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Der Nadelbaum, der Gold trägt: Warum Lärchen im Herbst ihre Nadeln abwerfen
Als einziger heimischer Nadelbaum geht die Lärche kahl in den Winter, vorher leuchtet sie goldgelb. Das ist kein Schwächeln, sondern eine Strategie: Der Baum holt Nährstoffe zurück, schützt sich vor dem Austrocknen und übersteht Frost bis minus 40 Grad.
Von Andre ·
Zwischen dunklen Fichten und Kiefern steht in diesen Wochen mancherorts ein Baum, der aussieht, als hätte ihn jemand vergoldet: die Lärche. Sie ist der einzige bei uns heimische Nadelbaum, der seine Nadeln abwirft und kahl durch den Winter geht. Schon ihr wissenschaftlicher Name Larix decidua spielt darauf an.
Die Goldfärbung setzt nach dem ersten Herbstfrost ein, später rieseln die Nadeln zu Boden. In den Bergen prägen Lärchen im Oktober und November ganze Landschaften, anderswo lockern sie die dunklen Nadelwälder auf. Wann es so weit ist, hängt also auch vom Wetter ab. Gerade im Spätherbst, wenn es früh dunkel wird, lohnt sich der Blick nach oben.
Das Gold ist ein Umzug Was da leuchtet, ist kein neuer Farbstoff für die Show. Bei Laubbäumen ist der Ablauf gut beschrieben: Kürzere Tage und sinkende Temperaturen lösen einen genetisch gesteuerten Alterungsprozess aus, die Photosynthese wird heruntergefahren. Der Baum zerlegt das grüne Chlorophyll und speichert die Bestandteile bis zum Frühjahr in Zweigen, Stamm oder Wurzeln. Übrig bleiben gelbe Farbstoffe, die schon die ganze Zeit im Blatt steckten und nun sichtbar werden.
Für die Lärche beschreibt der Staatsbetrieb Sachsenforst dasselbe Prinzip: Bevor die Nadeln fallen, werden wichtige Nährstoffe aus ihnen abgezogen, daher das Goldgelb. Das zahlt sich aus, denn vor allem Stickstoff ist für Pflanzen ein knappes Gut. Was am Ende zu Boden fällt, ist also nährstoffarm.
Warum sich das Kahlsein lohnt Der Winter ist für Bäume weniger wegen der Kälte heikel als wegen des Wassers. Ist der Boden gefroren, nehmen die Wurzeln kaum noch etwas auf, während Blätter weiter Feuchtigkeit verdunsten. Fachleute nennen die Gefahr bei Nadelbäumen Frosttrocknis. Die Lärche umgeht sie: Laut der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft ist sie als nadelabwerfende Art anders als immergrüne Nadelbäume dadurch nicht gefährdet.
Dazu kommen zwei weitere Pluspunkte. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald hält die Lärche auch wegen der fehlenden Nadeln für robust gegen Schneebruch. Und nach Angaben von Sachsenforst steckt sie Temperaturen bis minus 40 Grad problemlos weg.
Das passt zu ihrer Herkunft. Die Europäische Lärche ist ein typischer Baum der Hochgebirge, angepasst an kurze Wachstumszeiten und lange, schneereiche Winter. In den Zentral- und Ostalpen bildet sie gemeinsam mit der Zirbe oft die Baumgrenze. Ganz umsonst ist das Modell allerdings nicht: Jedes Frühjahr muss sie frische, hellgrüne Nadeln bilden. Außerdem braucht sie viel Licht und kommt deshalb außerhalb des Gebirges gegen andere Baumarten eher schlecht an.
Von den Alpen nach ganz Deutschland Als die römischen Legionen in die Alpen vorstießen, trafen sie der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zufolge im Herbst auf Berghänge, die golden leuchteten. Das Wort „Larix“ stammt laut derselben Quelle von den Galliern, die Römer übernahmen es. Der Gelehrte Plinius bezeichnete den Baum laut einem Text des Naturforschers E. A. Roßmäßler von 1863 als „arbor hieme tristis“, als im Winter trauernden Baum.
Von Natur aus wächst die Lärche in Deutschland nur in den bayerischen Alpen, größere Bestände gibt es dort im Berchtesgadener und Werdenfelser Land. Seit dem 16. Jahrhundert wird sie aber gezielt angebaut und steht heute bundesweit in den Wäldern. Der Bundeswaldinventur 2022 zufolge wachsen Lärchen, Europäische und Japanische zusammengerechnet, auf rund 314.000 Hektar. Das sind knapp drei Prozent der dort erfassten Waldfläche. In Österreich, wo sie zum Baum des Jahres 2026 gekürt wurde, ist ihr Anteil höher; hierzulande trug sie den Titel 2012.
Alt werden kann sie obendrein: Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald nennt bis zu 600, selten 800 Jahre, die bayerische Landesanstalt nachgewiesene Höchstalter von 850 und 980 Jahren. Das für Wald zuständige österreichische Ministerium hält sogar mehr als 1.000 Jahre für möglich.
So erkennst du sie beim nächsten Waldspaziergang Am einfachsten verrät sie sich jetzt durch die Farbe: eine goldene Krone mitten im Nadelwald. Aus der Nähe helfen die Nadeln weiter. Sie sind sehr weich und stehen an den kurzen Seitentrieben in dichten Büscheln mit bis zu 50 Nadeln, an den langen Trieben dagegen einzeln. Vorsicht beim Verwechseln: Auch die aus Japan stammende Japanische Lärche wird bei uns angepflanzt und ist ebenfalls sommergrün, heimisch ist sie aber nicht.
Und wenn du im Januar vor einem völlig kahlen Nadelbaum stehst, muss das kein schlechtes Zeichen sein. Plinius mag ihn für traurig gehalten haben. Tatsächlich hat er seine Vorräte längst in Sicherheit gebracht und wartet aufs Frühjahr, um wieder hellgrün auszutreiben.
Themen: Lärche, Herbst, Nadelbäume, Wald, Naturwissen, Alpen, Baumarten
Der Nadelbaum, der Gold trägt: Warum Lärchen im Herbst ihre Nadeln abwerfen