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Gänse, Stare, Watvögel: Wo du den Vogelzug jetzt noch erleben kannst
Ende Oktober ist der Himmel über Deutschland voller Reisender: Im Wattenmeer rasten Gänse und Watvögel, am Niederrhein kommen die Wintergänse an, und mit etwas Glück zeigen Stare noch ihre Schwarmflüge. Wo du das erlebst – und wie, ohne die Tiere zu stören.
Von Tobias ·
Seit der Zeitumstellung kommt die Dämmerung früher. Für alle, die gern nach oben schauen, ist das eine gute Nachricht: Gerade in der Abenddämmerung ist am Herbsthimmel viel los. Dann fliegen im Wattenmeer die Gänse von ihren Futterplätzen zu den Schlafplätzen, und anderswo kreisen Stare in dichten Schwärmen über dem Schilf, bevor sie sich zur Nacht niederlassen.
Die Dimensionen sind gewaltig. Nach Angaben des Nationalparks Wattenmeer rasten jeden Herbst rund zehn Millionen Zugvögel im Wattenmeer vor der deutschen, niederländischen und dänischen Nordseeküste. Allein aus Bayern ziehen nach einer Schätzung des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) aus dem vergangenen Jahr mehr als 50 Millionen Zugvögel Richtung Süden, rund 300 Millionen weitere aus dem Norden überqueren das Land oder legen dort eine Pause ein.
Wattenmeer: die große Tankstelle Das Wattenmeer gilt als Drehscheibe des Ostatlantischen Vogelzugs. Viele Vögel, die in der arktischen Tundra oder im Norden Europas und Asiens brüten, füllen hier ihre Energiereserven auf, bevor sie weiter in Richtung Westafrika fliegen. Ohne diesen Zwischenstopp würden viele Populationen ihre Reise nicht schaffen, schreibt die Nationalparkverwaltung.
Der Herbstzug läuft dort von Juni bis November, am stärksten ist er im September und Oktober. Dann erreicht auch der Durchzug von Enten und Gänsen seinen Höhepunkt. Im Winter fallen große Schwärme von Ringel-, Weißwangen-, Bläss- und Graugänsen auf. Wer jetzt noch hinfährt, erlebt also die späte Phase des Herbstzugs.
Ein paar Tricks erhöhen die Chancen: Am frühen Morgen ist der Zug meist am stärksten. Bei Niedrigwasser verteilen sich die Watvögel weit draußen im Watt, bei Hochwasser drängen sie sich auf Salzwiesen und Stränden zusammen und sind näher zu sehen. Am Abend lässt sich vor allem vom Festland aus verfolgen, wie Gänse zu ihren Schlafplätzen fliegen. Klares Wetter mit Nordostwind bringt oft besonders viel Bewegung, bei Regen, Nebel oder Sturm legen viele Vögel eine Pause ein.
Ein guter Einstieg ist der Naturerlebnisraum in St. Peter-Ording mit seiner Plattform „Vogelzug“. Dort lassen sich unter anderem Alpenstrandläufer, Austernfischer und Brachvögel beobachten, im Herbst auch Nonnengänse, auch Weißwangengänse genannt, auf dem Grünland hinter dem Deich. Wer lieber mit Begleitung loszieht: Die Schutzstation Wattenmeer, der Verein Jordsand und der NABU führen ihre Termine in eigenen Veranstaltungskalendern.
Niederrhein: Die Wintergäste kommen an Während an der Küste viele Vögel auf der Durchreise sind, bleiben die Wildgänse am Unteren Niederrhein den ganzen Winter. Die Biologische Station Kreis Wesel und Krefeld zählt sie im Kreis Wesel regelmäßig. Bei der Zählung Mitte Oktober 2025 waren es knapp 7.900 Gänse, im Januar 2026 kamen die Zählerinnen und Zähler auf rund 89.000 Tiere – die meisten davon Blässgänse. Saat- und Graugänse waren im vergangenen Winter im November am zahlreichsten, Weißwangengänse erst im Februar.
