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Gen Z und Demokratie: Junge Menschen sind stärker als ihr Ruf
Deutschlands Jugend ist besorgt, aber nicht resigniert. Neue Studien zeigen wachsendes politisches Interesse, hohe berufliche Zuversicht und einen starken Glauben an gesellschaftliche Veränderung.
Von Max ·
Generation Zukunft: Warum Deutschlands Jugend stärker ist als ihr Ruf Krisen, hohe Mieten und mentale Belastungen prägen das Lebensgefühl vieler junger Menschen. Doch aktuelle Studien zeigen zugleich eine Generation, die politisch interessierter wird, an ihre beruflichen Chancen glaubt und davon überzeugt ist, die Gesellschaft verändern zu können.
Wer über die Generation Z spricht, landet schnell bei großen Etiketten. Mal gilt sie als besonders klimaengagiert, mal als politikverdrossen. Mal wird sie als empfindlich beschrieben, mal als radikal, überfordert oder orientierungslos. Doch die Daten zeichnen ein anderes, wesentlich spannenderes Bild: Deutschlands junge Menschen sind besorgt, aber keineswegs verloren. Sie zweifeln an politischen Lösungen, nicht grundsätzlich an der Demokratie. Sie sehen Risiken, ohne ihre eigenen Möglichkeiten aufzugeben. Und sie wollen nicht nur gehört werden – sie wollen mitgestalten.
Dabei ist schon der Begriff „Generation Z“ mit Vorsicht zu verwenden. Je nach Definition umfasst er unterschiedliche Geburtsjahrgänge. Auch Jugendstudien untersuchen nicht dieselben Altersgruppen: Die Shell Jugendstudie befragt 12- bis 25-Jährige, die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ 14- bis 29-Jährige und die aktuelle Bertelsmann-Untersuchung vergleicht unter anderem 18- bis 34-Jährige mit älteren Menschen. Statt von einer einheitlichen Generation zu sprechen, lohnt sich deshalb der genauere Blick auf junge Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen.
Ein vorsichtiger Optimismus, der leicht übersehen wird Eine aktuelle Befragung der Bertelsmann Stiftung zeigt zunächst ein ernüchterndes Gesamtbild: Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland erwartet, dass es zukünftigen Generationen schlechter gehen wird als den Menschen heute. Nur sieben Prozent rechnen mit einer Verbesserung.
Jüngere Erwachsene blicken allerdings etwas zuversichtlicher nach vorn. Unter den 18- bis 34-Jährigen glauben 13 Prozent, dass es zukünftigen Generationen besser gehen wird. Bei den 35- bis 64-Jährigen sind es sechs Prozent, bei den Menschen über 65 lediglich fünf Prozent. Gleichzeitig erwartet aber auch fast die Hälfte der jüngeren Befragten eine Verschlechterung. Von grenzenlosem Jugendoptimismus kann also keine Rede sein – wohl aber von einer größeren Offenheit für die Möglichkeit, dass Zukunft mehr sein könnte als die Fortsetzung gegenwärtiger Krisen.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Optimismus bedeutet nicht, Probleme auszublenden. Er kann auch darin bestehen, Schwierigkeiten klar zu erkennen und dennoch daran zu glauben, dass Veränderung möglich bleibt.
Genau dieses Muster findet sich in der Shell Jugendstudie. Obwohl Krieg, wirtschaftliche Unsicherheit, Klimawandel und gesellschaftliche Spannungen große Sorgen auslösen, glaubten 2024 insgesamt 86 Prozent der befragten Jugendlichen, dass eine bessere Welt möglich sei. 70 Prozent waren überzeugt, politische und gesellschaftliche Verhältnisse durch eigenes Engagement beeinflussen zu können.
Das ist kein naiver Optimismus. Es ist Gestaltungsvertrauen.
Kritik an der Politik ist nicht automatisch Kritik an der Demokratie Auch beim Verhältnis zur Demokratie ist das Bild differenzierter, als manche Schlagzeile vermuten lässt. In der aktuellen Bertelsmann-Befragung waren 31 Prozent der 18- bis 34-Jährigen mit dem Funktionieren der Demokratie eher unzufrieden. Bei den 35- bis 64-Jährigen und den über 65-Jährigen lag dieser Anteil jeweils bei 38 Prozent.
Jüngere Menschen waren allerdings nicht deutlich häufiger zufrieden. Besonders groß war bei ihnen mit 45 Prozent die Gruppe, die sich zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit einordnete. Das deutet weniger auf Begeisterung als auf eine abwartende und kritische Haltung hin. Viele junge Menschen haben die Demokratie nicht abgeschrieben – sie warten darauf, dass sie ihre Leistungsfähigkeit überzeugender zeigt.
