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Grün, wenn alles grau wird: Was Moose im Spätherbst leisten
Wenn es draußen nass und kühl wird, kommen Moose in Fahrt: Schon ab fünf Grad betreiben sie Photosynthese. Mehr als 1.000 Arten wachsen in Deutschland – sie speichern Wasser, halten Böden feucht und bieten winzigen Tieren ein Zuhause.
Von Andre ·
Der November hat einen Ruf als grauer Monat. Die Bäume sind fast kahl, der Nebel hängt tief, die Wiesen sehen müde aus. Wer beim nächsten Spaziergang aber auf Baumstümpfe, Mauern und Waldböden schaut, entdeckt leuchtendes Grün. Moose kommen mit genau dem Wetter gut zurecht, das uns gerade die Laune verhagelt.
Aktiv, wenn andere Pause machen Laut einem Fachbeitrag der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) betreiben Moose bereits ab 5 Grad Celsius Photosynthese. In lichten Wäldern reicht ihnen auch im Winterhalbjahr das vorhandene Licht – ein Vorteil gegenüber vielen anderen Pflanzen am Waldboden. Arten, die Trockenzeiten gut überdauern, erholen sich schon im frühen Herbst rasch. Neuere Forschungsarbeiten zeigen nach Angaben der FVA zudem, dass Moose die im Mittel milderen Winter und die häufigeren frostfreien Tage nutzen können.
Ihr Trick: Moose sind sehr einfach gebaut. Ihre Wurzeln dienen nur zum Festhalten. Wasser und Nährstoffe ziehen sie mit dem ganzen Pflänzchen aus Regen, Tau und Luft, erklärt die Deutsche Wildtier Stiftung. Bei Trockenheit legen sie ihren Stoffwechsel still – und nach einem Regenguss springt er binnen weniger Minuten wieder an. Ein nasser Novembertag kommt ihnen also gelegen.
Kleine Pflanzen mit langer Geschichte Moose gehören zu den ältesten Pflanzen an Land: Sie sind vor mehr als 400 Millionen Jahren entstanden. Unterschieden werden Laub-, Leber- und Hornmoose. In Deutschland sind laut FVA über 1.000 Arten nachgewiesen.
Wie vielfältig diese Gruppe ist, zeigt das Moos des Jahres 2026. Die Bryologisch-Lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM) und der Naturschutzbund Österreich haben das Mecklenburgische Schnabeldeckelmoos gewählt. Es ist ausnahmsweise kein Freund der Nässe, sondern mag es warm, hell und trocken – etwa an Böschungen, Wegrändern und in Weinbergen. Es kommt in allen deutschen Bundesländern vor und breitet sich nach Einschätzung der Fachleute derzeit in Deutschland aus.
Schwamm, Kühlung und Kinderstube Besonders gut im Wasserspeichern sind Torfmoose. Nach Angaben der Deutschen Wildtier Stiftung halten sie mehr als das 20-Fache ihres Eigengewichts an Wasser. Das geben sie langsam wieder ab und kühlen dabei ihre Umgebung. Auch Waldböden unter einer dichten Moosschicht bleiben laut Stiftung deutlich kühler als nackter Boden, weil das Moos die Feuchtigkeit hält.
Auch sonst arbeiten Moose im Wald mit: Sie speichern Nährstoffe zwischen, manche Arten fördern die Humusbildung und binden Kohlenstoff im Oberboden. Gemeinsam mit Algen, Cyanobakterien, Pilzen und Flechten bilden Moose Krusten, die den Boden vor Erosion schützen. Und in moosreichen Buchenwäldern ist die Bodenfauna nach Angaben der FVA deutlich artenreicher als in moosarmen.
Schon auf wenigen Quadratzentimetern Moospolster leben Hunderte winziger Tiere, darunter Springschwänze, Milben, Fadenwürmer und Bärtierchen. Zaunkönig, Rotkehlchen und Meisen suchen darin nach Nahrung und bauen mit Moos ihre Nester.
Torfmoose als Klimaschützer Ihre größte Wirkung entfalten Torfmoose in Mooren. Sie bedecken intakte Hochmoore fast vollständig, wachsen an der Spitze weiter und sterben unten ab. Daraus entsteht langsam Torf, etwa einen Millimeter pro Jahr, wie Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL beschreiben. Moore auf der Nordhalbkugel bedecken nur rund zwei Prozent der Erdoberfläche, speichern aber nach Schätzungen mehr Kohlenstoff als alle tropischen Wälder zusammen.
Ein naturnahes Moor nimmt unterm Strich mehr Kohlenstoff auf, als es abgibt. In Deutschland wurden aber seit dem 18. Jahrhundert viele Moore entwässert, vor allem für die Landwirtschaft. Nach vorläufigen Daten des Umweltbundesamts gingen 2025 rund 8,5 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen auf ihr Konto. Die gute Nachricht: Steht das Wasser wieder nah an der Oberfläche, überwiegt laut Umweltbundesamt mittel- und langfristig die Torfbildung – das Moor lagert also wieder Kohlenstoff ein. Und nach Überschlagsrechnungen, die das Umweltbundesamt anführt, lohnt sich die Wiedervernässung des allergrößten Teils landwirtschaftlich genutzter Moore auch volkswirtschaftlich.
Ein bisschen Moos darf bleiben Und im eigenen Garten? Moos sei „kein Zeichen von mangelnder Pflege, sondern von Naturnähe“, sagt Sonja Heemann von der Deutschen Wildtier Stiftung. Die Stiftung empfiehlt Moos etwa als Alternative zu Rasen an schattigen Stellen. Anders als Rasen braucht es laut Heemann weder Dünger noch zusätzliches Gießwasser.
Wer also in diesen Wochen beim Laubrechen auf ein sattgrünes Polster stößt, kann es getrost wachsen lassen. Bei Kühle und Nässe ist es ganz in seinem Element.
Themen: Moose, Torfmoos, Moore, Klimaschutz, Wald, Garten, Herbst, Artenvielfalt