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Die Kraft des Neuanfangs: Warum uns selbst ein gewöhnlicher Montag motivieren kann
Ein Neuanfang kann uns motivieren – sogar durch ein Datum im Kalender. Was der Fresh-Start-Effekt erklärt und wie aus ersten Schritten neue Gewohnheiten werden.
Von Michael Beier ·
Psychologie des Neuanfangs: Warum schon ein Datum neue Motivation auslösen kann Ein neuer Job, ein Geburtstag oder einfach der nächste Montag: Manchmal genügt ein kleiner Einschnitt, um wieder Lust auf Veränderung zu bekommen. Forschende haben untersucht, warum uns Neuanfänge motivieren, wie sie festgefahrene Gewohnheiten lockern und weshalb wir für einen Neustart nicht auf den perfekten Moment warten müssen.
Ein gewöhnlicher Donnerstag mit erstaunlicher Wirkung Manchmal liegt zwischen „irgendwann“ und „ich fange an“ nur ein einziges Wort im Kalender.
Im März 2014 stellten US-Forschende 165 Menschen vor eine einfache Entscheidung: An welchem Tag möchten sie eine E-Mail erhalten, die sie an ein persönliches Ziel erinnert?
Zur Auswahl standen mehrere Termine. Einer davon war der 20. März, ein Donnerstag. Für die eine Gruppe wurde er als „dritter Donnerstag im März“ bezeichnet. Die andere bekam denselben Tag als „Frühlingsanfang“ präsentiert.
Das Ergebnis verblüffte: Rund 26 Prozent der zweiten Gruppe entschieden sich für diesen Termin. In der Vergleichsgruppe waren es lediglich gut sieben Prozent.
Der Tag war derselbe geblieben. Nur seine Bedeutung hatte sich verändert.
Die Untersuchung, die 2015 in der Fachzeitschrift Psychological Science erschien, lieferte einen eindrucksvollen Hinweis auf ein psychologisches Phänomen: den Fresh-Start-Effekt , also die motivierende Wirkung eines gefühlten Neubeginns.
Warum unser Kopf einen Neuanfang manchmal dringend braucht Unser Leben verläuft nicht einfach als endlose Aneinanderreihung von Tagen. Gedanklich teilen wir es in Kapitel ein: die Zeit vor dem Umzug, das erste Jahr im neuen Beruf oder das Leben nach einer wichtigen Entscheidung.
Solche Übergänge können uns helfen, Abstand von früheren Enttäuschungen zu gewinnen. Was gestern misslungen ist, erscheint plötzlich weniger bestimmend für das, was morgen möglich sein könnte.
Genau diesen Mechanismus untersuchten die Psychologin Hengchen Dai und ihre Kollegen Katherine Milkman und Jason Riis. Ihre Experimente zeigten, dass zeitliche Wendepunkte die Bereitschaft fördern können, neue Ziele anzugehen.
Bereits eine frühere Untersuchung des Forschungsteams hatte ergeben, dass Menschen nach auffälligen Zeitpunkten wie dem Jahreswechsel, Monatsanfang oder Wochenbeginn häufiger nach Diäten suchten, Fitnessstudios besuchten oder sich mit persönlichen Vorhaben beschäftigten.
Dabei muss ein Neuanfang nicht spektakulär sein. Auch der erste Tag einer neuen Woche kann ausreichen, um die eigene Zukunft für einen Moment anders zu betrachten.
Neue Wege können auch alte Gewohnheiten verändern Ein Neuanfang wirkt manchmal nicht nur im Kopf. Er kann auch festgefahrene Routinen aufbrechen.
Das hängt damit zusammen, dass viele Gewohnheiten eng mit unserer Umgebung verbunden sind. Wir wiederholen bestimmte Handlungen, weil vertraute Orte und Situationen sie beinahe automatisch auslösen.
Die Psychologin Wendy Wood untersuchte mit ihrem Team, wie sich alltägliche Gewohnheiten bei Studierenden veränderten, die an eine andere Universität wechselten.
Dabei zeigte sich: Veränderte sich der gewohnte Kontext, wurden bisherige Verhaltensmuster häufiger unterbrochen. Blieben wichtige Auslöser erhalten, bestanden dagegen oft auch die Gewohnheiten fort.
Ein Umzug, ein neuer Arbeitsweg oder eine veränderte Tagesroutine können deshalb günstige Gelegenheiten bieten, etwas anders zu machen.