Und das ist eine Entwicklung mit Geschichte: In diesen Mengen kommen die Gänse laut Biologischer Station erst seit Mitte bis Ende der 1960er-Jahre an den Niederrhein. Die Station bietet im Winterhalbjahr geführte Busexkursionen zu den Rastgebieten an.
Ein Tipp der Fachleute, der sich zunächst seltsam anhört: Bleib im Auto. Es wirkt wie ein Tarnzelt, die Gänse lassen dich näher heran als einen Menschen zu Fuß. Ein Fernglas mit 7×50 bis 10×40 reicht, um die Tiere aus sicherer Entfernung gut zu sehen.
Stare: das Abendprogramm Besonders eindrucksvolle Flugbilder liefern die Stare. Laut LBV sammeln sie sich ab Anfang September, die größten Schwärme sind bis etwa Mitte Oktober unterwegs. Spätestens mit dem ersten Wintereinbruch ziehen die letzten in den Mittelmeerraum. Wer Ende Oktober noch Glück hat, findet Schwärme kurz vor Sonnenuntergang an Seen mit großen Schilfflächen, wo die Vögel übernachten. Tagsüber ruhen sie oft auf Stromleitungen.
Einen Anführer gibt es in diesen Schwärmen nicht. Jeder Star orientiert sich an seinen Nachbarn, so pflanzt sich jede Kurve durch die ganze Wolke fort, ohne dass die Vögel zusammenstoßen. Das Gedränge schützt: Ein Greifvogel wie der Wanderfalke hat es schwer, einen einzelnen Vogel herauszupicken.
Wie groß solche Versammlungen werden können, zeigt der Galenbecker See: Nach Angaben der Deutschen Wildtier Stiftung kamen dort im vergangenen Herbst jeden Abend Hunderttausende Stare an ihren Schlafplatz in den Weidengebüschen, dazu rasteten rund 30.000 Bläss- und Saatgänse und Tausende Kraniche. Das Gebiet selbst ist allerdings nur schwer zugänglich – hier gilt erst recht: aus der Ferne genießen.
So beobachtest du, ohne zu stören Für Zugvögel ist jedes unnötige Auffliegen ein Verlust. Fliegen kostet Gänse bis zu zehnmal mehr Energie als Ruhen, und diese Reserven brauchen sie für die Reise und den Winter. Der Verhaltenskodex für Vogelbeobachtung im Nationalpark Wattenmeer und die Biologische Station empfehlen unter anderem:
Abstand halten und auf Wegen und öffentlichen Straßen bleiben, nicht ins Gelände gehen. Langsam bewegen, leise sein, keine Drohnen, kein Blitzlicht. Auf Warnzeichen achten: Heben die Vögel die Köpfe, werden unruhig oder rufen, ziehst du dich zurück. Beobachtungsplattformen und -hütten nutzen, dort sind die Vögel oft an Menschen gewöhnt. Im Nationalpark Wattenmeer gehören Hunde das ganze Jahr an die Leine. Und noch ein Hinweis der Veterinärbehörden: Kranke oder tote Vögel solltest du nicht anfassen. Funde von Wasservögeln, Kranichen, Möwen, Raben- oder Greifvögeln meldest du dem zuständigen Veterinäramt. Das Friedrich-Loeffler-Institut rechnet für Oktober 2026 mit mehr Nachweisen der Geflügelpest bei Wildvögeln.
Wer mag, kann seine Beobachtungen übrigens auf dem Portal ornitho.de eintragen. So hilft der Ausflug am Ende auch der Forschung – und der Blick in den Herbsthimmel wird zu einem kleinen Beitrag für die Vögel, die da gerade über uns hinwegziehen.
Themen: Vogelzug, Zugvögel, Vogelbeobachtung, Wattenmeer, Niederrhein, Wildgänse, Stare
Gänse, Stare, Watvögel: Wo du den Vogelzug jetzt noch erleben kannst