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Ein Jahr Bau-Turbo: Grünes Licht für fast 7.900 Wohnungen – meist ohne neue Flächen
Erste Bilanz des Bauministeriums: Im ersten Halbjahr 2026 stimmten Kommunen dem Bau von fast 7.900 Wohnungen zu, die meisten auf bereits genutzten Flächen. Was gut läuft und was noch hakt.
Von Max ·
Aufstocken statt neu planen, das leere Bürohaus zur Wohnanlage machen, die Baulücke endlich schließen: Dafür wurde vor einem Jahr der sogenannte Bau-Turbo eingeführt. Seit dem 30. Oktober 2025 dürfen Städte und Gemeinden beim Wohnungsbau von bestehenden Bebauungsplänen abweichen oder Wohnprojekte auch ohne neuen Bebauungsplan zulassen. Das soll die Planung deutlich beschleunigen. Jetzt hat das Bundesbauministerium eine erste Bilanz vorgelegt – sie fällt ermutigend aus, zeichnet aber noch kein vollständiges Bild.
Was die Zahlen zeigen Rund 400 Kommunen beteiligen sich an einer Datenerhebung des Ministeriums. In 72 Prozent von ihnen wurde bereits über Anträge nach den neuen Regeln verhandelt, mehr als die Hälfte der gestellten Anträge erhielt schon eine Zustimmung. Allein von Januar bis Juni 2026 bekamen auf diesem Weg 7.892 Wohnungen grünes Licht von ihrer Gemeinde.
Rund 84 Prozent davon sollen in Mehrfamilienhäusern entstehen. Genutzt wird das Instrument aber auch, um Gebäude aufzustocken oder bestehende Häuser in Wohnraum umzuwandeln.
Bauen, wo schon gebaut wurde Besonders erfreulich ist, wo die neuen Wohnungen entstehen sollen: Fast neun von zehn liegen auf Flächen, die bereits genutzt werden – in Wohn- und Gewerbegebieten, auf gemischt genutzten Flächen, in leerstehenden Gebäuden oder auf Brachen. Nur rund zwölf Prozent entfallen auf bisherige Grün- oder Landwirtschaftsflächen. Der Bau-Turbo hilft also vor allem dabei, vorhandenen Raum besser zu nutzen, statt neue Wiesen zu versiegeln.
Bundesbauministerin Verena Hubertz sieht das Gesetz „in der Praxis angekommen“. Kommunen könnten Bauvorhaben nun nach ihren Worten „bis zu 20-mal schneller“ zustimmen als zuvor. Unabhängig überprüft ist dieser Wert bisher nicht.
Wie der Bau-Turbo funktioniert Kern ist eine bis Ende 2030 befristete Experimentierklausel im Baugesetzbuch. Zusammen mit weiteren neuen Regeln erlaubt sie Abweichungen von Bebauungsplänen, etwa um Baulücken zu schließen oder Gebäude aufzustocken. Entscheidend: Ohne Zustimmung der jeweiligen Gemeinde geht nichts. Jede Kommune entscheidet selbst und für jedes Vorhaben einzeln, ob sie die neuen Spielräume nutzt. Die Interessen der Nachbarschaft müssen dabei berücksichtigt werden.
Köln etwa hat dafür klare Abläufe festgelegt: Nach einem formellen Antrag hat die Stadt drei Monate Zeit für ihre Entscheidung. Größere Projekte mit mehr als 75 Wohnungen landen zusätzlich bei der Politik. Die Zustimmung ersetzt allerdings keine Baugenehmigung – diese muss danach weiterhin beantragt werden.
Acht Modellkommunen als Praxislabor Damit aus den ersten Erfahrungen mehr wird, arbeiten nun acht Modellkommunen eng mit dem Bund zusammen: München, Frankfurt am Main, Duisburg, Kiel, Trier, Ratingen, Rüdersdorf bei Berlin und der Landkreis Nienburg (Weser). Sie untersuchen konkrete Fälle, entwickeln Leitlinien und erproben, wie sich Verfahren beschleunigen lassen, ohne dass die Qualität der Stadtplanung leidet. Begleitet wird das unter anderem vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu).
Was die Bilanz (noch) nicht sagt Die Zahlen haben eine wichtige Einschränkung: 393 Kommunen haben ihre Daten freiwillig gemeldet, eine Pflicht dazu gibt es nicht. Die Ergebnisse sind daher nicht repräsentativ für ganz Deutschland, sie geben aber einen ersten Einblick in die Praxis. Außerdem bedeutet eine Zustimmung der Gemeinde noch nicht, dass auch gebaut wird.
Aus der Praxis kommen zudem kritische Stimmen. Nürnberg zeigt sich dem Instrument gegenüber aufgeschlossen, und es laufen dort bereits Verfahren nach den neuen Regeln. Siegfried Dengler, Dienststellenleiter im Nürnberger Stadtplanungsamt, weist aber darauf hin, dass eine Zusage nach dem Bau-Turbo rechtlich nicht immer ausreichend belastbar sei. Manchen Investoren ist deshalb eine reguläre Baugenehmigung lieber, auch mit Blick auf die finanzierenden Banken. Denglers Fazit: Das Instrument „schafft als solches nicht unbedingt zusätzlichen und bezahlbaren Wohnraum“. Es ist ein Werkzeug – genutzt werden muss es vor Ort.
Genau darauf zielt die weitere Arbeit: Das Monitoring wird weiterentwickelt und soll die gesetzlich vorgesehene Überprüfung der Regel bis Ende 2029 unterstützen. Nach einem Jahr lässt sich festhalten: Der Bau-Turbo ist in vielen Rathäusern angekommen – und lenkt neue Wohnprojekte vor allem dorthin, wo Städte ohnehin schon bebaut sind.
Themen: Bau-Turbo, Wohnungsbau, Bauministerium, Verena Hubertz, Kommunen, Baugesetzbuch, Nachverdichtung, Wohnraum
Ein Jahr Bau-Turbo: Grünes Licht für fast 7.900 Wohnungen – meist ohne neue Flächen