Es braucht aber nicht unbedingt eine neue Adresse. Wer beispielsweise seinen täglichen Spaziergang fest in den Feierabend einbaut, kann versuchen, eine neue Routine mit einem vertrauten Zeitpunkt zu verbinden.
Warum Abwechslung unserem Wohlbefinden guttun könnte Auch neue Erfahrungen verdienen Aufmerksamkeit.
Eine 2020 in Nature Neuroscience veröffentlichte Untersuchung begleitete Menschen mithilfe von Standortdaten und regelmäßigen Befragungen durch ihren Alltag. Das Forschungsteam um Aaron Heller stellte fest, dass abwechslungsreichere Aufenthaltsorte mit häufiger berichteten positiven Gefühlen zusammenhingen.
Die Forschenden untersuchten außerdem, wie dieser Zusammenhang mit der Kommunikation bestimmter Hirnregionen verbunden war.
Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, dass jeder Ortswechsel automatisch glücklicher macht. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen einfachen Ursache-Wirkungs-Beweis.
Trotzdem eröffnet sie eine reizvolle Perspektive: Neue Eindrücke können unserem Alltag eine zusätzliche Facette geben. Dafür genügen manchmal ein unbekannter Weg durch die Nachbarschaft, ein neues Hobby oder der Besuch eines Ortes, an dem man noch nie gewesen ist.
Der erste Schritt zählt – aber was kommt danach? So schön die Aufbruchsstimmung ist: Ein motivierender Anfang garantiert noch keinen dauerhaften Erfolg.
Eine schwedische Studie mit 1.066 Teilnehmenden untersuchte, wie Menschen ihre Neujahrsvorsätze umsetzen. Nach einem Jahr stuften sich 58,9 Prozent der Befragten mit positiv formulierten Zielen als erfolgreich ein. Bei Zielen, die vor allem auf das Vermeiden unerwünschter Verhaltensweisen ausgerichtet waren, lag dieser Anteil bei 47,1 Prozent.
Der Unterschied ist aufschlussreich. Statt sich nur vorzunehmen, „weniger Zeit am Handy zu verbringen“, kann es hilfreicher sein, ein konkretes neues Verhalten anzustreben: etwa „jeden Abend vor dem Schlafengehen zehn Minuten lesen“.
Auch sogenannte Wenn-dann-Pläne können helfen, aus guten Absichten Handlungen zu machen. Dabei wird ein klarer Auslöser mit einem konkreten Verhalten verbunden.
Zum Beispiel: „Wenn ich nach dem Mittagessen meinen Kaffee ausgetrunken habe, gehe ich zehn Minuten spazieren.“
Solche kleinen Vereinbarungen mit sich selbst nehmen dem ersten Schritt einen Teil seiner Unverbindlichkeit.
Warum der beste Neuanfang nicht immer morgen beginnt Allerdings hat die Psychologie des Neubeginns auch eine überraschende Kehrseite.
Forschende zeigten 2020, dass die Aussicht auf einen bevorstehenden Neustart die gegenwärtige Motivation unter bestimmten Bedingungen sogar schwächen kann. Wer darauf vertraut, dass sein zukünftiges Ich ab Montag alles besser machen wird, strengt sich möglicherweise heute weniger an.
Der entscheidende Unterschied liegt deshalb zwischen der Freude am Anfang und dem tatsächlichen Dranbleiben.
Nicht jeder neue Versuch wird gelingen. Manche Veränderungen brauchen Zeit, andere verlieren nach anfänglicher Begeisterung ihren Reiz. Das schmälert jedoch nicht den Wert eines neuen Anlaufs.
Denn ein Neuanfang muss weder vollkommen noch endgültig sein. Er kann ein Experiment sein, eine kleine Kurskorrektur oder die Entscheidung, etwas noch einmal zu versuchen.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis der Forschung: Wir brauchen nicht unbedingt ein neues Leben, um neu anzufangen. Manchmal genügt ein anderer Blick auf einen ganz gewöhnlichen Tag.
Themen: Neuanfang, Fresh-Start-Effekt, Motivation, Gewohnheiten ändern, Psychologie, Ziele erreichen, Selbstoptimierung
Die Kraft des Neuanfangs: Warum uns selbst ein gewöhnlicher Montag motivieren kann