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Der vergessene Erfolg gegen sauren Regen: Wie sich Deutschlands Bäche erholen
Waldsterben und saurer Regen waren die Schlagzeilen der 80er – was danach geschah, ist weit weniger bekannt. Dabei ist es eine Erfolgsgeschichte: Der Schwefelausstoß sank seit 1990 um 96 Prozent, viele Mittelgebirgsbäche werden weniger sauer, empfindliche Insekten und Fische kehren zurück.
Von Andre ·
„Saurer Regen“ und „Waldsterben“ – zwei Wörter, die in den 80ern jeder kannte. Heute gilt das Thema vielen als erledigt. Fachleute stellen fest, dass die Versauerung von Böden und Gewässern in der Öffentlichkeit oft als „historisches Phänomen“ gesehen wird (Bittersohl, Walther und Meesenburg, 2014). Was dabei untergeht: Die Geschichte hat ein gutes Kapitel bekommen, auch wenn es noch nicht zu Ende geschrieben ist. Und es spielt in unseren Bächen.
Wie groß der Umschwung ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Umweltbundesamts (Stand Juni 2026): 1990 gelangten in Deutschland rund 5,5 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Luft. 2024 waren es noch etwa 0,2 Millionen Tonnen – ein Minus von 96 Prozent.
Woher die Säure kam Schwefeldioxid entsteht vor allem beim Verbrennen schwefelhaltiger fossiler Brennstoffe. Die Schwefelverbindungen wirken – direkt oder nach Umwandlung – als starke Säure, vor allem als Schwefelsäure. Besonders viel davon landet in Wäldern, denn ihre dichten Kronen filtern Gase und Partikel regelrecht aus der Luft.
Wo der Untergrund kaum Kalk enthält – auf Granit, Gneis, Schiefer oder Sandstein, wie in vielen Mittelgebirgen –, fehlt der natürliche Puffer. Die Säure sickerte durch die Böden in Quellen und Bäche. Der pH-Wert sank, und der Gehalt an Metallen wie Aluminium stieg. Für Fische in solch weichem Wasser gelten pH-Werte unter 6 und mehr als 0,1 Milligramm Aluminium pro Liter als kritisch. Die Folge: weniger Artenvielfalt, dafür mehr Tiere einiger weniger säureunempfindlicher Arten.
Wie die Wende gelang Ein zentraler Hebel war eine Verordnung mit sperrigem Namen: die Großfeuerungsanlagen-Verordnung von 1983. Sie setzte dort an, wo der meiste Schwefel herkam. Laut einem Bericht der Bundesregierung stammten 1982 rund 70 Prozent des Schwefeldioxids in der Bundesrepublik aus Kraftwerken und großen Industriefeuerungen.
Das Besondere: Die Regeln galten auch für alte Anlagen. Wer sie dauerhaft weiterbetreiben wollte, musste je nach Größe eine Rauchgasentschwefelung nachrüsten oder schwefelarmen Brennstoff einsetzen, spätestens ab Juli 1988. Ab 1993 sollten alle Altanlagen die Anforderungen für Neuanlagen erfüllen. Schon Mitte 1984 meldete die Elektrizitätswirtschaft, dass knapp drei Viertel der Leistung ihrer Stein- und Braunkohlekraftwerke mit Entschwefelungsanlagen nachgerüstet werden. Der Rest, rund 12.000 Megawatt, sollte vom Netz gehen.
Die Wirkung: Allein in den alten Bundesländern sank der Schwefeldioxid-Ausstoß bis 1993 um 89 Prozent. Das Umweltbundesamt zählt die Verordnung rückblickend zu den „Glanzleistungen des Umweltschutzes“.
Nach der Wiedervereinigung ging es weiter. Viele Betriebe in den neuen Bundesländern wurden stillgelegt oder technisch nachgerüstet, dazu kamen Brennstoffe mit weniger Schwefel. Eine verschärfte Neufassung der Verordnung von 2013 drückte die Emissionen ab 2016 noch einmal deutlich.
Was die Bäche erzählen Ob sich die Natur tatsächlich erholt, lässt sich messen. Seit 1986 beobachten Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Niedersachsen ihre versauerten Gewässer in einem Messprogramm im Rahmen der UN-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE).
Eine Trendanalyse für 79 Mittelgebirgsbäche, zusammengefasst in einer Übersichtsarbeit von 2014, zeigt: Die Erholung setzte Mitte der 1980er Jahre ein. Bei knapp neun von zehn Bächen mit ausreichenden Daten ging der Sulfatgehalt statistisch gesichert zurück, bei rund zwei Dritteln stieg der pH-Wert messbar an.
Wie das im Bach aussieht, zeigt die Lange Bramke im Harz. Fachleute bewerten den Säurezustand eines Bachs auch anhand der Kleinlebewesen am Gewässergrund. Die Lange Bramke rückte dabei von Klasse 5, „permanent sauer“, auf Klasse 2, „episodisch schwach sauer“ – und die Zahl der Arten stieg deutlich.
Ähnliches melden andere Regionen. Im Schwarzwald und Odenwald hat sich das Wasser versauerter Bäche so weit gebessert, dass sich die Fischbestände in Dichte und Altersaufbau erholen konnten. An versauerten Kleinseen im Schwarzwald wurden weniger Amphibieneier und -larven geschädigt, die Bestände wurden dichter.
Auch unter der Erde tut sich etwas. In Bayern galt 1989 das Grund- und Quellwasser an 14 Prozent der untersuchten Messstellen im Kristallingestein als stark versauert, 2007 bis 2009 waren es noch 4 Prozent. Im Buntsandstein sank der Anteil von 5 auf 0 Prozent. Die Bewertungsverfahren unterscheiden sich zwischen den Zeiträumen etwas, doch gemessen am pH-Wert hat sich die Lage laut der Übersichtsarbeit „erheblich verbessert“.
