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Die Unsichtbaren am frühen Morgen: Warum Reinigungskräfte Dank verdienen
Rund eine Million Jobs zählt das Gebäudereiniger-Handwerk, manche Schicht beginnt schon um 5 Uhr. Zum Tag der Putzfrau am Sonntag: was Reinigungskräfte in Schulen, Kliniken und Büros leisten – und warum wir die Wirkung eines Danks womöglich unterschätzen.
Von Madalina ·
Am Sonntag, dem 8. November, steht der Tag der Putzfrau im Kalender. Das ist kein gesetzlicher Feiertag, sondern ein Aktionstag, und der Name klingt ein wenig aus der Zeit gefallen. Der Anlass passt trotzdem gut in diese Spätherbstwochen, in denen es morgens lange dunkel bleibt: Manche Schicht in der Gebäudereinigung beginnt schon um 5 Uhr. Wer später ins Büro, in die Schule oder in die Klinik kommt, sieht von dieser Arbeit vor allem das Ergebnis.
Eine Million Jobs – und kaum jemand sieht sie Wie groß diese Arbeitswelt ist, zeigt eine neue Zählweise der Bundesstatistik: Für 2024 weist sie im Gebäudereiniger-Handwerk 1.005.213 Beschäftigungsverhältnisse aus. Das sind nicht eine Million Menschen, denn wer zwei Jobs hat, zählt jetzt zweimal. Nach der alten Zählung, die nur Personen in ihrer Haupttätigkeit erfasste, waren es 2023 genau 696.444 Beschäftigte. Vergleichen lassen sich die beiden Werte nicht. Der Bundesinnungsverband bezeichnet die Gebäudereinigung als beschäftigungsstärkste Handwerksbranche in Deutschland.
Die Arbeit reicht von der regelmäßigen Unterhaltsreinigung über Glas und Fassaden bis zu Spezialfeldern wie Krankenhäusern, Baustellen, Verkehrsmitteln und Industrieanlagen. Nach Angaben des Verbands sind die Beschäftigten bundesweit in 100.000 Reinigungsobjekten im Einsatz, von morgens bis abends, in der Stadt wie auf dem Land.
Dass wir davon so wenig mitbekommen, hat einen schlichten Grund: Viele Einsätze liegen am frühen Morgen oder am Abend, damit niemand gestört wird. Ein von der Hans-Böckler-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt beschreibt diese Arbeit als weitgehend unsichtbar. Dabei ist die Branche auch ein Ort, an dem sehr unterschiedliche Lebenswege zusammenkommen: Laut Branchenreport 2025 hat knapp die Hälfte der Beschäftigten (47,4 Prozent) keinen deutschen Pass.
Wo Flächenhygiene Gesundheit schützen kann Besonders deutlich wird der Wert dieser Arbeit im Krankenhaus. Die Kommission für Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (KRINKO) hält in ihrer Empfehlung zur Flächenhygiene fest: Bei der Übertragung von Erregern von außen stehen zwar die Hände im Vordergrund, aber auch Flächen können eine relevante Quelle sein. Händehygiene und Flächenhygiene müssen sich deshalb ergänzen. Gemeint ist vor allem die desinfizierende Reinigung: Für die reine Flächenreinigung sieht die Kommission keine Belege, dass sie Krankenhausinfektionen senkt.
Dabei kommt es nicht nur auf das Mittel an. Für die Wirksamkeit ist laut KRINKO ebenso entscheidend, dass sorgfältig und nach Standard gearbeitet wird. Empfohlen werden Einarbeitung und regelmäßige Schulungen; am besten seien speziell geschulte Mitarbeitende für Risikobereiche. Das ist Fachwissen, kein Nebenbei.
Wie viel eine einzige Stelle ausmachen kann, untersuchte ein Team in einem britischen Krankenhaus. Zwei vergleichbare Stationen bekamen im Wechsel je sechs Monate lang eine zusätzliche Reinigungskraft, montags bis freitags. In dieser Zeit sank die Keimbelastung an häufig berührten Flächen um 32,5 Prozent. Neue MRSA-Infektionen – also Infektionen mit einem gegen viele Antibiotika unempfindlichen Keim – gingen um 26,6 Prozent zurück. Das ist eine kleine Studie aus dem Jahr 2009, und gerade beim MRSA-Wert ist die statistische Unsicherheit groß. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einem augenscheinlichen Nutzen für Patientinnen und Patienten und halten weitere Forschung für nötig.
