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„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ Warum ein Märchenfilm von 1973 Kult wurde
Eigentlich sah das Drehbuch blühende Wiesen vor. Weil im Winter 1972/73 bei der DEFA Kapazitäten frei waren, wurde „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zum Schneefilm – mit einer Heldin, die nicht auf Rettung wartet, und der Musik von Karel Svoboda.
Von Madalina ·
Wenn es früh dunkel wird und der erste Frost auf den Wiesen liegt, beginnt für viele Menschen die Aschenbrödel-Zeit. In Moritzburg bei Dresden laufen dafür gerade die Vorbereitungen: Das Schloss ist bis zum 19. November wegen des Umbaus geschlossen, am 20. November öffnet dort die Winterausstellung zum Film – zum 15. Mal.
Dabei war der Schnee, der heute so untrennbar zu diesem Film gehört, gar nicht geplant. Das ursprüngliche Drehbuch sah blühende Wiesen und einen sonnigen Bach vor. Dann hatte die DEFA, das Filmstudio der DDR und Partner der Prager Barrandov-Studios, im Winter 1972/73 freie Kapazitäten. Das Buch wurde innerhalb weniger Tage umgeschrieben, wie die Nachrichtenagentur dpa zum 50. Jubiläum des Films berichtete.
Fischmehl auf den Bäumen Das Ergebnis klingt heute wie ein Treppenwitz: Der Winterfilm kam in einen Winter, der lange nicht mitspielen wollte. In Moritzburg fehlte der Schnee, also half das Team mit Kunstschnee nach, unter anderem aus Fischmehl. Der Geruch soll noch im folgenden Sommer in den Wäldern gehangen haben, so erzählt es die tschechische Tourismuszentrale. Auch auf tschechischer Seite wurde improvisiert, mit Kalk auf den Dächern und zerkleinertem Styropor. Später fiel dort dann so viel Schnee, dass die ausgesuchten Wälder nicht mehr zu erreichen waren.
Kalt war es trotzdem. Prinzendarsteller Pavel Trávníček berichtete später von minus 17 Grad: „Der Winter, der Winter, es war schrecklich kalt.“ Weil der Dreh ursprünglich für den Sommer gedacht war, waren die Kostüme aus leichten Stoffen gefertigt. Und die berühmte Schneeballszene? Hinter den Kulissen warf Regisseur Václav Vorlíček den Ball selbst, von seinem Platz neben der Kamera.
Zwei Länder, ein Märchen Der Film ist eine echte Gemeinschaftsarbeit. Das Filmportal führt das DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg und das Filmstudio Barrandov in Prag als Produktionsfirmen. Als Königsschloss diente Moritzburg, das Gut der Stiefmutter entstand an der Wasserburg Švihov im Westen Tschechiens. Der Ballsaal ist übrigens nicht in Moritzburg zu finden: Er wurde im Studio aufgebaut. Echt ist dagegen die Treppe an der Ostseite des Schlosses, auf der Aschenbrödel ihren Schuh verliert. Eine bronzene Nachbildung hält den Filmmoment dort bis heute fest.
In die Geschichte des Films gehört auch ein ernster Teil. Drehbuchautor František Pavlíček schrieb unter falschem Namen, weil nach dem Prager Frühling 1968 viele Kunstschaffende in Ungnade gefallen waren. Für seine Geschichte verband er laut dpa drei Märchen der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová. Im Bundesarchiv liegen bis heute DEFA-Akten zu dem Film, darunter eine auf den 16. November 1972 datierte Drehbuchfassung, die noch „Drei Haselnüsse für‘s Aschenbrödel“ hieß.
In den Kinos startete der Film nach und nach. Als Uraufführung nennt das Filmportal den 1. November 1973 in der Tschechoslowakei. In der DDR war die Erstaufführung am 8. März 1974 im Berliner Babylon, in der Bundesrepublik kam er am 19. Dezember 1975 in die Kinos. Eine Woche später, am 26. Dezember 1975, lief er erstmals im westdeutschen Fernsehen.
Warum er bis heute verbindet Ein Grund für den Erfolg dürfte die Heldin sein. Libuše Šafránkovás Aschenbrödel reitet, schießt mit der Armbrust und hält dem Prinzen stand. Michal Bregant, Leiter des Nationalen Filmarchivs in Prag, nannte sie zum 50. Jubiläum „kein passives Mädchen“. Schon der zuständige DEFA-Dramaturg hielt in seinen Notizen fest, dass diese Figur den Prinzen will und selbst dafür sorgt, dass es klappt – so berichtet es der Berliner Kurier unter Berufung auf die Akten.
Dazu kommen die Musik von Karel Svoboda und ein Anspruch, der damals zum Kinderfilm gehörte: Laut einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung sollten gute Stoffe für Kinder auch den Großen gefallen. Der tschechische Drehbuchautor Ota Hofman fasste es so zusammen: „Es gibt nur eine Kunst.“
Das erklärt vielleicht auch, warum der Film Kinder wie Erwachsene erreicht. Viele, die ihn als Kinder gesehen haben, schauen ihn später voller Nostalgie wieder, beobachtete evangelisch.de schon 2015. Das Erste und die Dritten zeigten ihn laut dpa im Jahr 2022 zwischen dem 1. Advent und Neujahr 15-mal. Über Deutschland hinaus gilt er auch in Tschechien und Norwegen als fester Teil der Weihnachtszeit.
Schattenroben und eine Wette In Moritzburg lässt sich diese Begeisterung vom 20. November bis zum 28. Februar 2027 erleben. Laut Schlösserland Sachsen zeigt die Ausstellung neben originalen Kostümen und Requisiten auch den Reitsattel der Filmheldin. Die Tafeln sind auf Deutsch und Tschechisch beschriftet, sodass auch im Rundgang beide Filmländer zusammenkommen. Wer mag, schlüpft unterwegs selbst in eine der sogenannten Schattenroben, also in ein Kostüm zum Anprobieren.
Zur 15. Saison hat sich das Schlossteam etwas Schönes ausgedacht: Die Mitarbeitenden wetten gegen ihre Schlossleiterin, dass sich am 6. Februar 2027 um 14 Uhr mindestens 150 als Aschenbrödel verkleidete Menschen auf der Schlossterrasse versammeln. Ein Märchenfilm, der mit Fischmehl begann und nach mehr als 50 Jahren noch immer Menschen in Kostüme lockt: Das ist schon eine ziemlich schöne Winterbilanz.
Themen: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Märchenfilm, DEFA, Moritzburg, Winterausstellung, Kultfilm, Aschenbrödel Jubiläum
„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ Warum ein Märchenfilm von 1973 Kult wurde