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Ewigkeitschemikalien: Warum Schwedens PFAS-Plan Europa bewegt
Kleidung, Kosmetik, Pfannen und Skiwachs: Schweden bereitet ein breites PFAS-Verbot ab 2028 vor. Der Plan zeigt, wie konsequente Vorsorge Gesundheit schützen und neue Innovationen beschleunigen kann.
Von Denise ·
Schweden will PFAS aus dem Alltag verbannen – und Europa könnte folgen Eine Regenjacke, an der Wasser einfach abperlt. Eine Pfanne, in der nichts haften bleibt. Eine Mascara, die selbst einen langen Tag übersteht. Hinter diesen praktischen Eigenschaften können Stoffe stecken, die ein weit größeres Problem hinterlassen als einen Fleck auf der Kleidung: PFAS.
Schweden will deshalb einen großen Teil dieser sogenannten Ewigkeitschemikalien aus Produkten entfernen, für die längst Alternativen verfügbar sind. Nach dem Entwurf der Regierung sollen bestimmte PFAS-haltige Konsumgüter vom 1. Januar 2028 an nicht mehr an Verbraucherinnen und Verbraucher auf dem schwedischen Markt abgegeben werden dürfen.
Das Vorhaben ist noch kein endgültig geltendes Gesetz. Doch es ist mehr als eine politische Absichtserklärung: Die schwedische Regierung hat am 23. Juli 2026 einen nationalen PFAS-Aktionsplan beschlossen und den konkreten Verordnungsentwurf in ein formelles Anhörungsverfahren gegeben. Behörden, Unternehmen, Verbände und andere Beteiligte können bis Ende November Stellung nehmen.
Diese Alltagsprodukte sollen PFAS-frei werden Der geplante Verkaufsstopp umfasst fünf große Produktgruppen:
Kleidung und Schuhe
Imprägniermittel für Kleidung und Schuhe
kosmetische Produkte
Küchenutensilien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen
Skiwachs
Produkte wären nicht erst bei einem bewusst hohen PFAS-Einsatz betroffen. Der Entwurf übernimmt drei Schwellenwerte aus dem europäischen Beschränkungsvorschlag: 25 Mikrogramm pro Kilogramm für einzelne nichtpolymere PFAS, 250 Mikrogramm für deren Gesamtsumme einschließlich bestimmter Vorläuferstoffe sowie 50 Milligramm pro Kilogramm für den gesamten PFAS-Gehalt. Wird einer dieser Werte erreicht oder überschritten, dürfte das Produkt grundsätzlich nicht mehr an Verbraucher abgegeben werden.
Die Regeln richten sich damit gegen die PFAS-Gruppe als Ganzes und nicht nur gegen einige bereits bekannte Einzelstoffe. Das ist entscheidend: Wird lediglich eine problematische Chemikalie verboten, kann sie durch eine andere, ähnlich beständige Verbindung ersetzt werden. Ein Gruppenansatz soll diesen Austausch von einem PFAS gegen das nächste verhindern.
Warum PFAS so nützlich – und so problematisch sind PFAS widerstehen Hitze, Wasser, Fett und Schmutz. Genau das macht sie für Beschichtungen, Textilien, Kosmetik und zahlreiche industrielle Anwendungen attraktiv. Ihre chemische Stabilität hat jedoch eine Kehrseite: Viele dieser Stoffe werden in der Natur extrem langsam oder gar nicht vollständig abgebaut. Sie können während der Herstellung, beim Gebrauch und am Ende des Produktlebens in Luft, Wasser, Böden und Abfallströme gelangen.
Nicht alle PFAS sind gleich gut untersucht. Bei einigen der bekanntesten Vertreter ist die gesundheitliche Bewertung jedoch deutlich: Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft PFOA als krebserzeugend für Menschen und PFOS als möglicherweise krebserzeugend ein. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für vier häufig untersuchte PFAS eine sehr niedrige tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge festgelegt. Entscheidender gesundheitlicher Endpunkt war dabei die Beeinträchtigung der Immunantwort auf Impfungen.
Das bedeutet nicht, dass die gelegentliche Berührung einer Regenjacke oder die sachgemäße Verwendung einer beschichteten Pfanne unmittelbar krank macht. Das Problem ist vor allem die langfristige Summe vieler Einträge: Stoffe aus unzähligen Produkten gelangen über Jahre in die Umwelt und können über Lebensmittel, Trinkwasser und Innenraumluft wieder beim Menschen ankommen.
