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Glück als Staatsziel: Bhutans Index steigt, 48 Prozent gelten als glücklich
Bhutan prüft mit 33 Merkmalen, wie gut es seinen Menschen geht. Der Glücksindex stieg von 2010 bis 2022 von 0,743 auf 0,781, vor allem auf dem Land. Das „glücklichste Land der Welt“ ist Bhutan deshalb nicht, und wer gehen musste oder ging, fehlt in der Statistik.
Von Madalina ·
Wer in Bhutan für den Glücksindex Auskunft gibt, braucht Geduld: Im Schnitt dauerte ein Gespräch 2022 gut anderthalb Stunden. Rund vier Monate lang waren Befragungsteams in allen 20 Distrikten des Himalaya-Staates unterwegs, am Ende hatten 11.052 Menschen ab 15 Jahren geantwortet. Es ging um Einkommen und Wohnung, aber auch um die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, um den Tagesablauf und das Vertrauen in die Institutionen.
Das Thema bleibt aktuell: Für 2027 bereitet das Centre for Bhutan & GNH Studies die nächste Erhebung vor und sammelt dafür seit März 2026 öffentlich Rückmeldungen. Ein guter Moment für die Frage, was dieser Index eigentlich misst. Und was nicht.
Von der Königsidee zur Erhebung Anfang der 1970er-Jahre stellte der vierte König, Jigme Singye Wangchuck, infrage, ob wirtschaftliches Wachstum allein Menschen glücklich macht. Der Bericht von 2022 nennt als Startpunkt das Jahr 1972. Der griffige Begriff Bruttonationalglück (englisch Gross National Happiness, kurz GNH) soll 1979 in einem Interview gefallen sein, wobei die Überlieferung schwankt: Mal ist von einem britischen, mal von einem indischen Journalisten die Rede.
Der Gedanke selbst ist älter. Das GNH Centre in Bhutan verweist auf einen Rechtskodex von 1629, nach dem eine Regierung ohne das Glück ihres Volkes keinen Zweck habe. Seit 2008 verpflichtet Artikel 9 der Verfassung den Staat, sich um Bedingungen für das Bruttonationalglück zu bemühen. 2011 griff auch die UN-Generalversammlung die Idee auf.
Glück mit Prüfliste Bruttonationalglück klingt nach Gefühl, ist aber eher eine lange Prüfliste. Der Index besteht aus 33 Merkmalen in neun gleich gewichteten Bereichen: psychisches Wohlbefinden, Gesundheit, Bildung, Zeitnutzung, kulturelle Vielfalt, gute Regierungsführung, Gemeinschaftsleben, ökologische Vielfalt und Lebensstandard. Für jedes Merkmal gibt es eine Schwelle, ab der es als ausreichend erfüllt gilt. Als glücklich zählt, wer rund zwei Drittel der gewichteten Merkmale erreicht.
Das ergibt Profile, die man so nicht erwarten würde. Der Bericht zeigt sie an erfundenen Modellfiguren, gebaut aus echten Umfragedaten. Eine davon ist eine 70-jährige Bäuerin, die nie zur Schule ging und wenig Geld hat. Affen und Wildschweine plündern ihre Felder. Weil sie gesund und spirituell verwurzelt ist und in einer lebendigen Gemeinschaft lebt, zählt sie trotzdem zu den Glücklichen.
Aufwärts, vor allem auf dem Land Auf einer Skala von 0 bis 1 stieg der Index von 0,743 (2010) über 0,756 (2015) auf 0,781 (2022). Der Anteil der Glücklichen wuchs von 40,9 auf 48,1 Prozent. Das heißt auch: Mehr als die Hälfte erreicht die Marke noch nicht. Der Bericht nennt diese Gruppe „not-yet-happy“. 45,5 Prozent gelten als knapp glücklich, 6,4 Prozent als unglücklich.
Die schönste Entwicklung kommt vom Land. Dort stieg der Index von 2015 bis 2022 von 0,731 auf 0,771, der Anteil der Glücklichen von 38,1 auf 46,4 Prozent. In den Städten sank dieser Anteil im selben Zeitraum von 54,6 auf 50,5 Prozent, auch wenn sie mit einem Index von 0,796 weiter vorn liegen. Die Autorinnen und Autoren vermuten als Gründe den Zuzug vom Land und die in den Städten härteren Folgen der Pandemiemaßnahmen. Frauen holen auf, liegen aber weiter hinter den Männern.
Den Anstieg seit 2015 trugen vor allem besseres Wohnen, mehr Einkommen, Schulbildung, Grundversorgung und Lesefähigkeit, dazu mehr positive Gefühle. Gesunken sind, laut Pressemitteilung auch wegen der Pandemie, unter anderem die Werte für gesunde Tage, psychische Gesundheit sowie kulturelle und politische Beteiligung.
