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Fairtrade-Siegel: Aus einem Kölner Verein von 1992 wurde ein Milliardenmarkt
1992 wurde in Köln ein Verein gegründet, dessen Siegel zuerst auf Kaffee kam. 2025 kauften Menschen in Deutschland erstmals für über drei Milliarden Euro Fairtrade-Produkte, rund 42 Millionen Euro Prämie flossen an Kooperativen. Was die Zahlen zeigen – und was die Forschung dazu sagt.
Von Max ·
Wer in diesen Wochen Kaffee, Schokolade oder Nüsse für die Adventszeit einkauft, findet im Regal fast selbstverständlich Packungen mit Fairtrade-Siegel. Das war nicht immer so. Angefangen hat das Siegel in Deutschland mit einem einzigen Produkt – Kaffee – und mit einem Verein in Köln.
Ein Verein in Köln-Sülz Im Juni 1992 wurde in Köln-Sülz der Verein TransFair gegründet. Das erste Produkt, das in Deutschland mit seinem Siegel in den Handel kam, war Kaffee. Dieter Overath begann 1992 bei der „AG Kleinbauernkaffee“, aus der sich die heutige Organisation entwickelte. Er wurde ihr erster Geschäftsführer und war lange Vorstandsvorsitzender. Seit 2021 heißt der Verein Fairtrade Deutschland.
Das Prinzip ist bis heute ähnlich: Kooperativen in Anbauländern erhalten für ihre Ware einen Mindestpreis, der vor allem dann hilft, wenn die Weltmarktpreise niedrig sind. Dazu kommt eine Prämie, die zusätzlich zum Verkaufspreis an Kooperativen und Prämienkomitees fließt.
Über drei Milliarden Euro – erstmals 34 Jahre nach der Gründung ist aus der Nische ein großer Markt geworden. Im Mai 2026 meldete Fairtrade Deutschland für das Jahr 2025 einen Umsatz von 3,14 Milliarden Euro mit Fairtrade-gesiegelten Produkten. Das sind knapp 9 Prozent mehr als im Vorjahr und zum ersten Mal mehr als drei Milliarden. Rechnerisch gab jede Person in Deutschland etwa 38 Euro dafür aus. Marketing-Vorstand Benjamin Drösel nannte das Ergebnis ein „wichtiges Signal für den Markt“.
Für die Menschen in den Anbauländern zählt vor allem eine andere Zahl: Rund 42 Millionen Euro an Prämiengeldern erhielten Kooperativen und Prämienkomitees durch die Verkäufe in Deutschland. Weltweit arbeiten rund 2.000 Kooperativen aus 68 Ländern mit Fairtrade. Sie vertreten nach Angaben der Organisation etwa zwei Millionen Bäuerinnen, Bauern und Beschäftigte.
Manche Produkte haben sich einen festen Platz erobert. Bei Bananen liegt der Fairtrade-Marktanteil in Deutschland bei rund 17 Prozent, bei Bio-Bananen sogar bei 80 Prozent. Bei Kakao sind es 21 Prozent, bei Rosen 37 Prozent. Kaffee, das Produkt der ersten Stunde, kam auf rund eine Milliarde Euro Umsatz – vor allem wegen der hohen Kaffeepreise. Die verkaufte Menge sank leicht auf 24.000 Tonnen, der Marktanteil liegt bei 5 Prozent.
Zwei Zahlen, zwei Rechenwege Wer sich mit dem Thema beschäftigt, stößt auf eine zweite Zahl. Das Forum Fairer Handel in Berlin beziffert den gesamten Umsatz mit fair gehandelten Produkten in Deutschland für 2025 auf 2,7 Milliarden Euro zu Endverbraucherpreisen, ein Plus von 4,7 Prozent. Darin stecken neben Fairtrade-Produkten auch die anerkannten Fair-Handels-Unternehmen mit 275 Millionen Euro und die Weltläden, deren Umsatz um 10 Prozent auf 87 Millionen Euro wuchs. Pro Kopf kommt das Forum auf 33 Euro.