Schweden setzt nicht nur auf ein Produktverbot Der geplante Ausstieg ist Teil einer wesentlich breiteren Strategie. Der schwedische Aktionsplan umfasst sechs Bereiche: PFAS-Ströme in Gesellschaft und Wirtschaft sollen besser erfasst, Belastungen bei Menschen und in der Umwelt genauer überwacht, Ersatzstoffe und Reinigungstechnologien gefördert sowie belastete Flächen und Deponien systematischer untersucht und saniert werden. Hinzu kommen der nationale Ausstieg und eine engere Zusammenarbeit zwischen Behörden, Forschung, Kommunen, Wasserversorgern und Unternehmen.
Bis 2029 sollen unter anderem PFAS-Einträge über Abwasser, Regenwasser, Klärschlamm und verschiedene Abfallströme genauer kartiert werden. Gleichzeitig sollen neue Sanierungsmethoden in Labor- und Pilotprojekten erprobt werden. Für belastete Flächen wurden bereits zusätzliche staatliche Mittel vorgesehen.
Auch wirtschaftliche Instrumente stehen auf der Agenda. Eine Untersuchung soll bis November 2027 klären, wo Abgaben, Anreize oder andere Steuerungsinstrumente den Ausstieg beschleunigen und neue Verunreinigungen verhindern könnten. Damit rückt auch das Verursacherprinzip stärker in den Mittelpunkt: Kosten sollen möglichst nicht erst bei Wasserwerken, Kommunen und Steuerzahlenden ankommen, wenn die Verschmutzung längst entstanden ist.
Vorbeugen ist günstiger als jahrzehntelang reinigen PFAS aus verschmutztem Wasser oder Boden zu entfernen ist technisch aufwendig und teuer. Deshalb liegt der eigentliche Wert des Verbots nicht nur in saubereren Produkten, sondern im Schließen neuer Eintragsquellen. Jede Verbindung, die gar nicht erst in Umlauf kommt, muss später weder gesucht noch aus Grundwasser, Klärschlamm oder Böden entfernt werden.
Eine von der Europäischen Kommission beauftragte Modellrechnung, die auch der schwedische Verordnungsentwurf aufgreift, schätzt die gesellschaftlichen Kosten einer unveränderten PFAS-Belastung in Europa bis 2050 auf rund 440 Milliarden Euro. Maßnahmen direkt an den Quellen könnten demnach etwa 110 Milliarden Euro einsparen. Solche Berechnungen sind mit Unsicherheiten verbunden, zeigen aber die Größenordnung des Problems.
Gleichzeitig erwartet Schweden für viele betroffene Produkte keine Versorgungslücke. Bei Küchenutensilien nennt der Entwurf unter anderem Edelstahl, anodisiertes Aluminium, Silikon, keramische Beschichtungen und andere PFAS-freie Lösungen. Die Analyse sieht eine hohe Möglichkeit zur Umstellung und bislang keine deutlichen Hinweise auf systematisch höhere Verbraucherpreise.
Kein europäischer Alleingang – aber ein wichtiges Signal Schweden ist nicht das erste EU-Land mit nationalen PFAS-Regeln. Frankreich verbietet seit Januar 2026 PFAS oberhalb festgelegter Grenzwerte unter anderem in Kosmetik, Bekleidung, Schuhen, Imprägniermitteln und Skiwachs. Dänemark untersagt seit Juli 2026 den Import und Verkauf neuer PFAS-haltiger Kleidung, Schuhe und bestimmter Imprägniermittel für Verbraucher.
Schweden gehört damit zu einer wachsenden europäischen Spitzengruppe – und erweitert den Ansatz insbesondere um Küchenutensilien. Das erhöht den Druck auf Hersteller, nicht für jedes Land eigene Produktlinien zu entwickeln, sondern PFAS möglichst vollständig aus geeigneten Anwendungen zu entfernen.
Parallel läuft das Verfahren für eine breite EU-Beschränkung. Schweden, Deutschland, Dänemark, die Niederlande und Norwegen hatten den gemeinsamen Vorschlag 2023 eingereicht. Da die wissenschaftliche und rechtliche Prüfung noch andauert und anschließend Übergangsfristen folgen können, will Schweden nicht auf eine europaweite Regelung warten. Sobald entsprechende EU-Vorschriften gelten, soll die nationale Regelung wieder aufgehoben werden.
