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Gemeinschaft auf Rezept: Was England vormacht und Deutschland jetzt testet
In England gehört Social Prescribing seit 2019 fest zum Gesundheitssystem: Hausärzte vermitteln Menschen an Gruppen, Kurse oder Gärten. Hannover und Frankfurt erproben das Prinzip inzwischen auch. Ob es Einsamkeit messbar lindert, ist noch offen – angenommen wird es gut.
Von Ulrike ·
Manchmal ist das, was jemandem in der Hausarztpraxis fehlt, keine Tablette. Sondern ein Mensch, mit dem man am Donnerstag Kaffee trinkt. Eine Gruppe, mit der man durch den Park läuft. Ein Kurs, für den es sich lohnt, morgens aufzustehen.
Genau hier setzt eine Idee an, die aus Großbritannien kommt und gerade in Deutschland Fuß fasst: Social Prescribing, auf Deutsch meist „Soziales Rezept“. Gerade jetzt, wenn die Tage kürzer werden und viele mehr Zeit allein verbringen, lohnt sich ein Blick darauf, wie das funktioniert – und was es bisher bringt.
Wie ein Rezept für Gemeinschaft funktioniert Das Prinzip ist schlicht. Eine Ärztin oder ein Arzt merkt, dass hinter Beschwerden auch Einsamkeit, Schulden oder Stress stecken können. Statt nur zu behandeln, überweist die Praxis an einen sogenannten Link Worker. Diese Fachkraft nimmt sich Zeit, fragt, was der Person wichtig ist, und erarbeitet mit ihr einen Plan.
Am Ende steht keine Packung aus der Apotheke, sondern ein Angebot vor Ort. Die britische National Academy for Social Prescribing nennt als Beispiele einen Gemeinschaftsgarten, einen Chor für Menschen mit Demenz, einen Kunstkurs oder eine Form von Bewegung, die zur Person passt. Auch Schuldenberatung oder Hilfe bei Anträgen auf Sozialleistungen können dazugehören.
England: seit 2019 Teil der Regelversorgung In England wurde aus der Idee Schritt für Schritt ein fester Bestandteil des Gesundheitswesens. 2018 bezuschusste das britische Gesundheitsministerium ausgewählte Projekte, und Social Prescribing wurde in die nationale Strategie gegen Einsamkeit aufgenommen. Seit 2019 ist es offiziell in die Strukturen des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS eingebettet. So fassen es die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags in einer Ausarbeitung vom Februar 2026 zusammen.
In Großbritannien sind laut Apotheken Umschau (Stand: April 2025) mehr als 3.500 Link Worker im Einsatz. Wie sehr das Angebot angenommen wird, zeigt eine große Auswertung von Daten aus Hausarztpraxen, über die die Ausarbeitung ebenfalls berichtet: Bis Ende 2023 mündeten rund 5,5 Millionen Arztkontakte in eine soziale Verschreibung – deutlich mehr als das Ziel, das sich der NHS gesteckt hatte. Die Zahl der Vermittelten aus benachteiligten Gegenden hat sich fast verdoppelt. Und der Anteil derer, die das Angebot ablehnten, sank von 22 auf 12 Prozent.
Ehrlich gesagt: Die Wirkung auf Einsamkeit ist noch offen So schön die Idee klingt, die Forschung ist noch nicht so weit, ein klares Urteil zu fällen. Eine 2025 im British Journal of General Practice erschienene Studie wertete Befragungen von jeweils rund 700.000 Patientinnen und Patienten aus den Jahren 2018 bis 2023 aus. Mehr Link Worker gingen dort mit leicht besseren Umfragewerten einher. Beim Gefühl der Isolation zeigte sich aber keine eindeutige Veränderung.
Die Studie hat allerdings Grenzen: Sie verfolgte nicht dieselben Menschen über die Zeit und wusste nicht, wer tatsächlich vermittelt worden war. Eine andere Auswertung zeigt zudem, dass zwischen 2017 und 2022 zwar 90 Prozent der Überweisungen zu einem Kontakt mit einem Link Worker führten, aber nur 38 Prozent tatsächlich in eine Aktivität oder Unterstützung mündeten.
Ermutigender sind die Ergebnisse eines britischen Programms für naturnahe Angebote, „Green Social Prescribing“: Rund 8.300 Menschen wurden dort an Aktivitäten in der Natur vermittelt. Laut der nationalen Evaluation, die die Ausarbeitung zusammenfasst, verbesserte sich das Wohlbefinden der Teilnehmenden in allen Pilotprojekten statistisch signifikant. Nach einer Schätzung habe jedes eingesetzte Pfund einen sozialen Mehrwert von 2,42 Pfund erzeugt.
