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Einfach mal melden: Freunde freuen sich mehr, als wir denken
Wer sich nach längerer Funkstille meldet, unterschätzt meist, wie gut das ankommt. Das zeigt eine Studienreihe mit mehr als 5.900 Menschen. Und ein Anruf war im Versuch nicht unangenehmer als eine E-Mail: ein schöner Anstoß für die langen Abende im November.
Von Madalina ·
Es wird früh dunkel, die Abende sind lang, und irgendwo im Telefon steht dieser eine Name. Die alte Schulfreundin, der Kollege von früher, der Mensch, bei dem du seit Jahren denkst: Eigentlich müsste ich mich mal melden. Und dann kommt der Zweifel. Was soll ich nach so langer Zeit sagen? Wirkt das nicht komisch?
Die Psychologie hat dazu eine erfreuliche Antwort: Wahrscheinlich kommt deine Nachricht besser an, als du glaubst.
Ein Muster, das immer wieder auftaucht Ein Team um die Forscherin Peggy Liu von der University of Pittsburgh hat diese Frage systematisch untersucht und die Ergebnisse 2022 im Journal of Personality and Social Psychology vorgestellt. Mehr als 5.900 Menschen nahmen an den 13 vorab registrierten Studien teil. Den Anstoß gab laut der University of Kansas die Pandemie, als viele den Kontakt zu Bekannten verloren hatten und zufällige Begegnungen im Büro wegfielen. Mit im Team: Lauren Min von der University of Kansas und ihre Schwester Kate Min vom Wheaton College, dazu SoYon Rim von der William Paterson University.
Der Aufbau war mal schlicht, mal lebensnah. In einem Versuch erinnerten sich die einen daran, wie sie zuletzt nach längerer Pause ohne besonderen Anlass jemanden angeschrieben oder angerufen hatten. Die anderen dachten an einen Moment, in dem sie selbst so kontaktiert worden waren. In drei Feldversuchen schickten Studierende tatsächlich eine kurze Notiz an jemanden, mit dem sie länger keinen Kontakt gehabt hatten, teils zusammen mit einem Gutschein für Süßigkeiten oder Snacks. In anderen Versuchen stellten sich die Teilnehmenden die Situation nur vor, etwa mit Keksen, Kaffee oder einer kleinen Pflanze als Gruß. Anschließend schätzten die Absender, wie sehr sich die andere Seite freuen würde, und die Empfänger gaben an, wie groß Freude und Dankbarkeit tatsächlich waren, meist auf einer Skala von 1 bis 7.
Das Ergebnis wiederholte sich: Wer sich unerwartet meldete, schätzte die Freude der anderen Seite zu niedrig ein. In einem Feldversuch mit 54 Absender-Empfänger-Paaren lag die Erwartung der Absender auf der Skala von 1 bis 7 bei 5,57 Punkten, die Empfänger gaben 6,17 an. Das ist kein riesiger Abstand. Aber er zeigt in die schöne Richtung: Schon die Absender rechneten mit einer ordentlichen Reaktion, und tatsächlich fiel sie noch besser aus.
Die lange Pause ist vielleicht gar kein Makel Warum verschätzen wir uns? Eine Erklärung sehen die Forschenden in der Überraschung. Wer eine Nachricht bekommt, achtet stärker auf das Unerwartete daran als die Person, die sie schreibt, und dieser Blick auf die Überraschung ging mit größerer Wertschätzung einher. Je überraschender der Kontakt, desto größer fiel auch die Fehleinschätzung aus: Bei Menschen, die sich sozial weniger nahestanden, war sie stärker als bei engen Vertrauten. In einem Versuch, in dem der Kontakt von vornherein erwartet war, etwa in einem Programm, das zwei Menschen zusammenbringt, verschwand sie.
Heißt übersetzt: Gerade bei unerwarteten Kontakten und loseren Bekanntschaften liegen wir besonders daneben. Die lange Funkstille, die uns bremst, könnte sogar zu dem gehören, was die Nachricht so schön macht. Wer zögert, solle die Ergebnisse als grünes Licht verstehen und sich einfach melden, rät Lauren Min.
