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Ein Leuchten im dunklen Labor: Wie Röntgen 1895 die unsichtbaren Strahlen fand
Am 8. November 1895 leuchtete in einem abgedunkelten Würzburger Labor ein Schirm auf, obwohl kein Licht ihn traf. Wilhelm Conrad Röntgen ging dem Rätsel nach – und schenkte der Welt eine Technik, mit der Ärztinnen und Ärzte bis heute in den Körper schauen.
Von Tobias ·
Früh dunkel, lange Abende, Licht nur noch dort, wo wir es selbst anknipsen: Anfang November ist die Zeit der hellen Fenster in dunklen Häusern. Genau in diesen Tagen, am 8. November 1895, arbeitete in Würzburg ein Physiker bis in den späten Abend. Was er dabei bemerkte, hat die Medizin verändert – und jährt sich in wenigen Tagen zum 131. Mal.
Ein Schirm, der nicht leuchten dürfte Wilhelm Conrad Röntgen war damals 50 Jahre alt, Professor für Physik und Leiter des Physikalischen Instituts der Universität Würzburg. Er experimentierte mit einer fast luftleeren Glasröhre, durch die er elektrischen Strom unter hoher Spannung schickte. Die Röhre hatte er in schwarze Pappe gehüllt, der Raum war nahezu dunkel.
Dann geschah etwas, das nach dem damaligen Wissen nicht sein konnte: Ein fluoreszierender Schirm in einiger Entfernung begann zu leuchten. Die bekannten Strahlen aus solchen Röhren kommen in Luft nur wenige Zentimeter weit. Hier aber wirkte offenbar etwas Unsichtbares durch die Pappe hindurch und quer durch den Raum.
Wie der Abend im Detail verlief, ist nicht genau überliefert. Röntgen ging dem Phänomen jedenfalls hartnäckig nach. Nach Darstellung der Würzburger Fakultät für Physik geriet bei seinen Versuchen seine eigene Hand zwischen Röhre und Schirm – und auf dem Schirm zeichneten sich die Knochen seiner Hand ab.
Die Hand von Bertha Röntgen Röntgen nannte seine Entdeckung zunächst schlicht „X-Strahlen“. Im Dezember 1895 entstand eines der ersten Röntgenbilder überhaupt: die Hand seiner Frau Bertha, die Knochen deutlich sichtbar.
Am 28. Dezember 1895 beschrieb Röntgen seine Entdeckung in der Schrift „Eine neue Art von Strahlen“. Am 5. Januar 1896 erschien in der Wiener Zeitung „Die Presse“ ein erster Bericht darüber.
Am 23. Januar 1896 stellte Röntgen seine Entdeckung öffentlich vor der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft in Würzburg vor. Dabei durchleuchtete er die Hand des Anatomen Albert von Kölliker. Der schlug vor, die neuen Strahlen nach ihrem Entdecker zu benennen. So sprechen wir im deutschsprachigen Raum bis heute von Röntgenstrahlen.
Kein Patent – ein Geschenk an alle Bemerkenswert ist, was Röntgen nicht tat: Er ließ sein Verfahren nicht patentieren. Nach Darstellung der Röntgen-Gedächtnisstätte in Würzburg wollte er, dass die Entdeckung der gesamten Menschheit zugutekommt. Das Deutsche Patent- und Markenamt merkt an, dass er sich diesen Verzicht leisten konnte, weil er durch eine Erbschaft finanziell unabhängig war.
Auch beim Nobelpreis dachte er an andere. Am 10. Dezember 1901 erhielt Röntgen den ersten Nobelpreis für Physik überhaupt. Das Preisgeld von 50.000 Kronen vermachte er der Universität Würzburg, um dort die Forschung zu fördern. An der Würzburger Fakultät für Physik tragen bis heute zwei jährlich verliehene Auszeichnungen seinen Namen: der Röntgen-Studienpreis für die besten Studierenden und der Röntgen-Wissenschaftspreis für herausragende Doktorandinnen und Doktoranden.
Was aus dem Leuchten wurde Aus dem rätselhaften Schimmern in Würzburg ist ein Werkzeug geworden, das aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Nach Schätzung des Bundesamts für Strahlenschutz wurden in Deutschland im Jahr 2023 rund 125 Millionen Röntgenuntersuchungen gemacht. Etwa 40 Prozent davon entfallen auf die Zahnmedizin. Ein großer Teil der übrigen Aufnahmen zeigt das Skelett oder den Brustkorb.
Auch die Technik hat sich weiterentwickelt. Mit der Computertomografie entstand ein Verfahren, das mithilfe von Röntgenstrahlen Schnittbilder des Körpers erzeugt. Godfrey Hounsfield, der den Röntgen-Computertomografen entwickelte, wurde dafür 1979 mit dem Nobelpreis geehrt.
Wo man Röntgen heute begegnet Wer der Geschichte nachspüren möchte, findet in Deutschland zwei besonders passende Orte. In Würzburg liegt die Röntgen-Gedächtnisstätte genau in dem Gebäude, in dem Röntgen die Strahlen entdeckte: am Röntgenring 8. Der Eintritt ist frei. In Remscheid-Lennep, wo Röntgen am 27. März 1845 geboren wurde, erzählt das Deutsche Röntgen-Museum die Geschichte der Strahlen und lädt zum Ausprobieren und Experimentieren ein; knapp 200 Meter entfernt kann man auch Röntgens Geburtshaus besuchen.
Über seine Zeit in Würzburg sagte Röntgen, wie die Gedächtnisstätte überliefert: „Diese 12 Jahre in Würzburg waren meine glücklichsten.“ Und vielleicht ist das die schönste Pointe dieser Geschichte: Ein Mann blieb an einem dunklen Novemberabend neugierig, wo andere wohl Feierabend gemacht hätten – und gab, was er fand, an alle weiter.
Themen: Wilhelm Conrad Röntgen, Röntgenstrahlen, Würzburg, Wissenschaftsgeschichte, Nobelpreis, Medizin, Entdeckung
Ein Leuchten im dunklen Labor: Wie Röntgen 1895 die unsichtbaren Strahlen fand