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Ein Wattestäbchen, das Leben retten kann: So wirst du Stammzellspender
Mehr als 10,6 Millionen Menschen in Deutschland stehen als mögliche Stammzellspender bereit, 2025 wurde bei ihnen so oft entnommen wie nie zuvor. So kommst du ins Register, das passiert bei einer Spende, und deshalb heißt Registrierung noch nicht spenden.
Von Madalina ·
Es fängt unspektakulär an: ein Wattestäbchen, die Innenseite der Wange, die Probe geht zurück ins Labor. Daraus kann irgendwann eine Anfrage werden und für einen kranken Menschen, den du nie getroffen hast, eine neue Chance.
Dass das keine schöne Theorie ist, zeigt der aktuelle Jahresbericht des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD) in Ulm. 2025 wurden deutschen Registrierten 9.049 Mal Stammzellen entnommen. Das ist ein Rekord, 8,4 Prozent mehr als im Vorjahr und erstmals mehr als 9.000. Ein dunkler Novemberabend ist also keine schlechte Gelegenheit, sich anzusehen, wie man dazugehört und was das wirklich bedeutet.
Warum es Fremde braucht Eine Stammzelltransplantation kommt vor allem bei Leukämie infrage, aber auch bei anderen schweren Erkrankungen des Blutes und des Immunsystems, wenn andere Therapien nicht reichen. Der Spender muss sehr genau passen, und genau das macht die Suche schwierig: Die entscheidenden Gewebemerkmale, HLA genannt, kommen jeweils in mehr als hundert Varianten vor. Selbst unter Geschwistern liegt die Chance auf einen Treffer laut ZKRD nur bei 25 Prozent. Je nach Quelle findet nur ein Fünftel bis ein Drittel der Erkrankten überhaupt jemanden in der Familie.
Für alle anderen beginnt die Suche unter Fremden. 2025 startete das ZKRD dafür 4.448 neue Suchen für Patientinnen und Patienten aus Deutschland, auch das ein hoher Wert. Und meist gelingt sie: Das Gesundheitsportal des Bundes nennt für 9 von 10 Erkrankten in Deutschland einen passenden Treffer. Das sagt allerdings nur etwas über die Suche aus, nicht darüber, wie die Behandlung ausgeht.
Deutschland spielt dabei eine besondere Rolle. Mit Stand 1. November 2026 zählt das ZKRD 10.657.644 Registrierte, weltweit lassen sich Daten von gut 44 Millionen Menschen abgleichen (Stand Ende August). Das deutsche Register ist laut ZKRD das größte nationale der Welt und stellt rund ein Viertel aller Spender weltweit. Die Hilfe kennt keine Grenzen: 59 Prozent der Anfragen aus dem Ausland kamen 2025 aus den USA. Das ZKRD vermutet dahinter auch die Geschichte: Wegen der früheren Auswanderung finden manche Erkrankte in Amerika ihren genetischen Zwilling ausgerechnet in Deutschland.
So kommst du ins Register Anlaufstelle sind die rund 26 Spenderdateien in Deutschland, deren Adressen das ZKRD auf seiner Website sammelt. Du wählst selbst eine aus, die Merkmale laufen am Ende im zentralen Register zusammen. Das sind die wichtigsten Punkte:
Gesundheit: Du solltest gesund sein und mindestens 50 Kilogramm wiegen. Ausgeschlossen sind unter anderem Krebs, HIV, Hepatitis B oder C und Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis. Alter: Das Gesundheitsportal des Bundes nennt 55 Jahre als Grenze für die Registrierung, einzelne Dateien setzen sie früher. Gespendet wird ab 18 und bis einschließlich 60 Jahre. Anmeldung: Du forderst online ein Set an und machst den Wangenabstrich zu Hause, oder du gehst zu einer Typisierungsaktion. Auch eine Blutprobe ist möglich. Daten: Deine persönlichen Angaben bleiben bei der Datei, das ZKRD erhält die Gewebemerkmale nur pseudonymisiert. Kosten: Die Kosten der Registrierung tragen Dateien und Stiftungen, öffentliche Mittel gibt es kaum. Deshalb bitten viele um eine Geldspende. Bei Allergien oder Bluthochdruck klärt die Datei den Einzelfall, nach Operationen oder einer Schwangerschaft kann eine befristete Pause nötig sein. Hast du eine Vorerkrankung und bist unsicher, frag vorab deine Ärztin oder deinen Arzt. Das ZKRD rät ausdrücklich dazu, denn wer wahrscheinlich gar nicht spenden könnte, sollte sich besser nicht registrieren.
