Glück | Achtsamkeit | Dankbarkeit
Das Geheimnis eines guten Lebens – seit 1938 erforscht
Mehr Geld, mehr Erfolg, endlich das große Ziel erreichen – und dann wird alles gut? Seit 1938 begleitet eine außergewöhnliche Harvard-Studie Menschen durch ihr Leben. Ihre vielleicht wichtigste Erkenntnis liegt erstaunlich nah an unserem Alltag.
Von Denise ·
Was brauchen Menschen wirklich für ein gutes Leben? Vielleicht kennen wir diesen Gedanken: Wenn erst die nächste Gehaltserhöhung kommt, das große Projekt gelingt oder endlich mehr Zeit da ist – dann wird das Leben richtig gut.
Das Problem ist nur: Kaum ist ein Ziel erreicht, steht meistens schon das nächste vor der Tür.
Seit 1938 versucht eine außergewöhnliche wissenschaftliche Untersuchung herauszufinden, was ein gelungenes Leben tatsächlich ausmacht. Die Harvard Study of Adult Development begleitet Menschen über Jahrzehnte hinweg – durch Beruf, Partnerschaften, Krisen, Krankheiten, Erfolge und das Älterwerden. Sie zählt damit zu den längsten Langzeitstudien über das Erwachsenenleben.
Eine überraschend menschliche Antwort Die ursprüngliche Untersuchung begann mit 724 jungen Männern: 268 Harvard-Studenten und 456 Männern aus Bostoner Arbeiterfamilien. Forschende sammelten über Jahrzehnte medizinische Daten, führten Interviews und ließen die Teilnehmer regelmäßig über Gesundheit, Arbeit und Beziehungen berichten. Später wurde die Forschung auf weitere Familienmitglieder und Nachkommen ausgeweitet.
Dabei tauchte eine Erkenntnis immer wieder auf: Menschen mit tragfähigen, zufriedenstellenden Beziehungen schnitten beim Wohlbefinden und bei verschiedenen Gesundheitsmaßen häufig besser ab.
Besonders bekannt wurde eine Auswertung, nach der die Zufriedenheit mit Beziehungen um das 50. Lebensjahr eng damit verbunden war, wie gesund Teilnehmer Jahrzehnte später waren.
Das Überraschende daran: Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen im Handy gespeichert zu haben.
Entscheidend scheint stärker die Qualität sozialer Beziehungen zu sein – also das Gefühl, jemanden zu haben, auf den Verlass ist. Robert Waldinger, heutiger Leiter der Studie, beschreibt soziale Beziehungen deshalb gern ähnlich wie körperliche Fitness: Auch sie brauchen gelegentlich Pflege.
Freunde sind trotzdem keine Medizin auf Rezept Die Harvard-Studie ist eine Beobachtungsstudie. Menschen mit guten Beziehungen unterscheiden sich möglicherweise auch in anderen Punkten – etwa Lebensstil, Stress, Einkommen oder Gesundheitsverhalten.
Doch die Harvard-Ergebnisse stehen nicht allein. Eine große Meta-Analyse von Julianne Holt-Lunstad und Kollegen fand über zahlreiche Studien hinweg ebenfalls einen deutlichen Zusammenhang zwischen stärkeren sozialen Beziehungen und Überleben. Neuere internationale Langzeitdaten verbinden soziale Verbundenheit zudem mit verschiedenen Aspekten gesunden Alterns.
Vielleicht ist das gute Leben näher als gedacht Das Schöne an dieser Forschung ist deshalb nicht, dass sie Geld, Karriere oder Gesundheit für unwichtig erklärt. Ein sicheres Einkommen, sinnvolle Arbeit, Bewegung und körperliche Gesundheit spielen selbstverständlich eine Rolle.
Sie erinnert nur an etwas, das zwischen Terminen erstaunlich leicht verloren geht: Ein gutes Leben findet nicht ausschließlich auf Kontoständen, Karriereleitern oder To-do-Listen statt.
Manchmal sitzt ein Teil davon schon gegenüber am Küchentisch. Oder wartet als Name im Telefon, den man eigentlich längst wieder einmal anrufen wollte.
Und vielleicht ist genau das der freundlichste Befund einer Studie, die fast ein ganzes Menschenleben lang hinschaut: Für manches, was unser Leben wertvoller macht, müssen wir gar nicht erst erfolgreicher werden. Wir müssen einander nur wieder etwas mehr Zeit geben.