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Hoffnung für die Ozeane: Forschende finden Korallen-Rückzugsräume in 72 Ländern
Eine neue globale Analyse zeigt, wo Korallenriffe trotz steigender Meerestemperaturen besonders gute Chancen haben könnten, bis zur Mitte des Jahrhunderts zu bestehen. Mithilfe von mehr als 45.000 Feldbeobachtungen, Klimadaten und maschinellem Lernen haben Forschende ein weltweites Netz möglicher Rückzugsräume kartiert. Die Ergebnisse sind kein Freibrief für weiteres Aufheizen der Ozeane – aber eine wertvolle Landkarte für gezielten Meeresschutz.
Von Tobias ·
Neue Weltkarte zeigt: In 72 Ländern liegen wichtige Rückzugsräume für Korallen Wenn Korallenriffe unter Hitzestress ihre Farben verlieren, wirkt das Meer plötzlich wie ausgebleicht. Doch zwischen geschädigten Flächen existieren immer wieder Riffe, die länger standhalten, weniger stark betroffen sind oder sich überraschend schnell erholen.
Wo diese widerstandsfähigeren Gebiete liegen, hat ein internationales Forschungsteam der Macquarie University und der Wildlife Conservation Society nun detaillierter als bisher untersucht. Die aktuelle Fassung der Analyse weist rund 166.364 Quadratkilometer potenziell klimaresiliente Korallenriffe in 72 Ländern sowie 100 Territorien und anderen Zuständigkeitsgebieten aus. Diese Flächen könnten zu wichtigen ökologischen Rückzugsräumen werden, in denen Korallen die kommenden Jahrzehnte mit vergleichsweise guten Voraussetzungen überstehen.
Die entscheidende Botschaft lautet dabei nicht, dass diese Riffe gegen Hitze immun wären. Vielmehr zeigt die Untersuchung, dass die Zukunft der Korallen nicht überall gleich aussehen muss. Während einige Gebiete besonders gefährdet sind, verfügen andere über ökologische und geografische Eigenschaften, die ihre Überlebens- oder Erholungsfähigkeit erhöhen.
Eine Weltkarte aus mehr als 45.000 Beobachtungen Für die Untersuchung werteten die Forschenden 45.091 Korallenbeobachtungen aus den Jahren 1960 bis 2025 aus. Ergänzt wurden sie durch 42 Klima-, Umwelt- und Belastungsfaktoren – darunter Meerestemperaturen, Wassertiefe, Lichtverhältnisse, Wasserchemie, Sedimente, Strömungen, Zyklonrisiken, die Verbindung zwischen verschiedenen Riffen und der menschliche Nutzungsdruck.
Maschinelle Lernmodelle berechneten daraus die voraussichtliche Korallenbedeckung für die Jahre 2020 und 2050. Die globale Karte erreicht eine räumliche Auflösung von 250 Metern und umfasst rund 554.000 Quadratkilometer geeigneten Korallenriff-Lebensraum. Die Prognose für 2050 basiert dabei auf dem besonders emissionsreichen Klimaszenario SSP5-8.5.
Das ist ein wichtiger Fortschritt gegenüber früheren globalen Karten. Sie betrachteten häufig vor allem, wo Riffe künftig vergleichsweise wenig Hitzestress erleben könnten. Die neue Analyse verbindet dagegen reale Messungen zum Zustand der Korallen mit einer breiteren Auswahl ökologischer und menschlicher Einflussfaktoren.
Drei Wege, wie Korallenriffe bestehen können Die Forschenden unterscheiden drei grundlegende Formen möglicher Widerstandsfähigkeit:
Vermeidung: Einige Riffe liegen an Orten, an denen kühlere Strömungen, größere Wassertiefen, Bewölkung oder andere Bedingungen extreme Erwärmung abmildern können.
Widerstandskraft: Bestimmte Korallenarten und Gemeinschaften können Wärme, Stürme oder andere Belastungen vergleichsweise lange überstehen.