Lieber anrufen? Unangenehmer als eine E-Mail war es nicht Bleibt die Frage, wie. Dazu haben Amit Kumar von der University of Texas at Austin und Nicholas Epley von der University of Chicago einen Versuch gemacht, der genau zu unserem Thema passt. Sie baten 200 Studierende, an jemanden zu denken, dem sie einmal nahestanden, mit dem sie aber seit mindestens ein paar Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Dann sollten sie vorhersagen, wie es sich anfühlen würde, per Telefon oder E-Mail wieder anzuknüpfen.
67 Prozent wollten lieber mailen. Dabei erwarteten sie vom Anruf sogar die stärkere Verbindung, fürchteten aber, er werde unangenehmer. Das Los entschied dann, wer wie Kontakt aufnahm. Von den 103 Teilnehmenden, die den Versuch abschlossen, berichteten die Anrufer von einer stärkeren Bindung. Unangenehmer als die E-Mail empfanden sie das Gespräch nicht. Und auch Zeit sparte das Tippen nicht: Beide Gruppen waren im Schnitt 17 bis 18 Minuten beschäftigt.
Zur Ehrlichkeit gehört: Das waren junge Studierende in Chicago, die Gruppe war klein, der Vorsprung des Anrufs bei der Bindung statistisch nur knapp abgesichert, und nicht jeder Versuch klappte. 17 Teilnehmende meldeten zurück, dass sie die gewünschte Person in der Woche nicht erreicht hatten; die Studie nennt die Zahl für Telefon und E-Mail gemeinsam. Ein Kontaktversuch kann also auch mal ins Leere gehen. Bleibt ein Anruf unbeantwortet, ist immer noch eine Nachricht möglich, denn auch sie kommt ja besser an als gedacht.
Was das für uns bedeutet Auch das Team um Liu hat vor allem in den USA geforscht und vorwiegend kurzfristige Reaktionen gemessen. Nur drei Studien waren Feldversuche mit echten Nachrichten, mehrere arbeiteten mit vorgestellten Situationen. Untersucht wurden zudem Kontakte, mit denen man eigentlich gut auskommt. Für Beziehungen mit belastender Vorgeschichte gilt der Befund also nicht automatisch, die Forschenden halten dort sogar eine zu optimistische Einschätzung für möglich. Ob sich der Effekt in Deutschland genauso zeigt, belegen diese Versuche nicht. Aber dass gute Beziehungen auch hier zählen, legt ein aktueller Blick über Ländergrenzen nahe: In einer Auswertung der Global Flourishing Study mit rund 205.000 Erwachsenen aus 22 Ländern, darunter Deutschland, berichteten Menschen, die mit ihren Freundschaften zufrieden waren, häufiger von besserer seelischer und körperlicher Gesundheit. Bei der Zufriedenheit mit Freundschaften und Beziehungen lag Deutschland ungefähr im Mittelfeld. Die Daten beruhen auf Selbstauskünften, wie die Pharmazeutische Zeitung anmerkt, und belegen keine Ursache und Wirkung.
Die Techniker Krankenkasse (TK) nennt für die Deutschen im Schnitt 3,7 enge Freundinnen und Freunde, der Kreis werde mit den Jahren meist kleiner und tiefer. Da lohnt sich der Blick auf die Namen, die unterwegs still geworden sind. Für einen Novemberabend heißt das:
Nicht auf den perfekten Moment warten: Die TK rät, spontan zu schreiben oder anzurufen. Ohne Anlass ist völlig in Ordnung: Genau solche Kontakte hat das Team um Liu untersucht. Kurz reicht: In einem Feldversuch genügte schon eine kurze Notiz. Wenn du dich traust, ruf an: Mehr Peinlichkeit als per E-Mail gab es bei Kumar und Epley nicht. Nicht ewig auswählen: Bei 116 Führungskräften, die alte Kontakte um beruflichen Rat baten, brachte die zehnte Wahl so viel wie die erste. Private Freundschaften waren dort nicht das Thema, tröstlich ist es trotzdem. Falls dir der Anfang fehlt, schlägt die TK einen vor, der ohne jede Erklärung auskommt: „Ich hab’ oft an dich gedacht. Wie geht es dir?“
Themen: Freunde melden, Kontakt aufnehmen, Freundschaften pflegen, Soziale Beziehungen, Psychologie Studie, Positive Nachrichten, Unerwarteter Kontakt
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