielleicht die dänischste Art, ihn zu verbringen.
Themen: Hygge, Dänemark, Gemütlichkeit, Herbst, Glück, Achtsamkeit, Wohlbefinden
Hygge im Herbst: Was hinter dem dänischen Gefühl von Gemütlichkeit steckt