Andere Erhebungen bestätigen den grundsätzlichen Rückhalt. In der Shell Jugendstudie erklärten drei Viertel der 12- bis 25-Jährigen, mit der Demokratie eher oder sehr zufrieden zu sein. Das politische Interesse ist langfristig gestiegen: 55 Prozent bezeichneten sich 2024 als politisch interessiert, 51 Prozent informierten sich aktiv und 37 Prozent hielten persönliches Engagement für wichtig. Im Jahr 2002 hatte der Anteil der politisch Interessierten noch bei 34 Prozent gelegen.
Die scheinbare Widersprüchlichkeit lässt sich erklären: Junge Menschen können demokratische Grundwerte unterstützen und gleichzeitig mit Parteien, Regierungen oder politischen Entscheidungen unzufrieden sein. Gerade hohe Erwartungen an Beteiligung, Gerechtigkeit und Problemlösung können zu deutlicher Kritik führen.
Die Forschung der Bertelsmann Stiftung zeigt zudem einen engen Zusammenhang zwischen Zukunftserwartungen und Demokratiezufriedenheit. Unter Menschen, die pessimistisch auf das Wohlergehen kommender Generationen blicken, waren 54 Prozent mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden. Unter den optimistisch Eingestellten waren es nur zwölf Prozent. Das belegt keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung, zeigt aber: Wer gesellschaftlichen Fortschritt für möglich hält, bewertet auch demokratische Institutionen häufiger positiv.
Immer mehr junge Menschen gehen wählen Auch an der Wahlurne zeigt sich, dass die junge Generation keineswegs vollständig auf Distanz zur Politik geht. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die Wahlbeteiligung bundesweit 82,5 Prozent – der höchste Wert seit 1987.
Besonders stark stieg die Beteiligung bei Menschen unter 45 Jahren. Je nach Altersgruppe betrug das Plus gegenüber 2021 zwischen 7,1 und 8,3 Prozentpunkten. Zwar lag die Wahlbeteiligung der unter 35-Jährigen weiterhin unter dem Gesamtdurchschnitt. Selbst bei den 21- bis 24-Jährigen, der Altersgruppe mit dem niedrigsten Wert, gingen aber 78,3 Prozent zur Wahl.
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Junge Wählerinnen und Wähler verfügen aufgrund des demografischen Wandels zahlenmäßig über weniger Gewicht als ältere Generationen. Dennoch beteiligen sie sich zunehmend.
Eine Bertelsmann-Studie zu den Hürden der Wahlteilnahme erkennt gerade bei jungen Menschen, die bisher nur unregelmäßig wählen, ein erhebliches demokratisches Potenzial. Teile dieser Gruppe seien politisch interessierter, vertrauensvoller und optimistischer als ältere Vergleichsgruppen. Was sie häufig zurückhält, sind nicht Gleichgültigkeit oder Ablehnung, sondern praktische Unsicherheiten, mangelnde politische Bildung, Informationsüberlastung und das Gefühl, dass die eigene Stimme wenig bewirkt.
Die eine junge Generation gibt es nicht Ein weiterer Befund räumt mit einem hartnäckigen Missverständnis auf: Junge Menschen bilden keinen einheitlichen politischen Block.
Eine Jugendwahlstudie zur Bundestagswahl 2025 zeigt, dass Geschlecht, Bildungsweg und Wohnort politische Einstellungen stark beeinflussen. Zwischen jungen Frauen mit höherer formaler Bildung in Großstädten und jungen Männern ohne Abitur außerhalb großer Städte können erhebliche Unterschiede bestehen – besonders bei Themen wie Gleichstellung, Migration, Klimaschutz und Wirtschaft.
Auch das Wahlverhalten ist vielfältiger geworden. Junge Stimmen verteilen sich auf verschiedene Parteien und wechseln stärker zwischen politischen Angeboten. Diese Dynamik muss nicht bedeuten, dass eine Generation orientierungslos ist. Sie kann ebenso zeigen, dass traditionelle Parteibindungen schwächer geworden sind und politische Entscheidungen stärker von aktuellen Themen, Kandidaten und wahrgenommenen Zukunftsperspektiven abhängen.
Die entscheidenden gesellschaftlichen Konfliktlinien verlaufen daher nicht automatisch zwischen Jung und Alt. Häufig trennen soziale Herkunft, Bildungschancen, Geschlecht und regionale Lebensbedingungen die Menschen stärker als ihr Geburtsjahr.
