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Hilfe holen ist Stärke: Warum Männer früher über seelische Belastungen sprechen sollten
Viele Männer schweigen zu lange über seelischen Druck. Eine Psychologin und ein Schauspieler zeigen, warum Reden hilft.
Von Ulrike ·
Im November wird es in vielen Gesichtern buschig: Bei der Aktion Movember lassen sich Männer einen Schnurrbart wachsen, um für Männergesundheit zu werben. Es geht dabei um Prostata- und Hodenkrebs, aber auch um etwas, das man nicht sieht – die seelische Verfassung. Und da zeigt sich ein Muster: Viele Männer nehmen Warnsignale durchaus wahr, funktionieren aber trotzdem lange einfach weiter. Die gute Nachricht: Der erste Schritt raus aus dem Schweigen muss nicht groß sein, und Unterstützung gibt es auch ohne lange Umwege.
Reden hilft – das wissen die meisten Männer selbst Wie Männer mit Sorgen umgehen, hat das Institut Forsa im Frühjahr 2025 im Auftrag der Krankenkasse hkk erfragt. Unter dem Titel „Mann, wie geht's dir?“ gaben 1.611 Menschen Auskunft, darunter 1.003 Männer. Das Ergebnis macht Mut: 85 Prozent der Männer stimmen der Aussage zu, dass es hilft, über Probleme und Gefühle zu sprechen. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es sogar 93 Prozent.
Zwischen Wissen und Tun liegt allerdings noch eine Lücke. 57 Prozent der Männer sprechen bei Sorgen mit Partnerin, Partner oder Familie, 45 Prozent mit Freunden oder Bekannten. 37 Prozent ziehen sich eher zurück und versuchen, allein klarzukommen. Professionelle Unterstützung suchen sich 16 Prozent. Und 44 Prozent der befragten Männer sagen, dass es ihnen schwerfällt, mit anderen über Probleme und Gefühle zu reden.
Warum so viele zögern Die Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, die eine Onlinepraxis betreibt, kennt das Muster gut. Im Erstgespräch sitzen ihr häufig Männer gegenüber, die schon stark belastet sind und trotzdem fragen: „Ist das denn jetzt schlimm genug?“ Einen großen Anteil daran hat aus ihrer Sicht das Rollenbild – das eigene und das, das Männern vorgelebt wird. Schon 2011 hielt das Bundesgesundheitsministerium in einer Broschüre fest, dass Männer im Volksmund als „starkes Geschlecht“ gelten – und oft erst im letzten Moment zum Arzt gehen.
Spuren davon finden sich auch in Statistiken. Laut DAK-Psychreport 2025 kamen 2024 auf 100 versicherte Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern waren es 266. Piekorz sieht darin eher einen Hinweis, dass Männer es sich seltener erlauben, sich wegen seelischer Belastung krankschreiben zu lassen. Hinzu kommt: Männer leben im Schnitt kürzer. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag die Lebenserwartung bei Geburt 2025 für Männer bei 79,1 Jahren, für Frauen bei 83,6 Jahren. Die Universität Tübingen weist laut dpa darauf hin, dass die Gründe für den früheren Tod von Männern weitgehend vermeidbar sind. Darin steckt eben auch eine Chance: Wer früher hinschaut, kann viel bewegen.
Ermutigend ist ein weiterer Gedanke der Psychologin: Wenn Jungen bei Vätern oder anderen Männern erleben, dass über Sorgen gesprochen und Unterstützung gesucht wird, prägt sie das.
Diese Warnzeichen verdienen Aufmerksamkeit Seelische Belastung zeigt sich bei Männern nicht immer als Traurigkeit. Piekorz nennt mögliche Signale: über längere Zeit schlechter Schlaf, auffallend viel Sport, hoher Alkoholkonsum oder die Flucht in die Arbeit. Viele Männer neigten zudem dazu, zu schweigen oder sich zurückzuziehen. Die AOK ergänzt, dass Männer bei einer Depression vermehrt gereizt, wütend oder impulsiv reagieren können und eher körperliche Beschwerden wie Magen-Darm-Probleme oder Schmerzen bemerken.
Als Faustregel empfiehlt Piekorz, sich professionelle Unterstützung zu holen, wenn die Beschwerden nicht von selbst vergehen, wenn andere einen darauf ansprechen oder wenn Erholung ausbleibt. Die AOK rät, ärztlichen Rat zu suchen, wenn Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten – ein Gespräch in der Hausarztpraxis sei auch dann sinnvoll, wenn man unsicher ist.
Ein Schauspieler, der sich Hilfe holte Wie das konkret aussehen kann, erzählt der Schauspieler Martin Luding, 55. Nach Trennung und Scheidung wollte er für seine Kinder da sein, dazu kamen eine Tournee mit dem Solostück „Caveman“, Corona-Lockdowns mit geschlossenen Theatern und Vorwürfe in einer neuen Beziehung. Freunde rieten ihm, kürzerzutreten. Weil er allein nicht weiterkam und gute Erfahrungen aus seinem Freundeskreis kannte, begann er eine Therapie. Er suchte nach eigenen Worten „eine Anleitung, wie ich da rauskomme“.
Rund eineinhalb Jahre dauerte die Therapie, und Luding beschreibt sie als „gute und wichtige Erfahrung“. Geholfen habe ihm zu verstehen, was aus seiner Prägung stammt und was aus seinen Erfahrungen. Sollte er wieder an einen solchen Punkt kommen, will er sich erneut Unterstützung holen.
So kommt man ins Gespräch Oft braucht es einen Anstoß von außen. In der hkk-Umfrage halten 37 Prozent der Männer mehr aktives Nachfragen von Freunden und Familie für entscheidend, damit Männer sich eher öffnen, 38 Prozent mehr männliche Vorbilder, die offen über Gefühle reden. Movember gibt auf seiner Website praktische Tipps für das Nachfragen bei einem Freund: klein anfangen, etwa mit einer kurzen Nachricht; locker einsteigen, zum Beispiel über eine Serie, die beide schauen; offene Fragen stellen, die mehr als ein Wort als Antwort brauchen; ruhig selbst den Anfang machen und von eigenen Schwierigkeiten erzählen. Vor allem zuhören, Ratschläge nur, wenn sie gewünscht sind – und etwa eine Woche später noch einmal nachhaken.
Piekorz erinnert daran, dass Unterstützung nicht gleich professionelle Hilfe sein muss.
Wo es niedrigschwellige Hilfe gibt Eine erste Anlaufstelle kann die Hausarztpraxis sein, die bei Bedarf weitervermittelt. Für eine Psychotherapie braucht man keine Überweisung. Wer selbst keinen Termin findet, kann sich an den Patientenservice 116117 wenden: Er soll innerhalb einer Woche einen Termin vermitteln, der höchstens vier Wochen entfernt liegt. Ein Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde lässt sich auch online über den eTerminservice vereinbaren. Informationen speziell für Männer bietet das Männergesundheitsportal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit.
Und für alle, die noch zögern, hat Piekorz einen klaren Satz parat: Psychologische Hilfe sei „kein Zeichen von Schwäche oder eine Niederlage“. Man könnte auch sagen: Wer sich kümmert, übernimmt Verantwortung – für sich selbst und für die Menschen, die ihm wichtig sind.
Hilfe in schwierigen Zeiten Wenn Sie sich belastet fühlen oder in einer Krise stecken, müssen Sie das nicht allein durchstehen. Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. Beratung gibt es dort auch per Chat und E-Mail.
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