Der Harz: Mehr Leben im Bach Gut dokumentiert ist die Erholung im Nationalpark Harz. Forschende der Hochschule Magdeburg-Stendal haben, mit Beteiligung des Nationalparks, 19 Messstellen in kleinen und mittleren Bächen von 1995 bis 2022 untersucht. Ihre Bilanz, veröffentlicht im Februar 2025: An 15 der 19 Stellen verbesserte sich die Säureklasse um mindestens eine Stufe. Die Zahl der Arten hat sich an den meisten Stellen verdoppelt bis verdreifacht, im Spitzenfall von 14 auf 52.
Vor allem säureempfindliche Arten aus den Gruppen der Eintags-, Stein- und Köcherfliegen haben inzwischen höher gelegene und früher saure Bachabschnitte besiedelt. Dabei fanden die Forschenden einen klaren Zusammenhang: je höher der pH-Wert, desto mehr Arten. Auch die Fische profitieren. Ihre Bestände haben sich erholt, früher fischfreie Abschnitte sind wieder besiedelt. Als weiteren Einfluss nennt das Team den Zusammenbruch der Fichtenmonokulturen rund um die Bäche.
Dazu passt eine Beobachtung der Harzwasserwerke aus dem Jahr 2013: Die Bachforelle breitet sich seit Jahren in hoch gelegene Quellgebiete aus, die sie wegen sehr niedriger pH-Werte lange nicht besiedeln konnte.
Warum die Erholung Zeit braucht So erfreulich das ist: Fertig ist die Geschichte nicht. Böden haben ein langes Gedächtnis. In vielen Verwitterungsschichten steckt Schwefel aus den Jahrzehnten hoher Belastung, der nun nach und nach wieder ausgewaschen wird. Im Lehstenbach-Gebiet im Fichtelgebirge waren Ende der 1990er Jahre rund 3.300 Kilogramm Sulfat-Schwefel pro Hektar im Untergrund gespeichert. Fachleute rechnen damit, dass von dort noch mehrere Jahrzehnte lang erhöhte Sulfatmengen ausgewaschen werden – das bremst die Erholung von Grund- und Bachwasser.
Am längsten dauert es dort, wo es am schlimmsten war. Ursprünglich stark versauerte Bäche haben sich am meisten verbessert, sind aber noch immer am stärksten belastet. Der Gräfenbach im Hunsrück etwa gilt trotz kräftig gestiegener pH-Werte und halbierter Sulfatgehalte weiterhin als stark versauert. Auch im Fichtelgebirge und im Erzgebirge gab es laut der Übersichtsarbeit von 2014 noch stark versauerte Bäche, die kaum besiedelbar blieben.
Noch langsamer ist das Grundwasser. Im norddeutschen Tiefland ist der Untergrund stellenweise mehr als zehn Meter tief versauert. Bis er sich regeneriert hat, kann es Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern.
Nachgeholfen wird mit Kalk: Von 1980 bis 2016 summierte sich die gekalkte Waldfläche in Deutschland auf rund 3,6 Millionen Hektar, verteilt auf zehn Bundesländer. Gegen versauerte Gewässer wirkt das nicht sofort, kann aber langfristig zum Gewässerschutz beitragen. Wo Kalk Nitrat aus dem Boden lösen könnte, sollen Flächen ausgespart werden; in Trinkwassergebieten wird meist gar nicht gekalkt.
Die nächste Baustelle: Stickstoff Beim Schwefel ist der Erfolg da, beim Stickstoff noch nicht. Auch Stickstoffverbindungen wirken versauernd: Stickoxide aus Verkehr und Industrie sowie Ammoniak aus der Landwirtschaft, vor allem aus der Intensivtierhaltung.
Das Umweltbundesamt zeigt beide Seiten: Der Anteil der Flächen, auf denen die ökologischen Belastungsgrenzen für Versauerung deutlich bis sehr deutlich überschritten werden, sank zwischen 2005 und 2019 von 58 auf 26 Prozent. Bei den Stickstoffeinträgen gibt es aber keinen vergleichbaren Rückgang. Ammoniumstickstoff aus der Landwirtschaft ist laut UBA inzwischen die Hauptursache für Versauerung. Die höchsten Belastungen liegen heute im norddeutschen Tiefland, auf empfindlichen Böden in Regionen mit intensiver Tierhaltung.
Auch international zeigt sich dieses Bild. Das Messnetz ICP Waters hat rund 500 Gewässer in Europa und Nordamerika ausgewertet: An den meisten Stellen sank der Sulfatgehalt zwischen 1990 und 2016 um 40 bis 60 Prozent, saure Schübe wurden milder. In Europa flachte die Verbesserung in den 2000er Jahren im Vergleich zu den 1990ern allerdings ab.
Was bleibt Die Geschichte des sauren Regens zeigt, dass klare Regeln und gute Technik wirken – auch wenn die Natur ihr eigenes Tempo hat. Was in den 80ern beschlossen wurde, zahlt sich bis heute aus, in Bächen, in denen wieder Steinfliegen und Forellen leben. Und sie zeigt, wo der nächste Hebel liegt: beim Stickstoff.
Wenn du also das nächste Mal an einem klaren Bach im Harz stehst: Ein Teil dessen, was dort lebt, ist auch ein Erfolg, über den kaum noch jemand spricht.
Themen: Saurer Regen, Umweltschutz, Bäche Erholung, Schwefeldioxid, Artenvielfalt, Deutschland, Gute Nachrichten
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