Die ehrliche Bilanz lautet also: Social Prescribing erreicht viele Menschen und wird gut angenommen. Ob es Einsamkeit verlässlich lindert, muss die Forschung noch zeigen.
Hannover: ein Rezept für ältere Menschen Ein Beispiel aus Deutschland ist Hannover. Seit Herbst 2025 können Hausärztinnen und Hausärzte dort älteren Menschen ein „Soziales Rezept“ ausstellen. Das Ziel der Stadt: Einsamkeit im Alter vorbeugen, das Wohlbefinden stärken und helfen, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben.
Mit dem Rezept geht es in eine Sprechstunde im eigenen Stadtteil. In jedem der 13 Stadtbezirke beraten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter und schlagen passende Angebote in der Nähe vor – von Bewegung und Spielen über Kaffee- und Gesprächsrunden bis zu Ausflügen. Wer kein Rezept hat oder es verlegt hat, darf trotzdem kommen.
Getragen wird das Projekt von der Stadt, dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband Niedersachsen, dem Seniorenbeirat und einem Netzwerk der Seniorenarbeit. Sozialdezernentin Sylvia Bruns begründete den Weg über die Praxen so: Man erreiche von Einsamkeit bedrohte Menschen „häufig nicht mehr über die klassischen Wege der sozialen Arbeit“. Nach einem Bericht von PTAheute beteiligen sich laut einer stichprobenartigen Abfrage der Stadt etwa 60 Praxen; die Stadt wertet das Projekt als Erfolg.
Frankfurt, Berlin und Brandenburg probieren mit Auch Frankfurt am Main ist eingestiegen. Das Gesundheitsamt bietet seit Juni 2026 kostenlos „Rezepte gegen Einsamkeit“ an: Entspannungs- und Achtsamkeitskurse, Bewegungsangebote, Kunst- und Kulturkurse oder Gruppenangebote, etwa einen Museumsbesuch. Wer mitmachen möchte, meldet sich selbst, füllt Fragebögen aus und bekommt bei einem Gruppentreffen im Gesundheitsamt passende Angebote vermittelt. Laut PTAheute hatten sich bis Ende August rund 80 Menschen gemeldet; nicht alle blieben dabei. Künftig will die Stadt mit Hausarztpraxen zusammenarbeiten.
Wissenschaftlich begleitet wird das Thema unter anderem an der Berliner Charité. Dort forscht Professor Wolfram Herrmann, unter anderem in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Modellprojekt. In einer Praxis in Brandenburg an der Havel, die an einer Studie teilnimmt, kommt eine Link Workerin einmal pro Woche vorbei, berichtet die Apotheken Umschau. Der Arzt dort zählt Geldsorgen und Einsamkeit zu den häufigsten Gründen für eine Überweisung. Herrmann bringt die Idee auf den Punkt: Die Menschen sollen „befähigt werden, selbst aktiv zu werden“.
Herrmanns Institut koordiniert außerdem das EU-geförderte Projekt „Social Prescribing in Europe“ mit Partnern in elf Ländern, darunter das Universitätsklinikum Freiburg. Es testet, wie gut das Soziale Rezept Menschen in schwierigen Lebenslagen hilft, etwa älteren Alleinlebenden, Geflüchteten oder queeren Menschen.
Eine Bewegung, die wächst Wie lebendig das Feld geworden ist, zeigt die 3. Deutsche Social Prescribing Konferenz, die für den 17. September an der Charité angesetzt war. Auf dem Programm standen unter anderem eigene Blöcke zu Link Workern, zu Kunst auf Rezept sowie zu Einsamkeit, Teilhabe und Gemeinschaft.
Noch ist das Soziale Rezept in Deutschland kein Standard, sondern ein Flickenteppich aus Modellen und Studien. Aber die Richtung ist klar: Immer mehr Praxen, Städte und Forschende nehmen ernst, dass Gesundheit auch davon abhängt, ob wir Menschen um uns haben. Und manchmal beginnt das mit einem Zettel vom Hausarzt, auf dem statt eines Wirkstoffs eine Adresse steht.
Themen: Soziales Rezept, Social Prescribing, Einsamkeit, Gesundheit, Gemeinschaft, Wohlbefinden, Deutschland
Gemeinschaft auf Rezept: Was England vormacht und Deutschland jetzt testet