Dass solche Rückgänge offen im Bericht stehen, spricht für die Erhebung. Jochen Dallmer sah 2018 in der Fachzeitschrift Peripherie auf Basis der älteren Daten eine gemischte Bilanz und „keineswegs“ eine „Propagandamaßnahme“. Eine Eigenmessung bleiben die Zahlen dennoch: Die Werte stammen vom bhutanischen Zentrum selbst, der Bericht ist mitverfasst von der Oxford-Forscherin Sabina Alkire, deren Institut am Rande an der Studie beteiligt war. Eine unabhängige Nachprüfung der Reihe haben wir nicht gefunden. Und alles beruht auf Interviews, in denen laut Dallmer die Art der Frage suggestiv wirken kann.
Macht Geld nun glücklich? Der Bericht betont: 41,4 Prozent im reichsten Einkommensfünftel zählen nicht zu den Glücklichen, im ärmsten Fünftel dagegen schon 29,2 Prozent. Er spricht von einem nur schwach positiven Zusammenhang.
Umgekehrt gelesen ist der Unterschied allerdings deutlich: Im reichsten Fünftel sind mit 58,6 Prozent doppelt so viele glücklich wie im ärmsten. Zwischen den drei oberen Fünfteln findet der Bericht jedoch keinen signifikanten Unterschied. Und weil der Lebensstandard Teil des Index ist, steckt ein Teil dieses Zusammenhangs schon in der Rechnung. Das ehrliche Fazit lautet also: Geld kann helfen, garantiert aber nichts. Und noch etwas macht Freude: Im ärmsten Fünftel stieg der Anteil der weitgehend Glücklichen von 2015 bis 2022 von 19,9 auf 26,3 Prozent.
Wer in der Statistik fehlt Befragt werden Menschen, die in Bhutan leben. Wer gegangen ist, kommt nicht vor, und das betrifft viele. Laut dem Bericht zur Lage der Nation, über den Business Bhutan 2025 schrieb, leben rund 66.000 Menschen aus Bhutan im Ausland, etwa 8,5 Prozent der Bevölkerung. Allein in den elf Monaten bis Mai 2023 zogen laut Reuters über 12.000 Menschen aus Bhutan längerfristig nach Australien, vielfach zum Studium; die Jugendarbeitslosigkeit lag damals über 25 Prozent. Premierminister Tshering Tobgay sprach bei CBS von einer existenziellen Krise. Die Regierung setzt unter anderem auf die geplante Gelephu Mindfulness City, die neue Arbeitsplätze schaffen soll. Der Bericht selbst regt an, wegen der Auswanderung über einen Indikator für Beschäftigung nachzudenken.
Schwerer wiegt ein anderes Kapitel. Anfang der 1990er-Jahre verloren laut Human Rights Watch Zehntausende Menschen nepalesischer Herkunft, die Lhotshampa, willkürlich die Staatsbürgerschaft. Manche wurden ausgewiesen, andere flohen vor Festnahmen. 2007 lebten über 106.000 Geflüchtete in Lagern in Ostnepal. Bhutans Regierung erklärte dagegen laut dem Bericht, die Mehrheit sei freiwillig gegangen. Über 113.000 Geflüchtete wurden in den folgenden Jahren in Drittstaaten umgesiedelt, die meisten in die USA. Ende 2024 und Anfang 2025 nannten Medienberichte noch rund 6.300 bis 6.500 Menschen in den Lagern.
Für Dallmer ist das „der schwerwiegendste Kritikpunkt“ am Staat Bhutan: Ein Glücksindex müsse die gesamte Bevölkerung einbeziehen. Er sieht in der Politik auch paternalistische Züge, traditionelle Kleidung etwa ist Pflicht. Tatsächlich fließt sogar die Wertschätzung der traditionellen Umgangsformen in den Index ein. Was als gutes Leben zählt, ist also auch eine politische Entscheidung.
Und das „glücklichste Land der Welt“? Dieser Titel hält nicht. Im World Happiness Report 2019, der auf einer Gallup-Umfrage beruht, lag Bhutan auf Platz 95 von 156 Ländern. 2022 tauchte es dort gar nicht auf, weil Gallup das Land zuletzt nicht befragt hatte, und auch in der Rangliste von 2025 fehlte es. Vergleichen lassen sich beide Messungen ohnehin kaum, denn sie folgen unterschiedlichen Methoden.
Bhutans Beitrag ist also kein Spitzenplatz, sondern eine Frage. In Deutschland erreichte sie sogar den damaligen Bundeskanzler: Bei einer Pressekonferenz im März 2023 nannte Olaf Scholz die Idee „faszinierend“ und ergänzte: „Ganz so weit sind wir bei uns natürlich noch nicht.“ Immerhin enthalte der Jahreswirtschaftsbericht nun auch soziale und ökologische Indikatoren.
Als Märchenland taugt Bhutan nicht. Als Denkanstoß schon. Welche 33 Dinge stünden wohl auf deiner Liste?
Themen: Bruttonationalglück, Bhutan, Glücksindex, Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden, GNH, Soziale Indikatoren
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