Den Anteil der Fairtrade-Siegelprodukte setzt das Forum mit 2,27 Milliarden Euro an – deutlich weniger als die 3,14 Milliarden, die Fairtrade selbst nennt. Eine Erklärung für den Unterschied findet sich in keiner der beiden Veröffentlichungen. Für uns heißt das: Beide Zahlen zeigen Wachstum, aber man sollte sie nicht miteinander vermischen. Eindeutig ist der lange Trend: Laut Forum hat sich der Gesamtumsatz seit 2016 von 1,3 auf 2,7 Milliarden Euro mehr als verdoppelt, mit einem Dämpfer nur im Jahr 2020.
Und es gibt noch Luft nach oben. In der Schweiz gaben Menschen 2025 umgerechnet rund 129 Euro pro Kopf allein für Fairtrade-Produkte aus, in Österreich etwa 88 Euro.
Von der Kaffeebohne zur Bewegung in Städten und Schulen Fairer Handel ist längst mehr als ein Etikett im Supermarkt. In Deutschland tragen inzwischen 933 Kommunen den Titel Fairtrade-Town, dazu kommen 1.026 Fairtrade-Schools und 51 Fairtrade-Universities. 2025 wurde das Saarland als erstes Bundesland ausgezeichnet.
Was bringt das den Bauernfamilien? Hier lohnt ein ehrlicher Blick, denn die Forschung ist sich nicht in allem einig. Eine Literaturauswertung des Overseas Development Institute (ODI) aus dem Jahr 2017, die Fairtrade International in Auftrag gab, wertete 45 Studien aus, die zwischen 2009 und 2015 erschienen waren. Klar positiv waren die Befunde bei der Prämie: Alle vierzehn Arbeiten, die dazu Belege lieferten, stellten einen positiven Effekt fest. Auch für Arbeitsbedingungen auf Plantagen fand das Gutachten eindeutige Belege für eine Verbesserung.
Beim Einkommen dagegen war das Bild gemischt. Qualitative Studien sahen Vorteile, einige quantitative Studien fanden aber nur eine begrenzte oder gar keine Wirkung – etwa wenn Kooperativen nur wenig zu Fairtrade-Bedingungen absetzen konnten, die Marktpreise über dem Mindestpreis lagen oder die Produktionskosten stark gestiegen waren. Bei den Löhnen auf Plantagen war der Effekt begrenzt.
Eine in der Fachzeitschrift „Global Food Security“ erschienene Meta-Analyse von Eva-Marie Meemken aus dem Jahr 2020 betrachtete Nachhaltigkeitsstandards insgesamt, also nicht nur Fairtrade, sondern zum Beispiel auch Bio. Ausgewertet wurden 97 Originalstudien. Zertifizierte Kleinbauern erzielten demnach im Schnitt 20 bis 30 Prozent höhere Preise, das Haushaltseinkommen lag um etwa 16 bis 22 Prozent höher. Die Unterschiede zwischen einzelnen Studien waren allerdings groß, und viel hängt vom jeweiligen Umfeld ab, etwa davon, wie die Lieferkette organisiert ist.
Eine neuere Auswertung von 122 Studien aus den Jahren 2021 bis 2024, die Fairtrade International 2025 veröffentlichte, kommt zu einem positiven Ergebnis für Einkommen und Einkommensstabilität. Sie wurde allerdings von der Organisation selbst herausgegeben und benennt auch Lücken, etwa bei existenzsichernden Löhnen auf großen Plantagen.
Was bleibt Fairer Handel löst nicht alle Probleme im Welthandel, und auch bei Fairtrade selbst sieht man Handlungsbedarf: Vorständin Claudia Brück fordert, steigende Kosten müssten „entlang der gesamten Lieferkette fair verteilt werden“. Aber aus einer Kaffee-Idee in Köln ist in drei Jahrzehnten ein Markt in Milliardenhöhe geworden, der allein 2025 rund 42 Millionen Euro an Prämien zu Kooperativen gebracht hat. Und jeder Einkauf zählt mit.
Themen: Fairtrade, Fairer Handel, Fairtrade Deutschland, Nachhaltigkeit, Bauern, Milliardenmarkt, Sozialer Konsum
Fairtrade-Siegel: Aus einem Kölner Verein von 1992 wurde ein Milliardenmarkt