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Ein Schuljahr, ein fester Partner: So besuchen Kinder seit 2009 Pflegeheime
Was 2009 in einem Aachener Pflegeheim begann, läuft heute bundesweit: Kinder besuchen ein Schuljahr lang immer denselben Menschen im Heim. Laut einem Zeitungsbericht von 2025 machen rund 500 Einrichtungen mit. Beteiligte berichten von viel Freude, die Langzeitwirkung ist noch nicht belegt.
Von Madalina ·
„Die Hand meines Partners ist schrumpelig und hat schon ganz viel erlebt“, sagt ein fünfjähriges Kindergartenkind beim Malen. Die Antwort des Partners aus dem Heim: „Sie ist ja auch 80 Jahre älter.“ Die Fachzeitschrift neue caritas hat diese Szene 2016 festgehalten. Die Hand des Partners diente dabei als Schablone.
Solche Momente sind der Kern der Generationsbrücke. Das Programm bringt Kinder und Jugendliche aus Kitas und Schulen mit Menschen im Pflegeheim zusammen, und zwar nicht für ein Adventssingen, sondern ein ganzes Schuljahr lang. Jedes Kind bekommt einen festen Partner. In Roth etwa beginnt jede neue Runde im Herbst.
Aus einem Heim in Aachen ins ganze Land Die Idee stammt von Horst Krumbach, heute Vorstand der Generationsbrücke Deutschland. Der frühere Banker leitete von 2004 bis 2012 das Aachener Marienheim. Eine Kita in der Nähe brachte ihn auf den Gedanken, die Jüngsten und die Ältesten zusammenzubringen. Dass andere ähnlich dachten, etwa in den USA, fand er dann heraus, und er reiste hin, um sich die Projekte anzusehen. Er selbst sagt: „wir haben das Rad nicht neu erfunden“.
2009 startete das Konzept im Marienheim in Aachen-Brand. 2012 entstand unter dem Dach der dortigen katholischen Stiftung die Generationsbrücke Deutschland, die es seither weiterverbreitet. Die Schirmherrschaft übernahm 2018 Angela Merkel, später Olaf Scholz, heute ist es Friedrich Merz.
Die Zahlen zeigen, wie das gewachsen ist: 20 Standorte waren es Anfang 2013, über 80 Kooperationspartner 2016, über 220 in elf Bundesländern 2019. Im April 2025 berichtete die Münchner tz von 250 Generationsbrücken und rund 500 beteiligten Einrichtungen in Deutschland. Exakt vergleichen lassen sich diese Angaben nicht, weil teils Partner und teils Partnerschaften gezählt werden. Eine neuere Zählung für 2026 haben wir nicht gefunden.
Was anders ist als beim Vorsingen Eine Gruppe aus sechs bis zwölf Kindern trifft eine gleich große Gruppe aus dem Heim, einmal im Monat oder alle zwei Wochen, jeweils etwa eine Stunde. Der Ablauf ist immer ähnlich: ein Begrüßungslied, etwas Bewegung wie Luftballonspiele, dann reichen die Kinder Getränke, danach wird es ruhiger, etwa beim Basteln, und am Ende kommt das Abschiedslied. Diese Wiederholung soll beiden Seiten Sicherheit geben.
Vorher lernen die Kinder altersgerecht, was Pflegebedürftigkeit und Demenz bedeuten und wie das Leben im Heim aussieht. Zum Mitmachen soll niemand überredet werden. Und niemand soll bloß Publikum sein: Die Kinder tun nichts für die Älteren, sondern etwas mit ihnen. „Es ist wichtig, dass die eine Gruppe nicht für die andere instrumentalisiert wird“, sagt Krumbach.
Wie das aussieht, zeigte im April 2025 eine Reportage der tz aus München. Dort trafen sich neun Paare aus Drittklässlern einer inklusiven Montessori-Schule und Menschen aus dem Münchenstift St. Maria Ramersdorf einmal im Monat. Die beiden Häuser arbeiteten damals seit fast zehn Jahren zusammen. „Für den Besuch der Kinder lassen unsere Bewohner fast alles liegen und stehen“, berichtete die dort zuständige Pflegefachkraft. Zum Abschied aßen alle gemeinsam zu Mittag. Manchmal blieb der Kontakt, und im Heim kam dann etwa eine Urlaubspostkarte an.
Auch Roth hat so eine lange Partnerschaft: Das Hans-Roser-Haus und der städtische Kindergarten Am Stadtpark feierten 2025 zehn gemeinsame Jahre. Die älteste Teilnehmerin wurde in jenem August 103 und war seit dem ersten Tag dabei.
Krumbach erzählte der tz von einem Kind, dessen Partner nur einen Arm hatte. Beim Luftballonspiel beschloss es, ebenfalls nur einen Arm zu benutzen, um keinen Vorteil zu haben.
