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Es war einmal – und es bleibt: Grimms Märchen leben in über 160 Sprachen
Seit über 200 Jahren werden Grimms Märchen gedruckt und weitererzählt, heute in mehr als 160 Sprachen. Eine Erzählforscherin sieht in „Hänsel und Gretel“ ein Märchen, das Kindern hilft, Angst zu überwinden – und das Vorlesen legt in Deutschland gerade wieder zu.
Von Madalina ·
„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“: So beginnt in der Grimm-Ausgabe von 1857 der Froschkönig. Ein halber Satz, und wir sind woanders. Wenn es draußen früh dunkel wird, lässt sich das besonders gut ausprobieren. Einen Beleg dafür, dass ein Novemberabend Märchen besser macht, haben wir zwar nicht. Aber am 20. November ist Bundesweiter Vorlesetag – ein schöner Anlass, die alten Geschichten schon mal hervorzuholen.
Warum halten sie sich so lange? Darauf gibt es überraschend konkrete Antworten, aus Kassel, aus der Erzählforschung und sogar aus Stammbaum-Analysen.
Kurz vor Weihnachten 1812 Ab 1806 sammelten Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel Geschichten, kurz vor Weihnachten 1812 erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“. Er enthielt 86 Märchen, der zweite Band brachte 1815 weitere 114. Das Bild vom Bauern, der am Feuer erzählt, trifft dabei nur bedingt zu: Laut dem Kasseler Museum Grimmwelt stammte das meiste von Frauen aus Bürgertum und Adel, die vieles wiederum von Dienstboten, Bauern und Händlern gehört hatten. Die wichtigste Stimme war Dorothea Viehmann aus dem heutigen Kasseler Stadtteil Niederzwehren, die den Brüdern rund 40 Märchen überlieferte.
Heute gibt es die Sammlung laut UNESCO in über 160 Sprachen; die Stadt Kassel spricht sogar von mehr als 170. Neben der Luther-Bibel gilt sie der UNESCO als das bekannteste und weltweit verbreitetste Buch deutscher Sprache. 2005 kamen die Kasseler Handexemplare ins Weltdokumentenerbe: die Arbeitsexemplare der Brüder, voller handschriftlicher Notizen und Korrekturen. Sie zeigen, dass diese Texte nie fertig waren. Die Grimms feilten weiter und weiter.
Älter als jedes Buch? Wie alt die Geschichten selbst sind, ist schwerer zu sagen, denn am Lagerfeuer führte niemand Protokoll. Die Forschenden Sara Graça da Silva und Jamshid J. Tehrani gingen die Frage 2016 deshalb wie Biologen an, die Stammbäume rekonstruieren. In ihrer Studie im Fachjournal Royal Society Open Science verglichen sie 275 Zaubermärchen aus 50 indoeuropäischsprachigen Bevölkerungen mit dem Stammbaum dieser Sprachen.
Ihr Ergebnis: Bei 76 der 275 Märchen, gut einem Viertel, passt die Verbreitung auch dann noch zur Sprachverwandtschaft, wenn man die räumliche Nähe herausrechnet. Diese Geschichten wurden also offenbar von Generation zu Generation weitergegeben. „Die Schöne und das Biest“ und „Rumpelstilzchen“ führen die beiden auf die Zeit zurück, in der sich die großen westlichen Zweige der indoeuropäischen Sprachfamilie herausbildeten, vor 2.500 bis 6.000 Jahren. Eine Geschichte über einen Schmied, der mit einem bösen übernatürlichen Wesen paktiert, etwa dem Teufel, reicht nach ihrer Rechnung womöglich bis in die Bronzezeit.
Das ist eine statistische Schätzung, kein Fund aus einem alten Grab. Die beiden benennen selbst Unsicherheiten und wünschen sich den Abgleich mit alten Textfassungen. Trotzdem ist es ein schöner Gedanke, dass Rumpelstilzchen schon lange vor dem ersten Buch unterwegs gewesen sein könnte.
