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Ein Jahr mit einem Mentor: Kinder sind noch Jahre später ehrlicher
Ein Nachmittag pro Woche, ein Jahr lang: Grundschulkinder, die per Los für das Mentoring-Programm „Balu und Du“ ausgewählt wurden, schummelten Jahre später seltener und wechselten häufiger aufs Gymnasium. Das zeigen Langzeitstudien mit Familien aus Köln und Bonn.
Von Madalina ·
Mal Fußball, mal Kochen, mal Basteln oder einfach reden: Viel mehr steckt auf den ersten Blick nicht hinter dem Mentoring-Programm „Balu und Du“. Junge Ehrenamtliche, die Balus, verbringen ein Jahr lang einmal pro Woche einen Nachmittag mit einem Grundschulkind, ihrem Mogli. Die Namen erinnern an den Bären und das Menschenkind aus dem Dschungelbuch.
Doch was bleibt, wenn das gemeinsame Jahr vorbei ist? Forschende der Universitäten Bonn, Köln und Würzburg verfolgen das seit 2011 – mit einem Aufbau, der Ursache und Wirkung sauber trennen kann: Das Los entschied, welches Kind einen Platz im Programm bekam. Ihre Ergebnisse, zuletzt im Dezember 2025 veröffentlicht, sind ermutigend: Die Kinder waren hilfsbereiter, ehrlicher und wechselten häufiger aufs Gymnasium.
Vier Gespanne am Anfang Entwickelt wurde die Idee 2002 an der Universität Osnabrück von der Pädagogin Hildegard Müller-Kohlenberg, gemeinsam mit Thomas Möltgen und Dominik Esch vom Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln. Vorbilder waren Programme aus Israel, Schweden und den USA. Los ging es mit vier Gespannen: drei in Osnabrück, eines in Köln. 2005 wurde der Verein Balu und Du gegründet, im September 2025 feierte er in Köln sein 20-jähriges Bestehen.
Inzwischen hat der Verein nach eigenen Angaben mehr als 20.800 Gespanne zusammengebracht. Ende Juni 2026 lief das Programm an 244 Standorten in Deutschland, 36 davon pausierten gerade. Rund 2.000 Gespanne waren zu diesem Zeitpunkt aktiv.
Das Prinzip ist schlicht. Die Moglis sind Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, deren Start ins Leben nicht ganz leicht ist, etwa wegen knapper Kassen, Hürden nach einer Migration oder einer schwierigen Lebenssituation. Vorgeschlagen werden sie von Lehrkräften oder der Schulsozialarbeit. Die Balus sind meist Studierende zwischen 17 und 30 Jahren. Einmal pro Woche treffen sich beide für ein bis drei Stunden, was sie unternehmen, richtet sich nach den Interessen des Kindes. Allein gelassen werden die Balus dabei nicht: Jeder Balu legt ein erweitertes Führungszeugnis vor, schreibt nach jedem Treffen in ein Online-Tagebuch, bekommt Rückmeldung und trifft sich regelmäßig mit anderen Balus in Begleitseminaren.
Das Los entscheidet Für die Langzeitstudie luden Forschende um den Bonner Ökonomen Armin Falk 2011 Familien aus Köln und Bonn ein, deren Kinder zwischen September 2002 und August 2004 geboren waren. Die Kinder waren damals sieben bis neun Jahre alt. 590 Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status nahmen teil, also etwa mit geringem Einkommen oder wenig formaler Bildung. 212 Kinder wurden per Los zum Mentoring eingeladen, 378 bildeten die Vergleichsgruppe. Dazu kamen 122 Familien aus besser gestellten Verhältnissen als zweiter Maßstab.
Zur Wahrheit gehört: Nicht jedes eingeladene Kind bekam tatsächlich einen Balu. Rund drei Viertel erhielten einen Mentor, 18 Prozent gingen wegen Mangels an Ehrenamtlichen leer aus. Ein Gespann dauerte im Schnitt 9,5 Monate mit knapp 23 Treffen.
Hilfsbereiter – und die Lücke schrumpft Zwei Jahre nach Programmende schauten die Forschenden genauer hin, die Ergebnisse erschienen 2020 im „Journal of Political Economy“. Gemessen wurde, was Fachleute Prosozialität nennen, also wie sehr Kinder an andere denken. Dazu gehörten kleine Verteilungsspiele, bei denen die Kinder Sterne abgeben konnten, Fragen zum Vertrauen in andere Menschen und Einschätzungen der Eltern zum Verhalten im Alltag.
Das Ergebnis: Die Kinder der Mentoring-Gruppe waren signifikant prosozialer als die Vergleichsgruppe. Der Effekt war nicht groß, aber er hielt an. Bemerkenswert ist, was er bewirkte: Der Abstand zu Kindern aus besser gestellten Familien war danach statistisch nicht mehr nachweisbar. Besonders profitierten Kinder, deren Mütter selbst wenig prosozial eingestellt waren oder die zu Hause wenig soziale Kontakte hatten. Das Mentoring kann also offenbar ein Stück weit ausgleichen, was im Elternhaus an Anregung fehlt.
