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Erste Hilfe für die Seele: Über 8 Millionen Menschen weltweit geschult
Beim ersten Kurs Ende 2000 in Australien saßen neun Menschen. Heute haben nach Angaben der Organisation über 8 Millionen weltweit gelernt, bei seelischen Krisen erste Hilfe zu leisten, in Deutschland Zehntausende. Was der Kurs kann und was nicht.
Von Madalina ·
Einen Verband anlegen, die stabile Seitenlage: Das haben viele von uns irgendwann im Erste-Hilfe-Kurs gelernt. Doch was tun, wenn die Kollegin seit Wochen kaum noch spricht oder ein Freund plötzlich von Hoffnungslosigkeit redet? Genau für solche Momente gibt es seit gut einem Vierteljahrhundert eine Art Erste-Hilfe-Kurs für die Seele.
Er heißt Mental Health First Aid, kurz MHFA, und passt gut in diese Woche: Vom 2. bis 6. November 2026 läuft die International Stress Awareness Week. Die britische Stressmanagement-Vereinigung ISMA UK stellt sie in diesem Jahr unter das Motto, den Arbeitsplatz wieder menschlicher zu machen.
Neun Menschen am Anfang Die Idee stammt aus Australien. Gegründet haben das Programm im Jahr 2000 Betty Kitchener und Tony Jorm. Kitchener ist Gesundheitspädagogin und Krankenschwester und hat selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen, Jorm ist Wissenschaftler mit dem Schwerpunkt Früherkennung psychischer Störungen.
Den ersten Kurs gab Kitchener Ende 2000. Es kamen neun Menschen. Ein paar Kurse im Jahr, so die damalige Vorstellung der beiden, das wäre schon etwas.
Es wurde deutlich mehr. Nach Angaben von MHFA Australia sind inzwischen weltweit über 8 Millionen Menschen geschult, in mehr als 30 Ländern. Allein in Australien sind es mehr als 1,5 Millionen, jedes Jahr kommen dort über 140.000 dazu. Diese Zahlen stammen von der Organisation selbst.
Zuhören, ansprechen, weiterhelfen Das Prinzip ist bewusst schlicht. Laien lernen in 12 Stunden, Warnzeichen für psychische Probleme bei Menschen in ihrem Umfeld zu erkennen, die Person direkt anzusprechen und gemeinsam zu überlegen, wie es weitergehen kann. Geübt wird in Rollenspielen, mit Rückmeldung danach.
Ein wichtiger Teil ist das Weiterleiten: im Zweifel zur Hausarztpraxis oder zu einem Krisentelefon. Denn Ersthelfende sollen keine Diagnosen stellen. Die Infounterlagen des Programms sagen es deutlich: MHFA ist kein Ersatz für professionelle Diagnostik und Behandlung, sondern Hilfe für die Zeit, bis Fachleute übernehmen.
Prof. Michael Deuschle vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, der das Programm nach Deutschland geholt hat, beschreibt das Ziel so: „Es geht darum, Menschen bei psychischen Problemen und Auffälligkeiten eine erste Stütze zu sein.“ Oft, so seine Erfahrung, sprechen Angehörige ein Problem aus Scham oder Unsicherheit gar nicht erst an.
In Deutschland wächst die Zahl schnell Hierzulande läuft das Programm unter der Schirmherrschaft des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, unterstützt von der Prof. Otto Beisheim Stiftung. Kurse gibt es seit 2020. Anfang 2024 waren laut ZI-Programm mehr als 24.000 Ersthelferinnen und Ersthelfer geschult und mehr als 290 Instruktorinnen und Instruktoren ausgebildet.
Der Bedarf ist da: Jedes Jahr ist mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen, rund 27,8 Prozent, wie die Stiftung Gesundheitswissen unter Berufung auf die Fachgesellschaft DGPPN zusammenfasst. Den Kurs gibt es für Erwachsene, die anderen Erwachsenen helfen wollen, und in einer 14-stündigen Variante für den Umgang mit Jugendlichen. Er findet vor Ort oder online statt, auch Unternehmen, Organisationen und Behörden können ihn für ihre Teams buchen.
Was die Forschung sagt Hält der Kurs, was er verspricht? Hier lohnt ein genauer Blick, denn die Antwort hat zwei Seiten.
Gut untersucht ist: Wer den Kurs macht, weiß danach mehr über psychische Erkrankungen und fühlt sich sicherer im Umgang mit Betroffenen. Eine Meta-Analyse von Forschenden der University of Melbourne aus dem Jahr 2018 hat 18 Studien mit knapp 6.000 Teilnehmenden ausgewertet. Das Wissen stieg, das Selbstvertrauen beim Helfen ebenso, und Vorurteile nahmen leicht ab. Die Effekte waren klein bis mittelgroß und hielten bis zu sechs Monate an. Auch die Menge der geleisteten Hilfe stieg bei den Nachbefragungen leicht, ob die Hilfe dadurch auch besser wurde, blieb unklar.
Offen ist dagegen, ob der Kurs am Ende die psychische Gesundheit messbar verbessert. Ein Cochrane-Review von 2023 mit 21 randomisierten Studien und über 22.000 Teilnehmenden kommt zu dem Schluss, dass sich zu den zentralen Fragen noch keine belastbaren Schlüsse ziehen lassen. Im Vergleich mit Gruppen ohne Kurs zeigte sich nach sechs bis zwölf Monaten womöglich kaum ein Effekt auf die psychische Gesundheit, doch auch dieser Befund ist sehr unsicher: Viele Studien sind klein und anfällig für Verzerrungen. Auch Deuschle räumt ein, dass sich aus methodischen Gründen bislang schwer messen lässt, wie die Hilfe bei den Betroffenen ankommt.
Das ist ehrlicher als jedes Heilsversprechen. Und es schmälert nicht, was der Kurs leistet: Er nimmt vielen die Scheu, hinzuschauen und nachzufragen.
Der erste Schritt bleibt menschlich Vielleicht ist das die eigentliche gute Nachricht hinter den Millionen: Immer mehr Menschen wollen nicht wegsehen, wenn es jemandem schlecht geht. Aus neun Kursteilnehmenden in Australien ist eine weltweite Bewegung geworden.
Und auch ohne Kurs gilt: Wer sich um sich selbst oder einen anderen Menschen Sorgen macht, muss nicht allein bleiben. Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei und anonym erreichbar, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, außerdem per Chat und Mail.
Themen: Psychische Gesundheit, Mental Health First Aid, Erste Hilfe, Stress, Achtsamkeit, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
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