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Das große Comeback der Störche: Warum es wieder überall klappert
Vom beinahe verschwundenen Sorgenkind zum sichtbaren Symbol erfolgreichen Naturschutzes: In Deutschland leben so viele Weißstorchpaare wie seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen nicht. Hinter dem Comeback stehen geschützte Lebensräume – und eine erstaunliche Anpassungsleistung der Vögel.
Von Tobias ·
Noch vor wenigen Jahrzehnten war das vertraute Klappern auf vielen Dächern verstummt. Feuchte Wiesen wurden trockengelegt, Flussauen verbaut und Grünflächen intensiver bewirtschaftet. In manchen Regionen Deutschlands verschwand der Weißstorch vollständig.
Heute bietet sich ein überraschend anderes Bild: Auf Kirchtürmen, Scheunendächern und künstlichen Nisthilfen wachsen wieder Jungstörche heran. Für die Brutsaison 2026 rechnet der Naturschutzbund Deutschland mit mehr als 15.000 Weißstorchpaaren – so vielen wie nie seit Beginn der systematischen Bestandserfassungen. In den 1980er-Jahren waren es in Ost- und Westdeutschland zusammen weniger als 3.000 Paare.
Damit hat sich der Bestand innerhalb weniger Jahrzehnte mehr als verfünffacht. Besonders deutlich wird die Dynamik beim Blick auf das Jahr 2017: Damals wurden bundesweit noch rund 6.700 Brutpaare registriert. Innerhalb von neun Jahren hat sich ihre Zahl somit mehr als verdoppelt.
Ein Comeback, das nicht zufällig geschah Die Rückkehr des Weißstorchs zeigt, dass langfristiger Naturschutz tatsächlich Wirkung entfalten kann. Entscheidend waren unter anderem die Wiedervernässung ehemaliger Feuchtgebiete, der Schutz von Flussauen und eine Grünlandbewirtschaftung, die stärker auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmt wurde.
Weißstörche benötigen offene Landschaften, in denen sie ihre Nahrung leicht erreichen können: feuchte Wiesen, Weiden, Flussniederungen, flache Gewässer und zeitweise überschwemmte Flächen. Dort finden sie Regenwürmer, Insekten, Mäuse, Amphibien, Fische und Reptilien. Ihre abwechslungsreiche Ernährung macht sie anpassungsfähiger als viele spezialisierte Vogelarten.
Zugleich halfen zahllose Menschen vor Ort. Ehrenamtliche Storchenbetreuer dokumentierten Brutpaare, sicherten Nester, unterstützten verletzte Tiere und meldeten gefährliche Strommasten. Gemeinden und Energieversorger errichteten Nisthilfen oder entschärften Leitungen. Der heutige Höchststand ist deshalb auch das Ergebnis jahrzehntelanger, häufig unsichtbarer Arbeit.
Viele Störche reisen nicht mehr bis Afrika Zum Aufschwung trägt jedoch nicht allein der Schutz der Lebensräume bei. Auch die Störche selbst haben ihre Strategie verändert.
Durch Deutschland verläuft eine sogenannte Zugscheide. Viele ostdeutsche Störche ziehen weiterhin über den Balkan und den Nahen Osten bis nach Ost- oder Südafrika. Ein wachsender Teil der westlich ziehenden Population beendet seine Reise dagegen bereits auf der Iberischen Halbinsel. Einige Tiere bleiben sogar ganzjährig in Deutschland.
Für die Vögel ist die kürzere Reise ein beträchtlicher Vorteil. Sie müssen weniger gefährliche Stromleitungen, trockene Rastgebiete und Regionen mit illegaler Vogeljagd überqueren. Zudem sparen sie Energie und kehren häufig früher und in besserer körperlicher Verfassung in ihre Brutgebiete zurück.
Nach Einschätzung der NABU-Fachleute hat sich das Verhältnis der Zugrichtungen innerhalb von etwa 30 Jahren nahezu umgekehrt: Früher gehörten rund drei Viertel der deutschen Störche zu den Ostziehern, heute ziehen ungefähr drei Viertel nach Westen.
Die Verkürzung der Flugroute hat allerdings auch eine problematische Seite. In Spanien suchen viele Tiere nicht nur Reisfelder und Feuchtgebiete auf, sondern auch offene Mülldeponien. Diese Nahrungsquellen erleichtern zwar das Überwintern, können jedoch Schadstoffe, Plastik und Krankheitsrisiken mit sich bringen. Das Storchenhoch ist deshalb nicht ausschließlich Ausdruck intakter Natur, sondern teilweise auch eine Folge menschlich veränderter Landschaften.