Der Wolf darf gefährlich sein Bleibt die Frage, die manche Eltern umtreibt: Sind Märchen für Kinder nicht viel zu grausam? Die Grimmwelt erinnert daran, dass die Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg als „fragwürdige Kinderliteratur“ eingestuft wurde, heute aber pädagogisch als rehabilitiert gilt.
Die Erzählforscherin Barbara Gobrecht, die sich damals schon seit über 30 Jahren wissenschaftlich mit Märchen befasste, nannte „Hänsel und Gretel“ 2015 im Schweizer Radio und Fernsehen „das klassische Angstüberwindungs-Märchen“. Wenn die Hexe besiegt ist, erleben Kinder demnach Erleichterung: Das Böse lässt sich überwinden. Dem Beitrag zufolge wollen Kinder dieselbe Geschichte oft immer wieder hören, bis die Angst weg ist. Grausame Szenen scheinen sie laut SRF nicht nachhaltig zu belasten; Gobrecht begründet das damit, dass Kinder den größeren Zusammenhang samt gutem Ende sehen. Das sind Einschätzungen, keine Messungen. Auch das gute Ende hat seine Geschichte: In einer älteren französischen Fassung wird Rotkäppchen gefressen, bei den Grimms gerettet.
Was Kinder an einem Märchen fesselt, kann auch mit ihnen selbst zu tun haben. Die Kinderpsychologin Verena Bertignoll ließ neun Kinder zwischen sechs und zehn Jahren ihr Lieblingsmärchen erzählen und fand viele Überschneidungen zwischen Persönlichkeit und Inhalt, wie wissenschaft.de 2009 berichtete. Zwei Kinder, beide schüchtern und die Jüngsten in ihrer Familie, mochten „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und identifizierten sich mit dem jüngsten Geißlein. Das ist eine kleine Studie, kein Gesetz. Einen möglichen Grund nennt der Bericht darüber aber gleich mit: Die knappe, offene Erzählweise lässt Raum für eigene Deutungen.
Es wird wieder mehr vorgelesen Die erfreulichste Zahl kommt von der Stiftung Lesen. Sie gilt nicht Märchen im Besonderen, sondern dem Vorlesen insgesamt: Im Vorlesemonitor 2026 mit 914 befragten Eltern lesen 76,4 Prozent den Ein- bis Achtjährigen mindestens mehrmals pro Woche vor. 2024 waren es 67,7 Prozent, 2022 gut 61 Prozent. Nur noch 12 Prozent lesen nie vor. Das ist noch nicht das Ziel: Laut Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, bekommt rund ein Viertel der Kinder weiterhin nicht oder zu selten etwas vorgelesen.
Warum die Stiftung gerade auf diese Häufigkeit schaut? Nach ihren Angaben hängt Vorlesen vor allem dann messbar mit der Entwicklung von Kindern zusammen, wenn es mindestens mehrmals pro Woche stattfindet. Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Beweis für Ursache und Wirkung.
Dass die Tradition auch ohne Buch lebt, zeigt ein weiterer Eintrag: Das Märchenerzählen steht seit 2016 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes, beantragt von der Europäischen Märchengesellschaft.
Und wer heute Abend anfangen will, muss dafür nichts kaufen. Die Erstausgabe und die zweite Auflage liegen digitalisiert bei der Universitätsbibliothek Kassel, und auf Wikisource stehen alle Märchen frei im Netz. Das Licht dimmen, einen Tee dazu, und dann vielleicht den Froschkönig. Oder eben „Es war einmal“ – so oft, bis die Angst weg ist.
Themen: Grimms Märchen, Märchen, Vorlesen, Kinderliteratur, Kulturerbe, Erzählforschung, Angstüberwindung
Es war einmal – und es bleibt: Grimms Märchen leben in über 160 Sprachen