Der Würfeltest: Wer schummelt? Rund vier Jahre nach dem Mentoring-Jahr folgte ein einfacher Test auf Ehrlichkeit. Die Kinder sollten vorhersagen, welche Zahl sie gleich würfeln, und dann unbeobachtet würfeln. Wer einen Treffer meldete, bekam 2,50 Euro. Bei ehrlichem Spiel wären Treffer nur bei etwa jedem sechsten Kind zu erwarten gewesen. Gemeldet haben einen Treffer aber mehr als 60 Prozent.
Welches einzelne Kind geflunkert hat, lässt sich so nicht sagen, für ganze Gruppen aber schon. Nach der Auswertung von Fabian Kosse (Universität Würzburg), Johannes Abeler (University of Oxford) und Armin Falk (Universität Bonn) schummelten in der Vergleichsgruppe 58 Prozent der Kinder, in der Mentoring-Gruppe 44 Prozent. Der Unterschied ist nach Kosses Worten ungefähr so groß wie der zwischen Mädchen und Jungen. Erschienen ist die Studie im Fachjournal „The Economic Journal“.
Besonders deutlich wirkte das Programm bei Kindern, die zu Hause einen strafenden, kühlen Erziehungsstil erlebten. Kinder, die in der Familie ohnehin Vertrauen und Wärme erfahren, zeigten dagegen keinen Effekt. Genau das will das Programm laut der Universität Würzburg bieten: einen erweiterten Horizont durch eine neue Bezugsperson und ein warmes, vertrauensvolles Umfeld.
Elf Prozentpunkte mehr Richtung Gymnasium Die jüngste Auswertung derselben Kinder erschien im Dezember 2025, wieder im „Journal of Political Economy“. Diesmal ging es um die Schulwahl. Der Hintergrund ist ernüchternd: Kinder aus weniger privilegierten Familien gehen etwa ein Drittel seltener aufs Gymnasium als Kinder aus besser gestellten Haushalten. Selbst bei gleichen Leistungen bleibt eine Lücke von rund 22 Prozentpunkten.
Genau hier zeigte das Mentoring Wirkung: Bei den per Los ausgewählten Kindern lag die Wahrscheinlichkeit, aufs Gymnasium zu wechseln, um 11 Prozentpunkte höher. Und dieser Vorsprung hielt auch fünf Jahre nach dem Schulwechsel noch an. Laut der Kölner Ökonomin Pia Pinger bekommen die Kinder durch ihre Balus Vorbilder, und die Eltern trauen ihnen eher einen anspruchsvollen Bildungsweg zu. Nach Angaben des Vereins erhielten die Moglis zudem bessere Empfehlungen ihrer Lehrkräfte und waren am Gymnasium nicht weniger erfolgreich als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.
Was die Studien nicht zeigen So ermutigend die Zahlen sind, sie haben Grenzen. Alle Befunde stammen aus einer einzigen Region, Köln und Bonn, und aus einer Gruppe von Kindern, die 2011 ins Projekt kamen. Fabian Kosse hält die Ergebnisse dennoch für ganz Deutschland für übertragbar: Die Forschenden hätten versucht, regionale Unterschiede in der Bevölkerung herauszurechnen, und das Programm sei bundesweit aktiv. Für andere Länder mahnt er zur Zurückhaltung: „Bei weltweit wäre ich vorsichtig.“
Die Stichprobe ist zudem überschaubar, und nicht alle Familien blieben dabei: Zwei Jahre nach Programmende fehlten in beiden Gruppen rund 30 Prozent. Der Effekt auf die Hilfsbereitschaft war klein, und Ehrlichkeit wurde in einem einzigen Spiel gemessen. Die US-Datenbank CrimeSolutions des National Institute of Justice stuft „Balu und Du“ als „vielversprechend“ ein: Das Programm kann die gewünschte Wirkung haben, belegt ist das bisher durch eine hochwertige Studie. Die Bewertung stammt allerdings von 2021, also aus der Zeit vor den neuen Veröffentlichungen.
Ein Jahr, das bleibt Was bleibt, ist eine schöne Erkenntnis: Ein Mensch, der sich ein Jahr lang verlässlich Zeit nimmt, kann für ein Kind mehr verändern, als man einem Nachmittag pro Woche zutrauen würde. Und auch die Balus nehmen etwas mit. Der Verein nennt Empathie, Kommunikation und Konfliktlösung, manche Hochschulen erkennen das Engagement sogar als Praktikum an.
Wer selbst Balu werden möchte, findet die Standorte auf der Website des Vereins. Die nächste Gelegenheit, einem Kind die Welt ein Stück größer zu machen, beginnt vielleicht schon an der Grundschule um die Ecke.
Themen: Balu und Du, Kinder Mentoring, Bildungschancen, Soziale Entwicklung, Ehrlichkeit Kinder, Langzeitwirkung, Ehrenamtliche
Ein Jahr mit einem Mentor: Kinder sind noch Jahre später ehrlicher