Auch die schweren Themen gehören dazu Heile Welt ist das nicht. Wer ein Jahr lang einen hochbetagten Menschen besucht, kann auch Krankheit miterleben, und manchmal stirbt der Partner. Die Fortbildung für das Personal behandelt deshalb ausdrücklich Tod und Trauer. In Roth sind die Erzieherinnen darauf geschult, mit den Vorschulkindern darüber zu sprechen, und es gibt feste Rituale. Wie viel solche Treffen Kindern bedeuten können, zeigt ein zehnjähriges Kind, zitiert im Kundenmagazin eines Hausnotruf-Anbieters. Es freute sich darüber, „dass meine Partnerin wieder lächelt, obwohl sie seit Wochen sehr schwach ist“.
Ein Selbstläufer ist das Programm ebenfalls nicht. Vor- und Nachbereitung kosten Zeit, und viele Einrichtungen arbeiten laut Krumbach am Limit. Am leichtesten gelingt es demnach in Kitas, am schwersten in Schulen. In ländlichen Regionen geht es oft einfacher als in Großstädten: In München gab es im April 2025 nur eine einzige Generationsbrücke. Jugendliche finden das Ganze anfangs manchmal uncool. Und im Heim rennt man laut Krumbach zwar bei 80 Prozent der Senioren offene Türen ein, doch manche Menschen mit Demenz oder Depression müssen jedes Mal neu dafür gewonnen werden.
Was belegt ist und was nicht Eine unabhängige Wirkungsstudie speziell zur Generationsbrücke haben wir nicht gefunden. Es gibt aber eine Befragung des Trägers selbst aus dem Jahr 2013. Darin sagten 85 Prozent der 66 befragten Heimbewohnerinnen und -bewohner, die Begegnungen machten sie sehr froh, 77 Prozent empfanden das Leben im Heim dadurch als sehr viel schöner. Rund 59 Prozent der Kinder hatten laut ihren Eltern dabei zum ersten Mal näheren Kontakt mit pflegebedürftigen alten Menschen.
Das sind freundliche Zahlen, aber keine harten Belege. Insgesamt füllten 245 Menschen die Bögen aus, eine Vergleichsgruppe wird nicht genannt, und befragt hat der Anbieter selbst. Der Bericht schränkt auch ein: Kurzfristige Gefühle ließen sich direkt beobachten, die langfristige Wirkung sei objektiv schwer zu belegen. Vorschulkinder und Menschen mit Demenz seien zudem kaum standardisiert zu befragen.
Die internationale Forschung stützt die Grundidee, mit Einschränkungen. Eine Übersichtsarbeit von 2017 wertete 27 Quellen aus: Kinder sahen ältere Menschen danach positiver, bei den Älteren schwankten die Ergebnisse je nach Messgröße, insgesamt fiel das Urteil aber günstig aus. Gute Organisation und Schulung des Personals seien wichtig. Eine weitere Übersicht von 2019 zu Schulkindern und Menschen ab 60 fand ebenfalls Hinweise auf Nutzen für beide Seiten, betont aber, dass er nicht immer eintritt. Beide Arbeiten betrachten solche Programme allgemein, nicht die Generationsbrücke. Ein Studienprotokoll von 2025 nennt typische Schwächen des Forschungsfelds: kleine Stichproben, sehr unterschiedliche Programme und wenig Wissen darüber, warum etwas wirkt. Auch mögliche Nachteile führt es auf, die deutlich seltener berichtet werden: etwa den Koordinationsaufwand, unpassende Paare und den Verlust von Partnern.
Interessant ist ein Blick in die Schweiz. Die Berner Fachhochschule befragte in Fokusgruppen Fachleute und ältere Teilnehmende zu Treffen von Kita-Kindern und Menschen mit Demenz. Als entscheidend nennt das Projekt Kontinuität, Freiwilligkeit und aufmerksame fachliche Begleitung. Das beweist keine Wirkung, deckt sich aber mit dem, worauf die Generationsbrücke seit Jahren setzt. Die größte Hürde sahen die Befragten bei den knappen Ressourcen.
Ein Modell, das sich übertragen lässt Für den Einstieg braucht es vor allem ein Heim und eine Kita oder Schule, die voneinander zu Fuß erreichbar sind, sonst kann ein Fahrdienst nötig werden. Die Fortbildung läuft über ein Online-Portal, umfasst 16 Unterrichtsstunden und kostet 256 Euro pro Person. In manchen Regionen übernehmen Krankenkassen oder Bürgerstiftungen die Kosten. So kamen 2024 mit Mitteln einer Betriebskrankenkasse zehn Einrichtungen unter anderem in Leipzig, Erfurt, Schwerin und Potsdam neu dazu.
Was auch Jugendliche davon mitnehmen können, klingt bei einer 15-Jährigen an, die die neue caritas 2016 zitierte. In der Schule könne man keine Schwäche zeigen, sagte sie. Über das Pflegeheim dagegen: „Im Altenheim, da kann man einfach sein, wie man ist.“
Themen: Generationsbrücke, Kinder Pflegeheim, Intergenerative Projekte, Jung und Alt, Senioren, Soziales Engagement
Ein Schuljahr, ein fester Partner: So besuchen Kinder seit 2009 Pflegeheime