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Eine Insel kämpft für ihre Natur – und plötzlich kehren seltene Tiere zurück
Auf den Orkney-Inseln zeigt sich, wie wirkungsvoll entschlossener Naturschutz sein kann: Nachdem invasive Hermeline stark zurückgedrängt wurden, erholen sich seltene heimische Arten wie die Orkney-Wühlmaus, Kornweihen und Sumpfohreulen. Ein stilles, aber starkes Zeichen dafür, dass bedrohte Ökosysteme eine zweite Chance bekommen können.
Von Ulrike ·
Kleine Jäger, große Hoffnung: Wie die Orkney-Inseln ihre bedrohte Tierwelt zurückerobern Auf den Orkney-Inseln, weit oben im Norden Schottlands, erzählt der Wind seit Jahrhunderten Geschichten von Meer, Moor, Felsen und Vögeln. Doch seit einigen Jahren spielt sich dort eine zweite, leisere Geschichte ab: eine über ein empfindliches Ökosystem, das beinahe aus dem Gleichgewicht geraten wäre – und über Menschen, die es Schritt für Schritt wieder stabilisieren.
Im Zentrum dieser Geschichte steht ein kleines Raubtier mit großer Wirkung: das Hermelin. In vielen Teilen Europas ist es ein natürlicher Bestandteil der Landschaft. Auf Orkney aber war es nie heimisch. Als Hermeline ab 2010 erstmals auf den Inseln entdeckt wurden, trafen sie auf ein Paradies ohne natürliche Feinde – und auf Arten, die kaum Schutzmechanismen gegen einen so geschickten Jäger entwickelt hatten.
Für die Orkney-Wühlmaus, eine Unterart, die weltweit nur auf diesen Inseln vorkommt, wurde das schnell gefährlich. Auch Bodenbrüter wie Brachvögel, Küstenseeschwalben und andere See- und Wiesenvögel gerieten unter Druck. Denn Hermeline fressen nicht nur kleine Säugetiere, sondern auch Eier und Jungvögel. Was in einer Landschaft mit eingespielten Räuber-Beute-Beziehungen normal sein kann, wurde auf Orkney zur ökologischen Bedrohung.
Die gute Nachricht: Die Natur zeigt jetzt, wie schnell sie antworten kann, wenn Menschen entschlossen handeln.
Seit 2019 arbeitet das Orkney Native Wildlife Project daran, die invasiven Hermeline von den Inseln zu entfernen. Es ist eines der ambitioniertesten Vorhaben dieser Art in Europa – und besonders anspruchsvoll, weil Orkney keine unbewohnte Naturlandschaft ist, sondern ein lebendiger Inselraum mit Dörfern, Landwirtschaft, Tourismus und vielen privaten Flächen.
Das Projekt setzt deshalb nicht nur auf Technik, sondern auch auf Vertrauen. Spezialisierte Teams, Spürhunde, Kameras, gezielte Fallen, lokale Freiwillige und hunderte Landbesitzerinnen und Landbesitzer arbeiten zusammen. Es geht nicht um einen schnellen symbolischen Eingriff, sondern um jahrelange, systematische Arbeit: suchen, prüfen, reagieren, nachkontrollieren.
Und genau diese Geduld scheint sich auszuzahlen.
Aktuelle Monitoringdaten zeigen: Die Aktivität der Orkney-Wühlmaus erreichte 2025 im Frühjahr den höchsten Stand seit Beginn der regelmäßigen Erhebungen im Jahr 2019. Auch im Herbst blieb sie hoch. Für ein Tier, das nirgendwo sonst auf der Welt vorkommt, ist das mehr als eine schöne Randnotiz. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein bedrohtes Stück Natur wieder Luft bekommt.
Auch andere Arten profitieren. Kornweihen, eine der seltensten Greifvogelarten Großbritanniens, verzeichneten 2025 auf den betroffenen Inseln die höchste Zahl bestätigter Brutversuche seit mehr als einem Jahrzehnt. Sumpfohreulen wurden während der Brutsaison ebenfalls wieder häufiger erfasst, nachdem ihre Zahlen 2019 und 2020 deutlich niedriger lagen.
Das zeigt eine wichtige ökologische Wahrheit: Artenschutz funktioniert selten isoliert. Wenn eine Schlüsselart wie die Orkney-Wühlmaus sich erholt, profitieren auch die Tiere, die von ihr leben. Wenn weniger Eier und Jungvögel von invasiven Räubern gefressen werden, steigen die Chancen für Bodenbrüter. Wenn ein Ökosystem weniger Druck hat, entstehen neue Spielräume für Leben.
Trotzdem bleibt die Geschichte komplex. Die Entfernung invasiver Tiere ist ein sensibles Thema, weil sie mit tödlichen Fallen arbeitet. Naturschutz ist hier kein romantisches Naturbild, sondern eine schwierige Abwägung: Soll ein nicht heimisches Raubtier geschützt werden, obwohl es ein ganzes Inselökosystem verändern und endemische Arten verdrängen kann? Auf Orkney fiel die fachliche Bewertung klar aus: Ohne Eingreifen drohten dauerhafte Schäden für Arten, die es teils nur dort gibt.
Gerade deshalb ist das Projekt international interessant. Inseln gehören zu den verletzlichsten Lebensräumen der Erde. Wenn invasive Räuber dort Fuß fassen, können sie Arten in kurzer Zeit an den Rand des Verschwindens bringen. Gleichzeitig zeigen Inseln oft besonders deutlich, was möglich ist, wenn Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt werden. Wo der Druck sinkt, kann Natur erstaunlich schnell reagieren.
Orkney ist damit keine abgeschlossene Erfolgsgeschichte, sondern ein Zwischenstand mit großer Signalwirkung. Das Ziel lautet: ein hermelinfreies Orkney. Die entscheidende Endphase läuft. Danach braucht es weiterhin Kontrolle, Biosecurity und die Aufmerksamkeit der lokalen Bevölkerung, damit die Tiere nicht erneut eingeschleppt werden.
Doch schon jetzt wird sichtbar, was gute Naturschutzarbeit leisten kann: Sie repariert nicht alles sofort. Aber sie kann Kipppunkte verschieben. Sie kann bedrohten Arten Zeit verschaffen. Und sie kann Menschen zeigen, dass Artensterben kein Naturgesetz ist, sondern oft eine Entwicklung, die wir beeinflussen können.
Auf Orkney kehrt kein lautes Spektakel zurück. Es ist eher ein Rascheln im Gras, ein Jagdflug über dem Moor, ein Ruf über der Küste. Die Orkney-Wühlmaus hinterlässt wieder mehr Spuren. Kornweihen ziehen wieder häufiger ihre Kreise. Sumpfohreulen finden wieder bessere Bedingungen.
Manchmal beginnt Hoffnung nicht mit großen Worten, sondern mit kleinen Pfotenabdrücken im feuchten Inselgras.
Warum das Hoffnung macht
Weil Orkney zeigt, dass konsequenter, wissenschaftlich begleiteter Naturschutz messbare Wirkung haben kann. Selbst stark bedrohte Arten können sich erholen, wenn invasive Belastungen reduziert werden und Menschen langfristig zusammenarbeiten.
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