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Dänemarks Klassenzimmer: Warum Zuhören wieder mehr Raum bekommt
Kopenhagen hat 2026 beschlossen, künftig rund 30 Unterrichtseinheiten pro Jahr für die „Klassens Tid“ vorzusehen. Kinder sollen dabei Gemeinschaft und Konfliktlösung üben. Die Forschung zeigt Chancen sozialen Lernens – auch wenn langfristige Berufseffekte noch nicht belegt sind.
Von Madalina ·
Stell dir eine Schulstunde vor, in der nicht die richtige Antwort zählt, sondern die Fähigkeit, anderen zuzuhören. In der Kinder über Streit auf dem Pausenhof sprechen können, über Freundschaft, Ausgrenzung oder darüber, was sie gerade beschäftigt. Keine Klassenarbeit, keine Vokabeln, kein Leistungsdruck. Stattdessen eine Frage, die im Schulalltag manchmal zu kurz kommt: Wie gehen wir eigentlich miteinander um?
In Dänemark hat diese Idee einen Namen: „Klassens Tid“ – die Zeit der Klasse. Sie gehört seit Langem zur dänischen Schulkultur. Und gerade erlebt sie eine bemerkenswerte politische Aufwertung.
Im August 2026 beschloss der Kinder- und Jugendausschuss der Stadt Kopenhagen, künftig rund 30 Unterrichtseinheiten pro Schuljahr für die gemeinsame Klassenzeit zu reservieren. Ein regelmäßiger Raum für Gemeinschaft, Gespräche und Mitbestimmung soll damit verlässlicher werden.
Eine Schulstunde, in der das Miteinander zählt Was auf den ersten Blick wie eine zusätzliche Gesprächsrunde wirkt, beschäftigt sich mit Fähigkeiten, die Menschen ein Leben lang benötigen.
Wer kann einen Konflikt lösen, ohne dass jemand sein Gesicht verliert? Wie lässt sich erkennen, dass es einem Mitschüler schlecht geht? Und wie kann eine Gruppe gemeinsam Entscheidungen treffen, obwohl nicht alle derselben Meinung sind?
Solche Fragen passen zum Konzept der „Klassens Tid“. Nach Angaben des dänischen Bildungsministeriums soll diese Zeit die sozialen Beziehungen, das Zusammenleben, die Zusammenarbeit und die persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler fördern. Auch Aktivitäten der Schülervertretung können dazugehören.
Eine wichtige Unterscheidung gibt es allerdings: Anders als häufig in sozialen Netzwerken behauptet, existiert in Dänemark kein landesweit eigenständiges Pflichtfach namens „Empathie“. Die Klassenzeit ist vielmehr ein pädagogischer Bestandteil des Schulalltags. Traditionell wird dafür ungefähr eine Unterrichtseinheit pro Woche vorgesehen, doch die konkrete Umsetzung kann von Schule zu Schule unterschiedlich aussehen.
Die grundlegende Idee bleibt: Gemeinschaft entsteht nicht allein dadurch, dass Kinder täglich im selben Klassenzimmer sitzen. Sie braucht Gelegenheiten, miteinander zu reden, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und Verantwortung zu übernehmen.
Warum Kopenhagen 2026 wieder stärker darauf setzt Besonders interessant ist, dass die dänische Hauptstadt diesem Thema jetzt erneut Aufmerksamkeit widmet.
Im April 2026 brachten mehrere Parteien gemeinsam einen Vorschlag ein, um die regelmäßige Klassenstunde an den öffentlichen Schulen Kopenhagens wieder verbindlicher zu verankern.
Am 12. August fiel eine konkrete Entscheidung: Mit zehn gegen eine Stimme verabschiedete der zuständige Ausschuss ein Modell, nach dem Schulen künftig ungefähr 30 Unterrichtseinheiten jährlich aus ihrem bestehenden Zeitbudget für „Klassens Tid“ reservieren sollen. Die genaue inhaltliche Gestaltung bleibt weiterhin den Schulen überlassen.
Als möglicher Beginn der verbindlichen Umsetzung wird das Schuljahr 2027/28 genannt. Die Entscheidung bedeutet also nicht, dass bereits jede Kopenhagener Schule eine neue wöchentliche Stunde eingeführt hat.
Bemerkenswert ist auch, wer sich in die Diskussion eingebracht hat: Schülervertretungen, Jugendorganisationen, Lehrkräfte, Schulleitungen und Elternvertretungen. Besonders vonseiten der jungen Menschen wurde hervorgehoben, dass die Klassenzeit Gemeinschaft, Mitbestimmung und demokratische Beteiligung fördern könne.
Die Botschaft dahinter: Kinder sollen nicht nur lernen, wie Demokratie funktioniert. Sie sollen auch erleben können, wie gemeinsames Entscheiden im Alltag aussieht.
Was die Wissenschaft über Empathie und soziales Lernen weiß Dass soziale Fähigkeiten im Unterricht gefördert werden können, ist mehr als eine sympathische pädagogische Vorstellung.
Eine große internationale Metaanalyse unter Leitung von Christina Cipriano, veröffentlicht 2023 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Child Development , untersuchte 424 Studien aus 53 Ländern. Insgesamt flossen Daten von 575.361 Schülerinnen und Schülern ein.
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