Glück | Achtsamkeit | Dankbarkeit
Ein Brief, der bleibt: Dankeszeilen freuen mehr, als wir denken
Wer einen Dankesbrief schreibt, unterschätzt meist, wie sehr er den Empfänger freut – das zeigen Experimente aus der Psychologie. Die Sorge um die perfekten Worte ist dabei unnötig. Ein paar Minuten an einem langen Herbstabend reichen schon.
Von Madalina ·
Es wird früh dunkel, die Abende werden lang. Eine gute Gelegenheit für etwas, das viele von uns ständig aufschieben: einem Menschen zu sagen, wofür wir ihm dankbar sind. Und zwar schriftlich. Die Psychologie hat dazu eine erfreuliche Nachricht – der Brief kommt meist deutlich besser an, als wir befürchten.
Was die Forschung herausgefunden hat Die Psychologen Amit Kumar, damals an der University of Chicago, und Nicholas Epley von der Booth School of Business der University of Chicago haben das in mehreren Experimenten untersucht. Ihre Studie „Undervaluing Gratitude“ erschien 2018 in der Fachzeitschrift Psychological Science.
Der Aufbau war schlicht: Die Teilnehmenden schrieben einen Dankesbrief an jemanden, der ihr Leben auf bedeutsame Weise berührt hatte. In einem Experiment waren das Studierende eines Wirtschaftskurses, die Kommilitonen dankten, in einem anderen durften die Teilnehmenden frei wählen, wem sie schreiben. Vor dem Abschicken schätzten sie ein, wie überrascht, wie froh und wie peinlich berührt die Empfänger sein würden. Danach befragten die Forschenden die Empfänger selbst.
Das Ergebnis: Die Schreibenden lagen systematisch zu pessimistisch. Die Empfänger freuten sich mehr und waren weniger peinlich berührt, als die Absender erwartet hatten. Überraschter als gedacht waren sie vor allem darüber, wofür man ihnen dankte. Und sie hielten die Schreibenden für wärmer und vor allem für kompetenter, als diese sich selbst zugetraut hatten. Alter und Geschlecht änderten am Muster nichts.
Die Hürde sitzt im eigenen Kopf Besonders aufschlussreich ist, woran es hakt. Die Absender sorgten sich vor allem darum, ob sie die richtigen Worte finden. Den Empfängern kam es dagegen vor allem auf die Wärme der Geste an. Die Universität Mannheim fasst die Studie so zusammen: Am weitesten lagen die Einschätzungen bei der Frage auseinander, ob die Worte gut gewählt waren. Die Schreibenden waren hier deutlich strenger mit sich als ihre Leser.
Diese Fehleinschätzung hat Folgen. Weitere Experimente der Studie zeigten: Je peinlicher die Teilnehmenden die Reaktion erwarteten, desto weniger waren sie bereit, der Person zu schreiben. Wer sich beim Formulieren wenig zutraute, war ebenfalls weniger bereit zu schreiben. Die Forschenden vermuten deshalb, dass wir aus falscher Zurückhaltung weniger danken, als uns und anderen guttäte. Kumar bringt es in einer Mitteilung der University of Texas at Austin, an der er damals forschte, auf den Punkt: Ein Dank kostet wenig, der Nutzen ist größer als erwartet.
Auch die Schreibenden selbst profitieren. Nach dem Verfassen des Briefs fühlten sie sich besser als vorher, wie die Mannheimer Zusammenfassung und die University of Texas berichten.
Was ein Dankesbrief länger bewirken kann Die Übung hat in der Psychologie eine längere Geschichte. Der Psychologe Martin Seligman und Kollegen verglichen 2005 fünf Übungen für mehr Wohlbefinden. Das Schreiben und Überbringen eines Dankesbriefs brachte nach einem Monat den größten Zuwachs an Glück. Das Greater Good Science Center der University of California in Berkeley, das solche Übungen sammelt, ordnet aber auch ehrlich ein: Nach einigen Monaten war der Effekt wieder verschwunden. Manche Forschende empfehlen deshalb, die Übung etwa alle sechs Wochen zu wiederholen.
Dass sich Dankbarkeit üben lässt, zeigt auch eine Studie der Universität Twente in den Niederlanden, über die das Gesundheitsportal der deutschen Apotheker berichtete. 217 Menschen mit geringem Wohlbefinden und leichten psychischen Beschwerden machten sechs Wochen lang täglich rund 15 Minuten Dankbarkeitsübungen, darunter auch Dankbarkeit gegenüber anderen. Bei knapp einem Drittel von ihnen verbesserte sich das Wohlbefinden deutlich, in den Vergleichsgruppen bei 14 und 19 Prozent. Ernst Bohlmeijer, Professor für positive psychische Gesundheit, stellt in dem Bericht klar: „Dankbarkeitstraining ist kein Trick, um schnell glücklich zu werden.“
Nicht für jeden wirkt die Übung gleich stark. Laut Berkeley fiel der Effekt in Studien aus Südkorea kleiner aus als in den USA, und in Indien fühlten sich manche nach dem Schreiben eher in der Schuld des anderen. Wer sich über längere Zeit niedergeschlagen fühlt, sollte sich zudem nicht allein auf solche Übungen verlassen, sondern ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat suchen.
Von Hand oder getippt? Ob ein Brief mit Füller mehr bewirkt als eine E-Mail, haben Kumar und Epley nicht untersucht – in ihren Studien wurden die Briefe teils per E-Mail verschickt. Wer gern mit der Hand schreibt, hat an einem dunklen Herbstabend aber einen schönen Anlass dafür. Und ein Brief auf Papier hat einen praktischen Vorteil: Man kann ihn aufheben.
So schreibst du deinen Dankesbrief Das Greater Good Science Center schlägt rund zehn Minuten Schreibzeit vor. Laut Kumar dauerte es in den Studien sogar nur wenige Minuten, solche Briefe zu verfassen. Die wichtigsten Schritte:
Wähle jemanden, der etwas Wichtiges für dich getan hat und dem du nie richtig gedankt hast – Familie, Freundeskreis, eine Lehrerin, ein Kollege. Sprich die Person direkt an und beschreibe konkret, was sie getan hat und was das in deinem Leben bewirkt hat. Erzähl, wo du heute stehst und wie oft du an ihre Hilfe denkst. Mach dir keine Gedanken über Rechtschreibung oder perfekte Formulierungen – es zählt die Wärme. Wenn es geht, überbring den Brief persönlich und lies ihn vor. Laut Berkeley spricht einiges dafür, dass das mehr bewirkt als der Brief allein. Klappt kein Treffen, geht auch ein Anruf oder Videogespräch. Und falls dich beim Schreiben doch die Sorge beschleicht, es könnte unangenehm werden: Die Forschung sagt ziemlich deutlich, dass sich dein Gegenüber mehr freut, als du denkst.
Themen: Dankesbrief, Dankbarkeit, Wertschätzung, Positive Psychologie, Glück, Beziehungen stärken, Kommunikation
Ein Brief, der bleibt: Dankeszeilen freuen mehr, als wir denken