Ehrlich gesagt: Registriert heißt nicht gespendet Die allermeisten spenden nie. Laut ZKRD wird nur etwa 1 Prozent der Registrierten tatsächlich zum Spender. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages nannten 2018, gestützt auf einen Fachartikel von 2005, eine Wahrscheinlichkeit von 1,5 Prozent, innerhalb von zehn Jahren nach der Registrierung zur Spende aufgefordert zu werden. Der Grund sind schlicht die seltenen Übereinstimmungen zwischen Nichtverwandten. Gezielt nur für eine bestimmte Person zu spenden, geht übrigens nicht. Deine Daten stehen allen Abgleichen offen.
Die Spende bleibt freiwillig, und du kannst deine Einwilligung ohne Begründung zurückziehen. Überlegen solltest du dir das trotzdem früh: Wird die erkrankte Person bereits auf die Transplantation vorbereitet, ist sie auf die Spende angewiesen, ein Abbruch kann dann lebensbedrohlich werden.
Neue Namen werden trotzdem gebraucht. Der Zuwachs des Registers lag 2025 bei knapp 150.000 und war damit laut ZKRD mit Abstand der geringste seit 20 Jahren. Einer von zwei Altersgipfeln im Register liegt bei 57 Jahren und rückt an die Altersgrenze heran. Gefragt sind deshalb vor allem junge Menschen, denn ihre Stammzellen werden bevorzugt eingesetzt.
Was bei einer Spende passiert Kommt es wirklich dazu, folgen ein ausführliches Aufklärungsgespräch und eine gründliche Untersuchung, üblicherweise zwei bis vier Wochen vorher. Gespendet wird nur, wenn alle Ergebnisse stimmen. Danach gibt es zwei Wege.
Der häufigere führt über das Blut: 2023 waren es 6.809 von 7.532 Entnahmen. Vier bis fünf Tage lang bekommst du täglich einen Wachstumsfaktor unter die Haut gespritzt, der die Stammzellen ins Blut bringt. Dabei können grippeähnliche Beschwerden auftreten. Die Entnahme selbst läuft ambulant und ohne Narkose. Das Blut fließt aus einer Armvene durch ein Gerät, das die Stammzellen herausfiltert, und über einen zweiten Venenzugang zurück in den Körper. Das dauert je nach Angabe drei bis fünf Stunden und wird manchmal am nächsten Tag wiederholt.
Beim zweiten Weg wird in Vollnarkose rund eine Stunde lang Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen, nie aus dem Rückenmark. Üblich sind ein bis drei Tage in der Klinik und einige Tage leichte Schmerzen an der Einstichstelle. Das Knochenmark bildet sich innerhalb von zwei bis vier Wochen neu.
Das Gesundheitsportal des Bundes stuft das Risiko für gesunde Spender als gering ein, die Beschwerden als vorübergehend. Ganz ohne Risiko ist es trotzdem nicht: In einer von den Wissenschaftlichen Diensten zitierten US-Auswertung von 2004 mit 9.282 Knochenmarkspenden gab es in 125 Fällen schwerwiegende Komplikationen, das sind 1,35 Prozent. Bei der Entnahme aus dem Blut traten in einer weiteren dort zitierten Studie mit 2.408 Spendern bei 15 Personen schwerwiegende Komplikationen auf, die stationär behandelt werden mussten; ein erhöhtes Krebsrisiko zeigte sich über acht Jahre nicht. Genau dafür ist das Aufklärungsgespräch da. Untersuchungen, Anreise und einen möglichen Verdienstausfall bezahlt die Krankenversicherung der Person, die die Spende erhält.
Eine Hilfe ohne Namen Bemerkenswert ist, wie still das alles abläuft. Spender und Empfänger bleiben zunächst anonym. Frühestens drei Monate nach der Spende kannst du erfahren, wie es der erkrankten Person geht. Ein persönliches Treffen ist in Deutschland frühestens nach zwei Jahren möglich, und nur wenn beide es wollen. Bei Spenden ins Ausland können andere Regeln gelten.
„Jede Transplantation zählt“, sagte Joannis Mytilineos, medizinischer Geschäftsführer des ZKRD, im Jahr 2024. Sie sei „häufig die einzige Überlebenschance für den Patienten“. Hinter jeder der 9.049 Entnahmen steht also jemand, der für einen fremden Menschen Tage freigeräumt und sich hat spritzen oder in Narkose legen lassen. Und hinter ihnen stehen Millionen, die vielleicht nie gefragt werden und trotzdem die Auswahl bilden, aus der die Suche überhaupt erst einen Treffer finden kann. Das ZKRD dankt ihnen in seinem Bericht ausdrücklich: „Ein besonderer Dank gilt daher allen registrierten Spendern in Deutschland“. Dem schließen wir uns gern an.
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Ein Wattestäbchen, das Leben retten kann: So wirst du Stammzellspender