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Genug Zeit ist auch ein Reichtum: Was Forschende über Zeitwohlstand wissen
Wer das Gefühl hat, genug Zeit zu haben, ist oft zufriedener – auch wenn man den materiellen Wohlstand herausrechnet. Was Studien über Zeitwohlstand zeigen, warum mehr freie Zeit nicht immer mehr bringt und wo gekaufte Zeit an Grenzen stößt.
Von Madalina ·
Am Sonntag steht ein Aktionstag im Kalender, den vermutlich kaum jemand eingeplant hat: der Genügend-Zeit-Tag am 8. November. Er stammt offenbar aus den USA, wo er National Ample Time Day heißt, und seine Ursprünge sind laut der Sammlung kuriose-feiertage.de weitgehend unbekannt. Ein offizieller Feiertag ist er nicht. In diese Wochen passt er trotzdem, wenn es früh dunkel wird und das Wochenende umso willkommener ist. Und hinter dem Augenzwinkern steckt eine Frage, mit der sich die Forschung ernsthaft beschäftigt: Kann genug Zeit eine eigene Form von Wohlstand sein?
Eine zweite Währung neben dem Geld In Deutschland wird der Begriff Zeitwohlstand dem Sozialwissenschaftler Jürgen P. Rinderspacher zugeschrieben, einem Pionier der Zeitforschung. „Zeitwohlstand ist die Freiheit, zwischen Gütern und Zeitkontingenten zu wählen“, sagte er 2004 im Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung. Das Wort Freiheit ist dabei entscheidend: Viel Zeit allein macht niemanden reich. Menschen ohne Arbeit, betonte Rinderspacher damals, hätten eben keine Wahl – und in ihnen die eigentlich Reichen zu sehen, nannte er zynisch.
International heißt das Konzept time affluence, gemeint ist das Gefühl, jeden Tag ausreichend Zeit zu haben. Die Forscher Tim Kasser und Kennon Sheldon stellten dazu 2009 im Journal of Business Ethics vier Studien vor. Ihr Befund: Wer sich zeitlich gut ausgestattet fühlt, berichtet von mehr Wohlbefinden, und dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn der materielle Wohlstand herausgerechnet wurde. In zwei der Studien erklärten Achtsamkeit und erfüllte psychologische Grundbedürfnisse einen Teil davon.
Zeit kaufen: Das kann helfen, kostet aber Konkreter wird eine Arbeit von Forschenden unter anderem der University of British Columbia und der Harvard Business School, erschienen 2017 in der Fachzeitschrift PNAS. Über 6.000 Erwachsene aus den USA, Kanada, Dänemark und den Niederlanden gaben Auskunft darüber, ob sie Geld ausgeben, um sich Zeit zu verschaffen, etwa für eine Haushaltshilfe. Wer das tat, berichtete von höherer Lebenszufriedenheit, auch unter Berücksichtigung des Einkommens.
In einem kleinen Experiment gaben 60 Berufstätige an einem Wochenende 40 Dollar für etwas Zeitsparendes aus und an einem anderen 40 Dollar für etwas Materielles. Nach dem zeitsparenden Kauf berichteten sie am selben Tag von besserer Stimmung und weniger Zeitdruck. Trotzdem denken offenbar viele nicht daran: Von 98 befragten Berufstätigen würden nur zwei Prozent einen unerwarteten 40-Dollar-Betrag so einsetzen, und selbst von 818 befragten Millionären gab fast die Hälfte an, kein Geld für das Abgeben ungeliebter Aufgaben auszugeben. Erstautorin Ashley Whillans vermutet, dass sich manche dabei faul vorkommen.
Ehrlich eingeordnet heißt das aber auch: Zeit kaufen kann nur, wer Geld übrig hat. Der Zusammenhang zeigte sich zwar quer durch die Einkommensgruppen, aber ein Rezept für knappe Haushaltskassen ist er nicht: Menschen mit sehr wenig Geld waren laut den Autoren relativ selten dabei. Auch ein späteres Experiment von Whillans und Colin West spricht gegen schnelle Schlüsse. In Kibera, einem Armenviertel von Nairobi, erhielten erwerbstätige Mütter drei Wochen lang Gutscheine für Fertiggerichte oder Wäschedienste, Bargeld in gleicher Höhe oder, abgesehen von einer Vergütung für die Befragungen, keine Hilfe. Ausgewertet wurden 1.070 Frauen. Am Ende unterschieden sich die Gruppen bei Wohlbefinden, Stress und Beziehungskonflikten nicht, und alle hatten sich ähnlich verbessert. Die Datenerhebung musste wegen der Corona-Pandemie vorzeitig enden, die Autoren fordern weitere Forschung. Für einfache Formeln taugt das Ergebnis also nicht.
Mehr ist nicht immer besser Beruhigend für alle, die mit einem vollen Kalender leben: Es braucht offenbar keine endlosen freien Tage. Forschende der Wharton School und der University of California, Los Angeles werteten zwei US-Umfragen mit zusammen 35.375 Menschen aus. In der größeren mit 21.736 Befragten stieg das Wohlbefinden mit der frei verfügbaren Zeit zunächst an, flachte bei etwa zwei Stunden am Tag ab und sank jenseits von fünf Stunden wieder. In der zweiten, unter Berufstätigen, ging mehr freie Zeit ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit mehr Wohlbefinden einher.
