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Die Sonne auf die Erde holen: Bund plant 2,4 Milliarden Euro für die Kernfusion ein
Das erste Fusionskraftwerk der Welt soll in Deutschland entstehen. Eine Regierungsantwort zeigt jetzt, woher das Geld kommt – und wie weit der Weg noch ist.
Von Max ·
Im Inneren der Sonne verschmelzen bei rund 15 Millionen Grad Wasserstoffkerne zu Helium. Dabei wird weit mehr Energie frei als bei herkömmlichen Verbrennungsprozessen. Dieses Prinzip eines Tages in einem Kraftwerk nutzbar zu machen, ist eines der großen Versprechen der Energieforschung – und die Bundesregierung hat sich vorgenommen, dass es zuerst in Deutschland gelingt. Wie viel ihr das wert ist, hat sie jetzt noch einmal bekräftigt: Für die laufende Wahlperiode sind rund 2,4 Milliarden Euro für die Fusion vorgesehen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor, über die der Pressedienst des Bundestags am 26. Oktober 2026 berichtet hat.
Das Ziel selbst ist nicht neu. Schon im Koalitionsvertrag heißt es: „Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen.“ Im Herbst 2025 beschloss das Bundeskabinett dazu den Aktionsplan „Deutschland auf dem Weg zum Fusionskraftwerk“. Neu ist, wie detailliert die Regierung nun offenlegt, aus welchen Töpfen das Geld stammt und wofür es fließen soll.
Woher die Milliarden kommen Bis zu 755 Millionen Euro stammen aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Sie sind für den Aufbau von Infrastruktur für die Fusion und für eine an Meilensteine gebundene Finanzierung von Fusionsunternehmen gedacht. Bis zu 810 Millionen Euro kommen aus dem Klima- und Transformationsfonds, und zwar für Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie den Aufbau eines Fusions-Ökosystems. Hinzu kommt die laufende Grundfinanzierung der Forschungseinrichtungen. Die 2,4 Milliarden Euro beziehen sich auf die Jahre 2025 bis 2029. Allein für 2027 summieren sich die in der Antwort aufgeführten Haushaltsansätze auf gut 490 Millionen Euro. Gefördert wird ausdrücklich „technologieoffen in wettbewerblichen Verfahren“; eine feste Aufteilung zwischen den beiden großen Fusionsansätzen – mit Lasern oder mit Magnetfeldern – gibt es nicht.
Drei Hubs, 34 Partner Ein Kernstück der Strategie sind drei sogenannte Fusionshubs, die das Bundesforschungsministerium Ende Juli 2026 vorgestellt hat. Sie bringen Start-ups, Zulieferer, Hochschulen und Forschungsinstitute zusammen, damit Wissen aus dem Labor in Bauteile, Lieferketten und gut ausgebildete Fachkräfte mündet. Für die erste Förderrunde sind rund 125 Millionen Euro angesetzt, die Managementprojekte der Hubs laufen seit dem 1. August 2026.
Der Hub VEGA widmet sich der Laserfusion, koordiniert von den Unternehmen Marvel Fusion und Focused Energy, mit Standorten in Biblis und Hamburg/Schenefeld. Beantragt sind dafür rund 47,6 Millionen Euro. STRIDE setzt auf den Stellarator, eine Magnetfeld-Anlage mit kompliziert geformten Spulen. Hier arbeiten das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und die Start-ups Proxima Fusion und Gauss Fusion zusammen, in Garching bei München und Gundremmingen, mit beantragten 42,5 Millionen Euro. Der dritte Hub, MAT-TRIx unter Federführung des Karlsruher Instituts für Technologie, kümmert sich um eine weniger glamouröse, aber entscheidende Frage: Woher kommt der Brennstoff? Tritium kommt in der Natur kaum vor und muss im Kraftwerk selbst erbrütet werden. Zudem braucht es Werkstoffe, die dauerhaft große Hitze und starken Neutronenbeschuss aushalten. Dafür sind rund 35,2 Millionen Euro beantragt. Insgesamt zählen die drei Hubs bislang 34 Partner; bis 2029 können sie halbjährlich weitere aufnehmen.
Startkapital mit Bedingungen Parallel ist am 7. Oktober 2026 das Meilensteinprogramm der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND gestartet. Es unterstützt junge Fusionsunternehmen entlang ihrer eigenen Fahrpläne zum Kraftwerk, in der ersten Phase vor allem über Beteiligungen, die zusätzlich privates Kapital anlocken sollen. Für 2027 sind zunächst 90 Millionen Euro eingeplant, bis 2029 sind 500 Millionen Euro vorgesehen. Das Programm ist strikt leistungsabhängig: Weiteres Geld gibt es nur, wenn die in den Fahrplänen festgelegten Etappenziele erreicht sind. Am Ende soll ein ausgearbeiteter technischer Entwurf samt Kostenplan für ein Demonstrationskraftwerk stehen. Den Bau selbst deckt das Programm nicht ab; er müsste gesondert beschlossen und finanziert werden.
Ein Vorsprung, auf dem sich aufbauen lässt Ganz bei null fängt Deutschland nicht an. In Greifswald betreibt das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik mit Wendelstein 7-X eine Stellarator-Anlage, deren Ring aus 50 supraleitenden Magnetspulen auf rund minus 270 Grad gekühlt wird. Im Februar 2023 hielt sie ein Plasma mehr als acht Minuten lang. Im Mai 2025 stellte sie einen Weltrekord beim sogenannten Tripelprodukt für lange Plasmaentladungen auf, einer zentralen Messgröße auf dem Weg zum Kraftwerk – gemessen über 43 Sekunden. Nach einer einjährigen Wartungsphase hatte das Institut die Rückkehr in den Versuchsbetrieb für September 2026 angekündigt. Die Bundesregierung sieht Deutschland und Europa bei Hochleistungslasern, Tritium- und Stellaratortechnik international im Spitzenfeld. Und manches dürfte schon lange vor dem ersten Kraftwerk nützen: Supraleitende Hochtemperatur-Magnete etwa sind nach Einschätzung der Regierung auch für Medizintechnik, Rechenzentren und den Energiesektor interessant.
Ehrlich betrachtet: Der Weg ist lang Bei aller Aufbruchsstimmung macht die Regierung selbst klar, dass Fusion noch nicht marktreif ist. Die Fusions-Roadmap der Hightech Agenda rechnet mit einem ersten Pilotkraftwerk gegen Ende der 2030er-Jahre; erst danach soll die Industrie sogenannte „First of a kind“-Kraftwerke bauen, also die ersten Anlagen ihrer Art. Offene Fragen gibt es auch bei den radioaktiven Abfällen: Wie sich diese minimieren lassen, ist laut Antwort noch Gegenstand der Forschung. Die Kosten der Entsorgung soll, wie bei jedem radioaktiven Abfall, der Verursacher tragen. Wie viele Fachkräfte eine deutsche Fusionsbranche brauchen wird, soll eine Forschungs-Roadmap klären, deren Ergebnisse im Frühjahr 2027 erwartet werden.
Ein Fusionskraftwerk wird also so bald keinen Strom ins Netz speisen. Doch mit konkreten Haushaltszahlen, drei vernetzten Hubs und einem Programm, das Geld an echte Fortschritte knüpft, hat die Idee vom Sonnenfeuer made in Germany ein greifbares Gerüst bekommen.
Themen: Kernfusion, Fusionskraftwerk, Energieforschung, Deutschland, Zukunftsenergie, Energiewende, SPRIND
Die Sonne auf die Erde holen: Bund plant 2,4 Milliarden Euro für die Kernfusion ein