Der Schwerpunkt wandert von der Elbe an den Rhein Traditionell galten Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und die mittlere Elbe als deutsche Storchenhochburgen. Inzwischen hat sich das Zentrum der Verbreitung deutlich nach Westen und Südwesten verschoben.
Besonders stark wachsen die Bestände am Oberrhein, in Niedersachsen, Baden-Württemberg, Hessen, Mittelfranken und Oberschwaben. Der Weißstorch brütet mittlerweile in allen 16 Bundesländern. Die meisten Paare leben derzeit in Niedersachsen und Baden-Württemberg, die höchste Dichte erreicht Hessen.
Ein außergewöhnliches Beispiel ist der südhessische Kreis Groß-Gerau. Bereits sechs bis sieben Paare je 100 Quadratkilometer gelten als gute Besiedlungsdichte. In Groß-Gerau werden nach NABU-Angaben bis zu 90 Paare je 100 Quadratkilometer erreicht.
Damit verändert sich auch das Bild vieler Dörfer und Städte. Störche brüten längst nicht mehr nur in abgeschiedenen Auenlandschaften. Als Kulturfolger errichten sie ihre oft mehrere hundert Kilogramm schweren Nester auf Gebäuden, Schornsteinen, Masten und speziellen Plattformen – häufig mitten im Siedlungsraum.
Viele Paare bedeuten noch nicht automatisch viele Jungtiere Der Rekord bei den Brutpaaren ist gut belegt. Wie erfolgreich die Brutsaison 2026 insgesamt verläuft, lässt sich jedoch noch nicht abschließend sagen. Die Zahl der flüggen Jungstörche wird erst nach dem Ende der Saison vollständig feststehen.
In Schleswig-Holstein und Niedersachsen zeichnet sich bislang ein gutes Nachwuchsjahr ab. Auch aus Teilen Südwestdeutschlands werden positive Ergebnisse gemeldet. In Mitteldeutschland und im Osten ist die Bilanz regional eher durchschnittlich. Trockene Böden erschweren es den Elterntieren, genügend Regenwürmer für ihre Jungen zu finden.
Hitze allein ist für Weißstörche nicht zwangsläufig das größte Problem. Die Art brütet auch in Südeuropa und Nordafrika. Entscheidend ist, ob die Eltern ausreichend Wasser und Nahrung finden. Fehlen Feuchtflächen und erreichbare Beutetiere, kann eine längere Trockenperiode für Küken dennoch gefährlich werden.
Auch nach dem Ausfliegen beginnt eine riskante Lebensphase. Jungstörche müssen das Landen, die Nahrungssuche und den Zug in den Süden erst lernen. Nach Angaben der Storchenfachleute ist es bereits ein gutes Ergebnis, wenn etwa jeder vierte Jungvogel im folgenden Frühjahr sicher aus dem Süden zurückkehrt.
Der Erfolg bleibt verletzlich Trotz des Rekordbestands benötigt der Weißstorch weiterhin Schutz. Feuchtgrünland und natürliche Flussauen gehen vielerorts zurück. Hinzu kommen Kollisionen und Stromschläge an Leitungen, Dürren in den Überwinterungsgebieten, Pestizide, der Verlust wichtiger Rastplätze und illegale Jagd entlang der Zugrouten.
Der Weißstorch ist international derzeit nicht akut vom Aussterben bedroht. BirdLife International stuft ihn als „nicht gefährdet“ ein und schätzt den europäischen Bestand auf etwa 251.000 bis 282.000 Brutpaare.
Sein Aufschwung darf jedoch nicht mit einer allgemeinen Erholung der Artenvielfalt verwechselt werden. Der Storch ist intelligent, mobil und bei seiner Nahrung vergleichsweise flexibel. Viele andere Tiere und Pflanzen können auf trockengelegte Wiesen, Pestizide oder monotone Agrarflächen weit weniger gut reagieren.
Gerade deshalb ist seine Rückkehr so lehrreich: Sie zeigt nicht, dass alle Probleme gelöst sind. Sie zeigt aber, was möglich wird, wenn Lebensräume wiederhergestellt, Gefahren entschärft und Schutzmaßnahmen über Jahrzehnte konsequent fortgeführt werden.
Das große Comeback der Störche: Warum es wieder überall klappert