Wissenschaft | Geschichte | Forschung
Forschen vom Sofa aus: Wie du bei echter Wissenschaft mitmachen kannst
Vögel zählen, Mücken einschicken, Galaxien sortieren: Bei Citizen-Science-Projekten liefern Laien Daten, mit denen Forschende wirklich arbeiten. Allein die deutsche Plattform mit:forschen! listet mehr als 350 solcher Projekte – und einige kannst du sofort vom Wohnzimmer aus starten.
Von Tobias ·
Wissenschaft passiert nicht nur im Labor. Sie passiert auch am Küchenfenster, auf dem Balkon und am Laptop auf dem Sofa. Passend dazu beginnt am Montag die Internationale Woche der Wissenschaft und des Friedens, die die Vereinten Nationen jedes Jahr vom 9. bis 15. November begehen. Am Dienstag, dem 10. November, folgt der Welttag der Wissenschaft für Frieden und Entwicklung. Ein guter Anlass, um selbst mitzuforschen – lange Herbstabende inklusive.
Was Citizen Science bedeutet Citizen Science, auf Deutsch Bürgerwissenschaft, heißt: Menschen ohne Forschungsberuf beteiligen sich aktiv an echten wissenschaftlichen Projekten. Das kann bei der Fragestellung anfangen und bis zur Vermittlung der Ergebnisse reichen. Meist geht es aber ums Beobachten, Zählen, Messen, Fotografieren, Abschreiben alter Dokumente oder Sortieren von Bildern – oft per App oder Online-Plattform. Eine international einheitliche Definition gibt es übrigens nicht.
Wer wissen will, was es in Deutschland gibt, findet auf der Plattform „mit:forschen!“ einen guten Überblick. Früher hieß sie „Bürger schaffen Wissen“. Seit April 2014 stellt sie Projekte vor und vernetzt sie, betrieben von Wissenschaft im Dialog und dem Museum für Naturkunde Berlin, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Laut Plattform sind dort mehr als 350 bürgerwissenschaftliche Projekte versammelt.
Vier Projekte, bei denen du jetzt einsteigen kannst Galaxien sortieren am Laptop: Die Online-Plattform Zooniverse bezeichnet sich selbst als größte Plattform für Forschung, die von Menschen getragen wird. Freiwillige schauen sich dort zum Beispiel Bilder ferner Galaxien, Tiervideos oder historische Aufzeichnungen an und ordnen sie ein – oder helfen bei der Suche nach fernen Planeten. Wie groß die Lust darauf ist, zeigt das Projekt Galaxy Zoo: Innerhalb eines Jahres machten dort nach Angaben von mit:forschen! 150.000 Menschen mit. Projekt aussuchen, loslegen – das klappt auch an einem verregneten Sonntag.
Vögel zählen im Januar: Die „Stunde der Wintervögel“ von NABU und seinem bayerischen Partner LBV ist eine bundesweite Mitmachaktion. Die nächste Runde ist für Freitag, 8., bis Sonntag, 10. Januar 2027 angekündigt. Das Prinzip ist einfach: Eine Stunde lang die Vögel am Futterhaus, im Garten, auf dem Balkon oder im Park zählen und das Ergebnis melden. Auf der Aktionsseite steht dazu: „Gemeinsam Vögel zählen für die Wissenschaft“. Bis Januar bleibt also genug Zeit, um sich schon einmal mit Meisen, Rotkehlchen und Co. vertraut zu machen. Weitere Tipps und Anleitungen sollen laut NABU in Kürze folgen.
Mücken für die Forschung: Beim Mückenatlas kartieren das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und das Friedrich-Loeffler-Institut die Stechmücken in Deutschland – mit Hilfe der Bevölkerung. So geht es: Mücke nicht erschlagen, sondern mit einem verschließbaren Gefäß einfangen, über Nacht im Gefrierfach lassen, dann in einem bruchsicheren Döschen mit dem ausgefüllten Formular per Post einschicken. Als Rückmeldung bekommst du Informationen zu deinem Fang; das kann einige Wochen dauern. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Mehr als 37.000 Teilnehmende haben über 207.000 Stechmücken beigesteuert, bis zum 19. Oktober 2026 kamen 42.501 Einsendungen zusammen.
Pflanzen beobachten für den Wetterdienst: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) lässt Freiwillige festhalten, wann wiederkehrende Entwicklungsschritte von Pflanzen eintreten – etwa der Beginn der Blüte. Einzelne Beobachtungen lassen sich in der WarnWetter-App des DWD melden. Wer sich längerfristig binden möchte, kann sich beim DWD als ehrenamtliche Beobachterin oder ehrenamtlicher Beobachter für das feste Netz melden – neue Beobachtungsstellen sind laufend zu besetzen, die jährliche Aufwandsentschädigung liegt anfangs bei 250 Euro. Laut dem Agrarmagazin top agrar besteht das Netz seit 1951 und zählte im März 2023 rund 1.100 ehrenamtliche Beobachterinnen und Beobachter. Beobachtet wird während der Vegetationsperiode – über den Winter bleibt also Zeit, sich zu melden und in die kostenlose Anleitung einzulesen.
Landen die Daten wirklich in der Forschung? Ja – und das lässt sich nachlesen. Zooniverse führt eine lange Liste wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die aus den Projekten hervorgegangen sind. Schon 2011 erschien etwa ein Datensatz mit Einordnungen von fast 900.000 Galaxien aus Galaxy Zoo. Auch beim Mückenatlas werden die Einsendungen wissenschaftlich ausgewertet: Die Forschenden haben unter anderem untersucht, wie sich die Daten der Bürgerinnen und Bürger zu professionell erhobenen Daten verhalten. Die Pflanzenbeobachtungen des DWD nutzen Universitäten, Forschungseinrichtungen, Behörden und die Landwirtschaft, außerdem fließen sie in den Polleninformationsdienst ein. Künftig sollen sie verstärkt auch für Klima-Trendanalysen dienen, weil sich die Eintrittstermine vieler Pflanzenstadien gut mit Temperaturtrends in Beziehung setzen lassen.
Das Schöne daran: Niemand muss Fachwissen mitbringen. Neugier, ein bisschen Geduld und manchmal ein Fernglas reichen. Und vielleicht steckt am Ende in einer Studie auch ein winziges Stück von deinem Sonntagnachmittag.
Themen: Citizen Science, Bürgerwissenschaft, Mitmachen, Stunde der Wintervögel, Mückenatlas, Zooniverse, Welttag der Wissenschaft
Forschen vom Sofa aus: Wie du bei echter Wissenschaft mitmachen kannst