Secondhand und Reparaturen bleiben möglich Der Entwurf soll keine gut erhaltenen Jacken, Schuhe oder Pfannen vorzeitig zu Abfall machen. Bereits benutzte Produkte, die weiterverwendet oder repariert werden können, sind ausdrücklich vom geplanten Verbot ausgenommen.
Ausnahmen sind außerdem für persönliche Schutzausrüstung, passende Mittel zu deren erneuter Imprägnierung sowie für Kleidung mit mindestens 20 Prozent wiederverwertetem Material aus Verbraucherabfällen vorgesehen. Damit versucht Schweden, den Chemikalienschutz mit Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft zu verbinden.
Was den schwedischen Plan noch wirksamer machen würde Ein Verbot allein reicht nicht. Entscheidend wird sein, ob Produkte aus dem Onlinehandel ebenso konsequent kontrolliert werden wie Waren in stationären Geschäften. Grenzwerte helfen nur, wenn Behörden genügend Laborkapazitäten besitzen und Händler belastbare Angaben aus ihren Lieferketten vorlegen müssen.
Ein sinnvoller nächster Schritt wäre deshalb eine leicht verständliche Kennzeichnung, aus der hervorgeht, ob alle PFAS einschließlich fluorierter Polymere ausgeschlossen wurden. Nach Angaben der schwedischen Chemikalienbehörde ist für Verbraucher heute häufig nicht erkennbar, ob ein Produkt PFAS enthält. Selbst vorhandene chemische Bezeichnungen sind ohne Fachwissen kaum einzuordnen.
Genauso wichtig ist eine sichere Substitution. Ein PFAS-haltiger Stoff sollte nicht durch eine andere langlebige oder toxische Chemikalie ersetzt werden. Neue Materialien müssen deshalb nicht nur dieselbe Funktion erfüllen, sondern über ihren gesamten Lebenszyklus gesundheitlich und ökologisch besser abschneiden.
So kannst du PFAS im Alltag reduzieren Beim Neukauf gezielt nachfragen: Besonders bei wasser-, fett- oder schmutzabweisenden Produkten lohnt die Frage, ob sie vollständig PFAS- und fluorfrei sind. Begriffe wie „PFOA-frei“ reichen nicht aus, weil das Produkt weiterhin andere PFAS enthalten kann.
Nur so viel Spezialfunktion kaufen wie nötig: Nicht jede Jacke, Tischdecke oder Kosmetik muss extrem wasserfest, fleckenabweisend oder besonders lang haftend sein. Wo diese Eigenschaften verzichtbar sind, lassen sich mögliche PFAS-Anwendungen leichter umgehen.
Fluorfreie Imprägnierung wählen: Achte auf klare Angaben wie „PFAS-frei“ oder „fluorfrei“. Bei Sprühprodukten empfiehlt die dänische Umweltbehörde Pumpflaschen statt Aerosoldosen, um das Einatmen fein verteilter Chemikalien zu reduzieren.
Vorhandene Pfannen nicht vorschnell entsorgen: Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung sind bei sachgemäßer Nutzung von PTFE-beschichtetem Kochgeschirr keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten. Beschichtete Pfannen sollten jedoch niemals leer stark erhitzt werden, da sich oberhalb von etwa 360 Grad gesundheitsschädliche Dämpfe bilden können. Beim nächsten Kauf sind Edelstahl, Gusseisen oder andere PFAS-freie Materialien mögliche Alternativen.
Hersteller und Händler in die Pflicht nehmen: Je häufiger Kundinnen und Kunden nach transparenten, PFAS-freien Produkten fragen, desto deutlicher wird das wirtschaftliche Signal. Eine Nachfrage kann keine wirksame Regulierung ersetzen – sie kann die Umstellung aber beschleunigen.
Warum das Hoffnung macht
Schweden setzt nicht erst bei der teuren Reinigung verschmutzten Wassers an, sondern bei den Ursachen. Gemeinsam mit Frankreich und Dänemark entsteht so ein Markt, in dem langlebige Chemikalien zunehmend durch sicherere Lösungen ersetzt werden müssen.
Ewigkeitschemikalien: Warum Schwedens PFAS-Plan Europa bewegt