Beruflich trauen sich viele junge Menschen viel zu Auch in der Arbeitswelt widersprechen die Daten dem Bild einer grundsätzlich antriebslosen Generation. In der Shell Jugendstudie waren 84 Prozent der Jugendlichen zuversichtlich, ihre beruflichen Wünsche verwirklichen zu können. Das war gemeinsam mit dem Wert von 2019 ein Höchststand seit Beginn der entsprechenden Zeitreihe im Jahr 2002.
Mehr als neun von zehn Schülerinnen und Schülern glaubten, ihren angestrebten Abschluss zu erreichen. Unter Studierenden waren 95 Prozent zuversichtlich, innerhalb eines Jahres nach dem Studium eine angemessene Beschäftigung zu finden. Gleichzeitig war für 91 Prozent ein sicherer Arbeitsplatz wichtig.
Darin steckt kein Widerspruch. Junge Menschen wünschen sich sinnvolle Arbeit, Entwicklungsmöglichkeiten und Vereinbarkeit – aber ebenso Planbarkeit, finanzielle Sicherheit und Anerkennung. Ein hohes Einkommen und gute Aufstiegschancen haben zuletzt sogar an Bedeutung gewonnen. Die häufig erzählte Geschichte, die Generation Z wolle möglichst wenig arbeiten, findet in diesen Daten keine überzeugende Grundlage.
Allerdings hat die allgemeine Zuversicht in die eigene Zukunft nachgelassen. In der Shell Jugendstudie blickten 52 Prozent optimistisch auf ihr persönliches Leben – 2019 waren es noch 58 Prozent. Hoffnung und Unsicherheit existieren also gleichzeitig.
Wo junge Menschen Unterstützung brauchen Ein positiver Blick auf die Jugend darf ihre Belastungen nicht kleinreden. In der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ gaben 29 Prozent der 14- bis 29-Jährigen an, psychologische Unterstützung zu benötigen. Bei jungen Frauen lag der Anteil bei 34 Prozent, bei Studierenden bei 32 und bei Erwerbslosen bei 42 Prozent.
Diese Angaben sind keine klinischen Diagnosen. Sie beruhen auf der Selbsteinschätzung der Befragten. Dennoch sind sie ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, dass viele junge Menschen Belastungen wahrnehmen und Hilfe suchen.
Hinzu kommen wirtschaftliche Sorgen. Hohe Wohnkosten, knapper Wohnraum, Schulden und unsichere berufliche Perspektiven erschweren den Schritt in ein selbstständiges Leben. Die Trendstudie berichtet, dass 23 Prozent der jungen Befragten Schulden hatten. Gleichzeitig bleibt die Bereitschaft hoch, zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Die Botschaft lautet deshalb nicht: Diese Generation will weniger leisten. Sie fragt vielmehr, ob Leistung noch zuverlässig zu Sicherheit, einer bezahlbaren Wohnung und einem selbstbestimmten Leben führt.
Was Politik von jungen Menschen lernen kann Junge Menschen brauchen nicht in erster Linie neue Etiketten. Sie brauchen nachvollziehbare Zukunftsperspektiven.
Nach den Empfehlungen der Bertelsmann-Forschung helfen verständliche Informationen, verlässliche politische Bildung und echte Beteiligungsmöglichkeiten. Entscheidend ist dabei das Wort „echt“. Jugendräte, Dialogveranstaltungen oder digitale Beteiligungsangebote verlieren schnell an Glaubwürdigkeit, wenn ihre Ergebnisse folgenlos bleiben.
Politik muss zudem konkreter erklären, wie ein gutes Leben in zehn oder zwanzig Jahren aussehen könnte: Wie wird Wohnen wieder bezahlbarer? Welche Chancen bietet die Transformation der Wirtschaft? Wie können psychologische Hilfen schneller erreichbar werden? Wie lassen sich Bildung und berufliche Qualifizierung verlässlich finanzieren?
Die junge Generation erwartet keine perfekte Welt. Viele ihrer Mitglieder erwarten jedoch, dass Probleme nicht nur beschrieben, sondern Schritt für Schritt bearbeitet werden. Genau darin liegt ihre vielleicht wichtigste Stärke: Sie kann gleichzeitig skeptisch und hoffnungsvoll sein.
Das ist keine verlorene Generation. Es ist eine Generation, die sehr genau beobachtet, ob ihr Land an seine eigene Gestaltungsfähigkeit glaubt.
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Gen Z und Demokratie: Junge Menschen sind stärker als ihr Ruf