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Fäden, die verzaubern: Warum Puppentheater Groß und Klein fesselt
Puppentheater verbindet darstellende und bildende Kunst und spricht Kinder wie Erwachsene an. Über 350 Puppentheater in Deutschland haben den Kasper im Repertoire, sein Spielprinzip steht seit 2021 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Von Madalina ·
Wenn es im November früh dunkel wird und das Wochenende naht, darf das Vergnügen gern etwas kleiner ausfallen. Sagen wir: so groß wie eine Handpuppe. Oder wie eine herkömmliche Marionette, deren acht bis neun Fäden oben in einem Spielkreuz enden.
Figurentheater gilt als eine der ältesten Theaterformen der Welt. Und es ist hierzulande erstaunlich lebendig: Kasperspiele gehören laut Deutscher UNESCO-Kommission heute zum Repertoire von mehr als 350 Puppentheatern in Deutschland. Dazu finden jedes Jahr Dutzende Festivals statt.
Von Aristoteles bis zum Kasperlgrafen Schon Aristoteles beschrieb eine Figur, deren Kopf, Glieder und Augen sich bewegen ließen, und Platon nahm die an Fäden gezogene Puppe als Bild für menschliche Abhängigkeit. In Deutschland verbreitete sich das Marionettenspiel im 12. Jahrhundert, im Mittelalter vermittelten Puppenspieler auf Marktplätzen auch Glaubensinhalte.
Später wurde das Trauerspiel um Johannes Faust zeitweise zum meistgespielten Stück der Puppenbühnen. Goethe bekam als Kind ein Puppentheater und griff den Stoff später für seinen „Faust“ auf.
Einen kräftigen Schub brachte das 19. Jahrhundert. Als der Münchner Josef Schmid 1858 das Inventar für ein Marionettentheater kaufte, fehlten ihm Spielstätte und Genehmigung. Franz Graf von Pocci, der „Kasperlgraf“, besorgte Theater, Erlaubnis und Geld und schrieb rund 40 Kasperl-Komödien. Der Andrang war so groß, dass die Stadt München dem Theater ein eigenes Haus baute.
Der Kasper hält zum Publikum Wie wandelbar diese Kunst ist, zeigt ihre bekannteste Figur. Die Tradition der Handpuppen reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück, frühere Namen waren Meister Hämmerlein, Hanswurst und Putschenelle. Im 19. Jahrhundert wurde der Kasper zur kritischen Stimme gegen Obrigkeit und Bösewichte und stand auf der Seite des Publikums.
Ganz ohne Schatten blieb sein Weg nicht: Nach 1933 wurde er der nationalsozialistischen Kulturpolitik untergeordnet, und Mitte des 20. Jahrhunderts traten brave Varianten wie der Verkehrs- oder der Gesundheitskasper auf. In den 1980er-Jahren griffen Puppenspieler in der DDR ihn wieder als kritische Stimme auf.
2021 nahm die Kulturministerkonferenz das Kaspertheater als Spielprinzip in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf, ebenso das Papiertheater mit seinen kleinen Tischbühnen und seiner gut 200-jährigen Tradition. Dieses nationale Verzeichnis umfasst inzwischen 173 Einträge und ist keine der internationalen UNESCO-Listen, sondern zeigt, was in Deutschland lebendig weitergegeben wird.
Warum das alle Altersgruppen anspricht Die eine Erklärung für die Faszination gibt es nicht, aber es gibt gute Spuren. Die erste: Vielseitigkeit. Laut Stuttgarter Musikhochschule verbinden sich im heutigen Figurentheater darstellende und bildende Kunst, die Produktionen reichen vom Handpuppenspiel bis zu Tanztheater und Performance. Zur Familie gehören neben Marionetten und Handpuppen auch Stab- und Schattenfiguren, Klappmaulpuppen und das Spiel mit Objekten. Handpuppen kennen viele aus der „Sesamstraße“, und die Marionetten der Augsburger Puppenkiste sind weithin bekannt.
Die zweite Spur: Es ist längst nicht nur Kinderprogramm. „Kaspertheater ist übrigens nicht nur was für Kinder“, sagte Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle 2021. Auch das übrige Repertoire zeigt die Spannweite: In Lindau gibt es eine Marionettenoper mit Stücken wie „Carmen“, das Hohenloher Figurentheater hat Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ adaptiert. Das Papiertheater wiederum erreicht Menschen jeden Alters, auch demenzkranke und psychisch erkrankte Menschen.
Eine dritte Beobachtung stammt aus der Wissenschaft, auch wenn sie die Faszination nicht erklärt: In der Entwicklungspsychologie sind Puppen ein beliebtes Forschungswerkzeug. Hannes Rakoczy erörtert in einer Fachveröffentlichung von 2022, die die Universität Göttingen auf ihren Seiten führt, warum das so ist und wo die Methode an Grenzen stößt. Sein Argument: Auch wenn Kinder in solchen Versuchen nur so tun als ob, verrät das, mit welchen Begriffen sie denken und welche Folgerungen sie ziehen. Ernst genommen wird die Figur also auch in der Forschung.
Wo die Kunst bewahrt und weitergegeben wird Wer sich auf Spurensuche begeben möchte, findet einige gute Anlaufstellen. Die Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 1952 gegründet und aufgebaut auf der Sammlung des Leipziger Lehrers Otto Link, zählt nach eigenen Angaben zu den weltweit größten ihrer Art: rund 12.000 Figuren, mit Bühnen und Archiv mehr als 100.000 Objekte. Seit September 2024 ist sie im Kraftwerk Mitte zu Hause, zu sehen sind unter anderem Bauhaus-Marionetten, der Sandmann und der Hohnsteiner Kasper.
Das Münchner Stadtmuseum besitzt seit 1940 eine eigene Puppentheatersammlung mit rund 13.000 Figuren. Zur angeschlossenen Schausteller-Abteilung gehört sogar ein Flohzirkus. Das Haus ist wegen der Generalsanierung allerdings weitgehend geschlossen. Im brandenburgischen Bad Liebenwerda widmet sich das Mitteldeutsche Marionettentheatermuseum der Geschichte des reisenden Wandermarionettentheaters in der Region. Öffnungszeiten und Angebote prüfst du am besten vorher.
Auch der Nachwuchs ist da. Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin richtete die Fachrichtung Puppenspiel 1971 ein, heute heißt der achtsemestrige Studiengang Zeitgenössische Puppenspielkunst. An der Hochschule in Stuttgart gibt es Figurentheater seit 1983, inzwischen als vierjährigen Bachelor. Dort geht es um Animationstechnik ebenso wie um Figurenbau, und ein gemeinsamer Regie-Master mit Partnern aus Berlin und Magdeburg ist in Planung, voraussichtlicher Start im Sommersemester 2027.
Und wer die internationale Szene sucht, landet im Ruhrgebiet: Die FIDENA, das „Figurentheater der Nationen“, wurde 1958 in Bochum gegründet und findet alle zwei Jahre statt. Die jüngste Ausgabe im Mai 2026 versammelte 28 Produktionen aus 16 Ländern. Für eine Kunst, deren Wurzeln bis in die Antike reichen, ist das ein ziemlich munteres Lebenszeichen.
Themen: Puppentheater, Figurentheater, Kasper, Marionetten, Papiertheater, Immaterielles Kulturerbe, FIDENA, Kultur
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