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Hamburger Spendenparlament: Wo Bürger selbst entscheiden, welche Projekte Geld bekommen
Ab 60 Euro im Jahr mitbestimmen: Am 19. November tagt Hamburgs Spendenparlament wieder öffentlich im Körber Forum.
Von Michael Beier ·
Hamburg hat noch ein zweites Parlament, und für einen Sitz darin braucht es keinen Wahlkampf. Wer Mitglied im Hamburger Spendenparlament wird und mindestens 60 Euro im Jahr zahlt, entscheidet mit, welche sozialen Projekte in der Stadt Geld bekommen. Am Donnerstag, 19. November, kommen die Mitglieder zu ihrer 94. Sitzung zusammen, um 17.30 Uhr im Körber Forum, Kehrwieder 12, schräg gegenüber der Elbphilharmonie. Die Sitzungen sind öffentlich, Gäste sind willkommen.
Spenden mit Stimmrecht Das Modell ist schnell erklärt. Gemeinnützige Einrichtungen, die gegen Armut, Obdachlosigkeit und Isolation arbeiten, können Geld für lokale Projekte beantragen. Eine ehrenamtliche Finanzkommission prüft jeden Antrag und gibt eine Empfehlung ab. Das letzte Wort haben die Mitglieder, dreimal im Jahr.
Dabei gelten feste Spielregeln: Die Mitglieder dürfen die Empfehlung der Kommission um höchstens 20 Prozent erhöhen, und wenn bei der Abstimmung niemand vom Träger im Saal ist, gibt es kein Geld. Beides kam bei der Sitzung im November 2025 tatsächlich zum Tragen.
Von der Praxis für Obdachlose bis zum Weihnachtsfest Was so entsteht, ist handfest. Im März 2026 bewilligten die Mitglieder mehr als 1,1 Millionen Euro für 23 Projekte, darunter 437.309 Euro über drei Jahre für eine medizinische Praxis im Münzviertel, die das Diakonische Werk trägt und die obdach- und wohnungslose Menschen versorgt. Im Juli folgten 453.295 Euro für 22 Projekte, nachdem die Kommission 50 Anträge geprüft hatte. Und ein Zuschuss von 20.000 Euro half 2025 dabei, ein Weihnachtsfest für rund 450 obdachlose Menschen und etwa 20 von Altersarmut betroffene Seniorinnen und Senioren zu finanzieren.
Angefangen hat alles kleiner. Auf Initiative des damaligen Landespastors Stephan Reimers gründeten Hamburgerinnen und Hamburger den Verein im November 1995. Bei der ersten Sitzung im März 1996 gingen rund 100.000 D-Mark an neun Projekte. Heute zählt das Parlament nach eigenen Angaben rund 2.500 Mitglieder und hat mehr als 1.800 Projekte mit über 21 Millionen Euro unterstützt. „Jeder Spendencent fließt in Projekte“, verspricht der Verein. Die Sachkosten wirbt er nach eigenen Angaben separat ein.
Ein Parlament, das sich auch einmischt Dieses Parlament meldet sich auch zu Wort. Ende Oktober wandten sich die Vorstandsspitze und die Vorsitzende der Finanzkommission in einem offenen Brief an Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD). Anlass ist die Neuvergabe der Hamburger Integrationsberatung: Die Sozialbehörde hat sie an einen Verbund um eine Tochter der Stiftung Berufliche Bildung vergeben, die Förderung für die zwölf Zentren der sechs bisherigen Träger läuft zum Jahresende aus. Laut taz hat das Diakonische Werk Widerspruch eingelegt, und ein Träger hat Insolvenz beantragt; das Verfahren ist nach dessen Angaben auf Sanierung ausgerichtet.
Das Spendenparlament bittet die Senatorin dringend, die Entscheidung zu überprüfen, und bietet ein Gespräch an. „Die betroffenen Menschen dürfen nicht aus dem Blick geraten“, heißt es in dem Schreiben. Die Sozialbehörde hält dagegen, die Beratung solle mobiler werden und Zugewanderte besser erreichen. Laut Senat bleiben dafür 2,9 Millionen Euro im Jahr im Haushalt.
Hingehen und zuschauen Welche Anträge am 19. November zur Abstimmung stehen, nennt die Ankündigung des Vereins nicht. Wer das Verfahren kennenlernen möchte, kann als Gast dazukommen. Wer lieber erst fragt: Von Freitag, 27., bis Sonntag, 29. November, steht das Spendenparlament mit einem Infostand auf dem Ökologischen Weihnachtsmarkt im Museum der Arbeit in Barmbek.
Themen: Hamburger Spendenparlament, Bürgerbeteiligung, Ehrenamt, Armut, Obdachlosigkeit, Körber Forum, Integrationsberatung, Hamburg
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