Für zwei Online-Experimente sollten sich über 6.000 Teilnehmende vorstellen, täglich unterschiedlich viel freie Zeit zu haben. Das liefert eine mögliche Erklärung: Wer sich sehr wenig freie Zeit ausmalte, fühlte sich gestresster, wer sich sehr viel ausmalte, weniger produktiv. Wer sich große Zeitfenster mit Sport oder Hobbys vorstellte, unterschied sich im Wohlbefinden kaum von der Gruppe mit mittlerem Zeitbudget. Die Zahlen stammen aus den USA und sind Durchschnittswerte, keine Vorgabe für den eigenen Sonntag.
Wie es in Deutschland aussieht Für Deutschland liefert das Statistische Bundesamt die Grundlage: Für die Zeitverwendungserhebung 2022 hielten rund 20.000 Menschen aus etwa 10.000 Haushalten an je drei Tagen ihren Alltag per Tagebuch oder App fest. Im Schnitt kommen Menschen ab zehn Jahren auf gut sechs Stunden Freizeit am Tag, werktags knapp fünfeinhalb, an Wochenenden und Feiertagen knapp acht. Gegenüber 2012/2013 sind das drei Minuten mehr.
Der Durchschnitt mischt allerdings Schulkinder, Berufstätige und Menschen im Ruhestand, und mit den US-Schwellen lässt er sich nicht direkt vergleichen, weil es andere Erhebungen sind. Eltern im Alter von 18 bis 64 Jahren arbeiten bezahlt und unbezahlt zusammen knapp 57,5 Stunden pro Woche, knapp zehneinhalb Stunden mehr als gleichaltrige Erwachsene ohne Kinder im Haushalt. Und Frauen ab 18 Jahren leisten im Schnitt knapp neun Stunden pro Woche mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Zeitwohlstand dürfte also ungleich verteilt sein.
Aufschlussreich ist auch, was fehlt: 37 Prozent der Menschen ab zehn Jahren wünschen sich, dass Freunde und Bekannte mehr Zeit für sie haben, 31 Prozent wünschen sich das von der Familie. Zeit ist eben auch etwas, das wir einander geben.
Dass sich am Zeiterleben etwas verändern lässt, darauf deuten zwei deutsche Untersuchungen hin. Stefanie Gerold, Johannes Buhl und Sonja Geiger befragten 786 Beschäftigte vor und während des ersten Corona-Lockdowns. Der Zeitwohlstand stieg insgesamt. Als wichtige Treiber nennt die Studie weniger Arbeitsstunden und mehr Schlaf, außerdem weniger Zeitdruck im Job, mehr Spielraum bei der Gestaltung des Arbeitstags und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Der Lockdown ist natürlich kein Vorbild, die Stellschrauben aber sind interessant.
An der Universität Münster begleiteten Forschende um Julia Backmann ein halbes Jahr lang 45 Organisationen beim Pilotprojekt zur Vier-Tage-Woche. Das Wohlbefinden stieg, die Produktivität blieb gleich oder nahm leicht zu, die Lebenszufriedenheit verbesserte sich statistisch signifikant. Vorher wünschten sich 64 Prozent der Beschäftigten mehr Zeit mit der Familie, danach noch 50 Prozent. Backmann selbst mahnt, die Ergebnisse nicht zu überinterpretieren.
Wo kleine Freiräume entstehen können Einen Masterplan liefert die Forschung nicht, aber einige Hinweise. Was davon passt, entscheidet jede und jeder selbst:
Ungeliebtes abgeben, wenn das Budget es hergibt: Die Psychologin Elizabeth Dunn von der University of British Columbia rät, auch daran zu denken, sich von unangenehmen Erfahrungen freizukaufen. Zeit verschenken: In vier Experimenten eines Teams um Cassie Mogilner fühlten sich Menschen reicher an Zeit, wenn sie Zeit für andere aufwendeten – sogar im Vergleich zu unerwartet gewonnener freier Zeit. Große Zeitfenster füllen: Bei viel freier Zeit schnitten in den Szenarien der Wharton-UCLA-Studie Sport oder Hobbys besser ab als Beschäftigungen, die sich unproduktiv anfühlen, etwa Fernsehen. Im Job über Abläufe reden: Im Münsteraner Pilotprojekt entwickelten Beschäftigte selbst Maßnahmen wie effektivere Besprechungen und digitale Werkzeuge. Und der Genügend-Zeit-Tag? Der soll laut kuriose-feiertage.de vor allem dazu anregen, sich Zeit für das Wichtige zu nehmen, wobei die Qualität zählt und nicht die Menge. Was wichtig ist, bleibt jedem selbst überlassen. Das passt zu Rinderspachers Gedanken: Reich an Zeit ist, wer die Wahl hat.
Themen: Zeitwohlstand, Wohlbefinden, Freie Zeit, Lebenszufriedenheit, Zeitforschung, Vier-Tage-Woche, Zeit kaufen
Genug Zeit ist auch ein Reichtum: Was Forschende über Zeitwohlstand wissen