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Hodenkrebs: Selbst mit Metastasen heute meist heilbar
Anfang der 1970er-Jahre überlebten nur etwa 5 Prozent der Männer mit gestreutem Hodenkrebs. Dann kam Cisplatin. Heute können die meisten Betroffenen geheilt werden, selbst wenn der Tumor gestreut hat – eine Erfolgsgeschichte der Medizin, passend zum Movember.
Von Ulrike ·
Im November sprießen wieder die Schnurrbärte. Hinter der Aktion steckt der Movember, ein Aktionsmonat für Männergesundheit. Er begann 2003 in Australien mit etwa 30 Männern und ist heute eine weltweite Bewegung. Zu seinen Themen gehören Prostatakrebs, psychische Gesundheit, Suizidprävention – und Hodenkrebs. Gerade bei Hodenkrebs lohnt sich ein Blick zurück. Denn kaum eine Krebsart zeigt so deutlich, was Forschung über ein paar Jahrzehnte erreichen kann.
Als die Diagnose fast immer tödlich war Anfang der 1970er-Jahre war gestreuter Hodenkrebs meist ein Todesurteil. Nur rund 5 Prozent der Männer, bei denen der Tumor bereits Metastasen gebildet hatte, überlebten. Das beschreibt der US-Onkologe Lawrence Einhorn von der Indiana University in einem Rückblick, den er 2002 in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht hat.
Die Wende begann mit einem Zufallsfund im Labor. Barnett Rosenberg vom Institut für Biophysik der Michigan State University stieß auf die Wirkung einer Platinverbindung, aus der das Krebsmedikament Cisplatin wurde. Einhorn nennt diese Entdeckung ausdrücklich einen glücklichen Zufall.
Drei Wirkstoffe, ein neuer Anfang Im August 1974 startete Einhorns Team in Indianapolis eine Studie mit einer Kombination aus drei Wirkstoffen: Cisplatin, Vinblastin und Bleomycin. Das Ergebnis veränderte die Behandlung grundlegend. Die Heilungsrate bei gestreutem Hodenkrebs stieg laut Einhorn von 5 auf 60 Prozent.
Danach ging die Entwicklung weiter. Seit 1984 ist eine neue Kombination der Standard, in der Etoposid das Vinblastin ersetzt. Zusammen mit verbesserten Operationstechniken überlebten nach Einhorns Angaben im Jahr 2002 rund 80 Prozent aller Patienten mit gestreutem Hodenkrebs ihre Erkrankung. Bei Männern mit günstiger Ausgangslage waren es über 90 Prozent.
Wie es heute in Deutschland aussieht Die aktuellen Zahlen des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut zeigen, wie weit die Medizin inzwischen gekommen ist. Im Jahr 2023 erkrankten in Deutschland rund 3.900 Männer an Hodenkrebs. Im Mittel waren sie 39 Jahre alt. Zwischen 25 und 45 Jahren ist Hodenkrebs bei Männern der häufigste bösartige Tumor.
Die relative Überlebensrate liegt nach fünf Jahren bei 97 Prozent, nach zehn Jahren ebenfalls bei 97 Prozent (berechnet für den Zeitraum 2021 bis 2023). Relativ heißt: Verglichen wird mit dem Überleben gleichaltriger Männer in der Gesamtbevölkerung. 2023 starben in Deutschland 187 Männer an Hodenkrebs. Das RKI zählt Hodenkrebs seit der Einführung von Cisplatin zu den bösartigen Erkrankungen mit der günstigsten Prognose.
Diese Zahlen gelten für alle Stadien zusammen und lassen sich nicht direkt mit den 5 Prozent der 1970er-Jahre vergleichen, die nur gestreute Tumoren betrafen. Doch auch für diese schwerere Lage ist die Botschaft heute eine gute: Laut Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums können die meisten Betroffenen geheilt werden, auch wenn bereits Metastasen bestehen.
Früh entdeckt ist gut entdeckt Ein Grund für die guten Chancen: Laut RKI werden knapp 90 Prozent der Tumoren mit bekanntem Stadium in Stadium I oder II entdeckt. Eine frühe Diagnose geht nachweislich mit einer besseren Prognose einher.
Ein gesetzliches Früherkennungsprogramm speziell für Hodenkrebs gibt es in Deutschland nicht. Fachleute raten jungen Männern deshalb, ihre Hoden regelmäßig selbst abzutasten – laut RKI ab der Pubertät. Eine Anleitung bietet die Deutsche Gesellschaft für Urologie unter hodencheck.de. Ab 45 Jahren gehört eine Tastuntersuchung der äußeren Geschlechtsorgane zur kostenlosen Krebsfrüherkennung für Männer.
Typisch für Hodenkrebs ist laut Krebsinformationsdienst eine schmerzlose Schwellung im Hodensack. Auch ein Schweregefühl, ein einseitiges Ziehen im Hoden oder in der Leiste oder eine tastbare Verhärtung können Hinweise sein. Wer so etwas bemerkt, lässt es am besten in einer urologischen Praxis abklären. Fragen beantwortet der Krebsinformationsdienst kostenfrei unter 0800 420 30 40, täglich von 8 bis 20 Uhr.
Ein Schnurrbart als Gesprächsanlass Genau darum geht es beim Movember: Männer sollen über ihre Gesundheit reden, statt Warnzeichen auszusitzen. Ein Schnurrbart ist dafür ein ziemlich charmanter Anlass. Und die Geschichte des Hodenkrebses liefert den passenden Mut dazu. Was vor gut 50 Jahren für die meisten Männer mit gestreutem Tumor das Ende bedeutete, ist heute in aller Regel heilbar.
Themen: Hodenkrebs, Hodenkrebs Heilung, Metastasen, Männergesundheit, Krebsforschung, Cisplatin, Movember