Einheitlich ist die Forschung auch nicht: Die KRINKO nennt ebenso einen Versuch an 16 Krankenhäusern in Ohio, bei dem Schulungen und Kontrollen die Flächendesinfektion zwar verbesserten, die Rate bestimmter Krankenhausinfektionen aber nicht senkten. Die Empfehlung bleibt dennoch klar: Flächenhygiene gehört zur Basis der Infektionsvorbeugung.
Anerkennung ist nicht selbstverständlich „Häufig bekommen Reinigungskräfte nicht mal ein ‚Guten Morgen‘ zu hören“, sagt Viveka Ansorge von der Berliner Beratung ArbeitGestalten im Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung. Eine Frau, die an einer Schule putzt, beschreibt ihre Lage dort so: „Du bist Aschenputtel für alles.“
Auch die äußeren Bedingungen gehören zur ehrlichen Würdigung. Minijobs und kurze Teilzeit sind verbreitet, viele Beschäftigte haben keine formale Ausbildung, und die Randzeiten sind laut Ansorge sozial und gesundheitlich belastend. Der Branchenmindestlohn für die Einstiegsgruppe liegt seit Januar bei 15 Euro pro Stunde und damit fast 8 Prozent über dem gesetzlichen Mindestlohn. Über die nächste Erhöhung verhandeln Gewerkschaft und Arbeitgeber gerade: Die IG BAU fordert zwei Euro mehr pro Stunde, die Arbeitgeberseite lehnt das mit Verweis auf die schwache Konjunktur ab und hat ein deutlich niedrigeres Angebot vorgelegt; drei Runden blieben bisher ohne Ergebnis.
Ein Lichtblick: Wird tagsüber gereinigt statt in den Randzeiten, kann das familienfreundlichere Arbeitszeiten, längere zusammenhängende Einsätze und ein höheres Einkommen bringen. Leicht ist das nicht, denn im laufenden Betrieb gibt es mehr Kontakt zur Kundschaft und auch Konflikte. Das Böckler-Projekt rät deshalb zu passenden Schulungen. Ein schöner Nebeneffekt des Modells: Wer tagsüber arbeitet, wird eher gesehen.
Warum wir ein Danke unterschätzen Hier wird es für uns alle interessant. Die Forscher Amit Kumar und Nicholas Epley, damals beide an der University of Chicago, ließen Menschen Dankesbriefe schreiben und vorab schätzen, wie die Empfänger reagieren würden. Das Ergebnis, 2018 in der Fachzeitschrift Psychological Science erschienen: Die Schreibenden unterschätzten, wie sehr sich die anderen freuten und wie überrascht sie waren. Und sie überschätzten, wie unangenehm den Empfängern der Dank sein würde. Während die Schreibenden sich um die richtigen Worte sorgten, kam bei den Empfängern vor allem die Herzlichkeit an.
Einschränkend gilt: Die Studie drehte sich um Briefe an Menschen, die im Leben der Schreibenden eine wichtige Rolle gespielt hatten – nicht um Reinigungskräfte und nicht um ein Wort im Vorbeigehen. Der Gedanke dahinter lässt sich aber mitnehmen: Wir müssen keine perfekte Formulierung finden, um freundlich zu sein.
Am Sonntag selbst dürfte in den meisten Büros niemand zum Danken da sein. Aber die Woche danach bietet Gelegenheit. Ein „Guten Morgen“, ein Blickkontakt, ein kurzes Danke – oder ein Zettel, wenn sich die Wege nie kreuzen. Ein Danke ersetzt keine gute Bezahlung und keine besseren Arbeitszeiten. Aber es sagt etwas, das in dieser Arbeit offenbar nicht oft genug gesagt wird: Wir haben gesehen, was du tust.
Themen: Reinigungskräfte, Gebäudereinigung, Anerkennung, Dankbarkeit, Hygiene, Arbeitswelt
Die Unsichtbaren am frühen Morgen: Warum Reinigungskräfte Dank verdienen