Erholung: Manche Riffe werden zwar beschädigt, können sich danach jedoch schneller regenerieren. Dabei helfen unter anderem schnell wachsende Korallenarten und die Versorgung mit Korallenlarven aus benachbarten Gebieten.
Dieser Ansatz ist entscheidend, weil ein Riff nicht vollständig von Hitzewellen verschont bleiben muss, um langfristig eine Zukunft zu haben. Auch Widerstandsfähigkeit und schnelle Erholung können dafür sorgen, dass ein Ökosystem seine wichtigsten Funktionen behält.
Große Chancen in fünf Ländern Die potenziellen Rückzugsräume sind weltweit verteilt, aber nicht gleichmäßig. Rund 61 Prozent der ausgewählten Flächen – etwa 100.775 Quadratkilometer – liegen in nur fünf Ländern: auf den Bahamas, in Kuba, Australien, Indonesien und auf den Philippinen.
Besonders bemerkenswert sind die Ergebnisse für die Karibik. Dort identifiziert das Modell zahlreiche Gebiete, die in früheren Untersuchungen nicht als prioritäre Rückzugsräume galten. Dazu gehören größere Flächen vor Belize, Panama, Nicaragua sowie den Turks- und Caicosinseln.
Auch kleinere Inselstaaten und Territorien könnten eine besonders wichtige Rolle spielen. In Vanuatu, Niue, Amerikanisch-Samoa, auf den Komoren, der Weihnachtsinsel und im Chagos-Archipel wurde ein überdurchschnittlich großer Anteil der jeweiligen Riffe als mögliche Prioritätsfläche ausgewählt.
Solche Gebiete könnten langfristig wie ökologische Vorratskammern wirken. Bleiben dort ausreichend gesunde und fortpflanzungsfähige Korallen erhalten, können ihre Larven möglicherweise auch benachbarte, geschädigte Riffe besiedeln. Voraussetzung dafür sind jedoch funktionierende Meeresströmungen, geeignete Lebensräume und ein wirksamer Schutz vor lokalen Belastungen.
Warum die Zahl von 166.000 Quadratkilometern richtig eingeordnet werden muss Die Fläche wurde nicht wie ein neu entdecktes Riff direkt vermessen. Das Modell sollte in jeder marinen Ökoregion gezielt die besten 30 Prozent der geeigneten Riffgebiete auswählen. Berücksichtigt wurden unter anderem die heutige und künftige Korallenbedeckung, unterschiedliche Korallentypen, räumliche Zusammenhänge und die Unsicherheit der Berechnungen.
Die rund 166.000 Quadratkilometer sind somit ein wissenschaftlich priorisiertes Schutzportfolio – keine Garantie dafür, dass sämtliche dort lebenden Korallen bis 2050 überleben werden. Treffender als „hitzeresistente Riffe“ sind daher Begriffe wie potenziell klimaresiliente Riffe , Rückzugsräume oder Prioritätsgebiete für den Korallenschutz .
Auch die vielfach verbreitete Behauptung, es seien „dreimal mehr widerstandsfähige Riffe als bisher angenommen“ gefunden worden, ist in dieser einfachen Form nicht durch die aktuelle Fassung gedeckt. Die frühere „50 Reefs“-Analyse umfasste etwa 148.547 Quadratkilometer, die neue Auswahl rund 166.364 Quadratkilometer. Deutlich gestiegen sind vor allem die geografische Verteilung und die Zahl der einbezogenen Länder und Territorien. Nur rund 37.576 Quadratkilometer überschneiden sich zwischen beiden Analysen – die neue Methode setzt die Prioritäten also an vielen Stellen anders.
Schutzgebiete allein reichen nicht Interessant ist auch der formale Schutzstatus der ausgewählten Riffe. Die aktuelle Preprint-Fassung gibt an, dass rund 72,3 Prozent der priorisierten Flächen bereits in gemeldeten Schutzgebieten oder sogenannten OECMs liegen – Gebieten, die auch ohne klassischen Schutzgebietsstatus wirksam zum Naturschutz beitragen sollen.
Das klingt zunächst besser als erwartet. Die Forschenden warnen jedoch, dass viele dieser Gebiete chronisch unterfinanziert sind oder nur auf dem Papier existieren. Fehlende Kontrollen, illegale Fischerei, Abwasser, Küstenbebauung und mangelnde Beteiligung lokaler Gemeinschaften können ihre Wirksamkeit erheblich einschränken. Weitere knapp 46.800 Quadratkilometer der priorisierten Riffe liegen außerhalb solcher Gebiete.
Hier besteht allerdings eine auffällige Diskrepanz: Eine WCS-Mitteilung vom 17. Juni 2026 sprach noch davon, dass lediglich 28 Prozent der identifizierten Riffe geschützt seien. Die aktuelle Preprint-Fassung nennt dagegen 72,3 Prozent. Möglicherweise wurden Datengrundlage oder Berechnung zwischenzeitlich überarbeitet; öffentlich erklärt ist der Unterschied bislang nicht.
Eine Landkarte für wirksameren Meeresschutz Trotz dieser Unsicherheiten liefert die Analyse einen praktischen Nutzen: Regierungen, Meeresschutzorganisationen und Küstengemeinschaften können genauer erkennen, wo Schutzmaßnahmen besonders große langfristige Wirkung entfalten könnten.
Dazu gehören strengere Regeln gegen zerstörerische Fischerei, weniger Abwasser und Plastik, der Schutz von Pflanzenfressern wie Papageifischen, eine nachhaltige Küstenentwicklung sowie die Wiederherstellung beschädigter Riffe. Auch begrenzte finanzielle Mittel könnten mithilfe der Karten gezielter eingesetzt werden.
Die Modelle können lokale Erfahrung allerdings nicht ersetzen. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass ihre Berechnungen statistische Zusammenhänge abbilden und keine vollständige Simulation biologischer Prozesse darstellen. Zudem sind Messdaten regional ungleich verteilt, manche Umweltdaten vergleichsweise grob und Faktoren wie Regierungsführung, Finanzierung oder die tatsächliche Durchsetzung von Schutzregeln nicht Teil des Modells.
Hoffnung inmitten einer beispiellosen Korallenkrise Wie dringend solche Orientierungshilfen benötigt werden, zeigt das jüngste globale Bleicheereignis. Nach Angaben der US-Klimabehörde NOAA waren zwischen Anfang 2023 und September 2025 rund 84,4 Prozent der weltweiten Korallenriffflächen Temperaturen ausgesetzt, die eine Bleiche auslösen können. Massenbleichen wurden in mindestens 83 Ländern und Territorien dokumentiert. Das bislang größte globale Bleicheereignis endete nach Einschätzung der NOAA wahrscheinlich Mitte 2025.
Bleichen bedeutet nicht automatisch, dass eine Koralle sofort stirbt. Unter Hitzestress stößt sie jedoch die Algen ab, die sie mit einem Großteil ihrer Energie versorgen und ihr die charakteristische Farbe verleihen. Hält der Stress zu lange an oder wiederholt er sich zu häufig, können ganze Riffbereiche absterben.
Deshalb ist die neue Karte kein Beweis dafür, dass die Korallenkrise gelöst wäre. Auch besonders widerstandsfähige Riffe können bei fortschreitender Erwärmung ihre Belastungsgrenzen erreichen. Lokaler Meeresschutz kann Zeit gewinnen und die Erholungsfähigkeit verbessern – die dauerhafte Sicherung der Riffe bleibt aber von einer schnellen Begrenzung der globalen Erwärmung abhängig.
Und doch verändert die Untersuchung den Blick auf ihre Zukunft. Korallenriffe sind nicht überall gleichermaßen verloren. Es gibt Orte, an denen Schutz, gutes Management und Klimaschutz besonders viel bewirken können. Zum ersten Mal lassen sich viele dieser Gebiete so präzise erkennen, dass aus allgemeiner Hoffnung eine konkrete Strategie werden kann.
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