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Cybermobbing: Was Jugendliche wirklich schützt – und wo es sofort Hilfe gibt
Mehr als jeder fünfte Schüler ist von Cybermobbing betroffen. Doch Prävention wirkt nachweislich – und Hilfe ist nur einen Anruf entfernt.
Von Ulrike ·
Die Zahlen sind ernst, und sie sollen hier auch nicht kleingeredet werden: 20,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler zwischen 7 und 20 Jahren in Deutschland sind nach eigenen Angaben von Cybermobbing betroffen. Das zeigt die Studie „Cyberlife VI“ des Bündnisses gegen Cybermobbing, die am 13. Oktober 2026 vorgestellt wurde. Hochgerechnet sind das rund 2,4 Millionen junge Menschen. 2024 lag der Anteil noch bei 18,5 Prozent, 2017 bei 12,7 Prozent.
Und doch steckt in dieser Studie auch eine ermutigende Botschaft: Schulen, die gezielt vorbeugen, verzeichnen nach Angaben des Bündnisses deutlich weniger Fälle. Cybermobbing ist kein Naturereignis. Man kann etwas dagegen tun – und es gibt erprobte Wege, Anlaufstellen und ganz praktische Schritte, die sofort helfen.
Wo das Mobbing passiert – und wer dahintersteckt Befragt wurden für die Studie online 4.525 Schülerinnen und Schüler, 1.113 Eltern und 716 Lehrkräfte. Ein Befund überrascht viele Erwachsene: Die Angriffe kommen selten von anonymen Fremden. Mehr als zwei Drittel der Betroffenen kennen die Täter, häufig aus der eigenen Schule oder sogar der eigenen Klasse. Über 90 Prozent der Vorfälle spielen sich im Schulumfeld ab.
Typisch sind Beleidigungen, Lügen und Gerüchte, peinliche Bilder, aber auch Erpressung und Drohungen. Ausgetragen wird das vor allem über WhatsApp, TikTok, Snapchat, Instagram, Gaming-Plattformen und Chatrooms. Neu ist die Rolle künstlicher Intelligenz: Laut Studie wird KI schon im Schulalter genutzt, um Bilder, Videos und Sprachaufnahmen zu manipulieren oder zu fälschen.
Wie schwer das wiegt, zeigen die Folgen. Betroffene berichten von Angst, Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Rückzug und schlechteren Noten. Jeder vierte Betroffene hatte nach eigenen Angaben schon Suizidgedanken, 17 Prozent griffen aus Verzweiflung zu Alkohol, Tabletten oder Drogen. „Cybermobbing ist ein Dauerproblem und nimmt weiter zu“, sagt Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses.
Die gute Nachricht: Prävention wirkt Dass Vorbeugen mehr ist als ein frommer Wunsch, lässt sich wissenschaftlich belegen. Ein untersuchtes Beispiel aus Deutschland ist das Schulprogramm „Medienhelden“. Es richtet sich an die Klassen 7 bis 9 und bezieht Lehrkräfte und Eltern mit ein. In der Langfassung arbeiten die Klassen zehn Wochen lang in wöchentlichen Einheiten von 90 Minuten, daneben gibt es eine kompakte Version an einem Projekttag. Die Jugendlichen üben Empathie, Selbstschutz im Netz und soziale Kompetenzen – und geben ihr Wissen selbst an Mitschüler und Eltern weiter.
Eine 2013 in der Fachzeitschrift „Prevention Science“ erschienene Studie mit 593 Schülerinnen und Schülern aus 35 Klassen zeigte: In den Klassen, die das Programm durchliefen, ging das Cybermobbing im Vergleich zu Kontrollklassen zurück. Die Klassen sollten dafür per Zufall der einen oder anderen Gruppe zugeteilt werden. Laut dem Europäischen Netzwerk für Kriminalprävention (EUCPN) wurde das Programm in Deutschland eingesetzt und auch in weiteren europäischen Ländern wie Österreich sowie in Südamerika eingeführt.
Das Bündnis gegen Cybermobbing fordert, Prävention auszubauen und schon in der Grundschule zu beginnen – etwa mit einem „Internet-Führerschein“ in der dritten Klasse, besseren Fortbildungen für Lehrkräfte und mehr Unterstützung für Eltern.
Was Betroffene sofort tun können Die Initiative klicksafe, die für mehr Sicherheit im Netz wirbt, empfiehlt bei Cybermobbing einige einfache Schritte:
Nicht sofort zurückschreiben – Antworten heizen den Streit oft nur an. Beweise sichern: Screenshots machen, Nachrichten speichern. Täter blockieren – in Messengern und anderen Diensten. Beleidigende Inhalte direkt bei der Plattform oder bei offiziellen Meldestellen melden. Verbündete suchen: Freundinnen, Freunde und erwachsene Vertrauenspersonen einweihen. In schweren Fällen Anzeige bei der Polizei erstatten. Was Eltern und Schulen tun können Für Erwachsene gilt vor allem eines: das Kind ernst nehmen. klicksafe nennt das die erste Regel im Umgang mit Mobbing. Danach heißt es, Ruhe bewahren, gemeinsam nach Lösungen suchen und, wenn nötig, eine Beratungsstelle einbeziehen. Fällt das Mobbing ins Schulumfeld, sollte es – in Absprache mit dem Kind – der Vertrauenslehrkraft, der Klassenlehrkraft oder der Schulleitung gemeldet werden. klicksafe rät außerdem, nicht vorschnell mit den Eltern mutmaßlicher Täter zu sprechen; besser vermittelt eine weniger beteiligte Person.
Und wenn sich herausstellt, dass das eigene Kind mitgemacht hat? Dann hilft ein offenes Gespräch ohne Vorverurteilung: nach den Gründen fragen, die Folgen deutlich machen, das Mobbing sofort beenden lassen – und gemeinsam überlegen, wie sich die Lage wieder bereinigen lässt, etwa durch eine Entschuldigung oder das Löschen von Beiträgen.
Hier gibt es Hilfe Niemand muss damit allein bleiben. Das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer ist unter 116 111 kostenlos und anonym erreichbar, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr. Samstags beraten dort Jugendliche andere Jugendliche. Wer lieber schreibt, nutzt die Online-Beratung per Nachricht oder Chat. Eltern finden Rat beim Elterntelefon unter 0800 111 0550.
Bei JUUUPORT helfen junge Menschen anderen jungen Menschen online – vertraulich und kostenlos, unter anderem bei Cybermobbing, Sextortion und Cybergrooming. Dazu kommen die Beratungsangebote der bke für Jugendliche und Eltern sowie die „Cybermobbing Erste-Hilfe App“ von klicksafe.
Wer an Suizid denkt oder sich um jemanden sorgt, erreicht die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Die Zahlen aus der neuen Studie zeigen, wie groß die Aufgabe ist. Aber sie zeigen auch, wo der Hebel liegt: in Klassenzimmern, die früh darüber reden, bei Eltern, die zuhören – und bei Jugendlichen, die wissen, dass Hilfe nur einen Anruf oder eine Nachricht entfernt ist.
Themen: Cybermobbing, Prävention, Hilfe bei Cybermobbing, Jugendliche, Medienkompetenz, Online-Sicherheit, Schutz vor Cybermobbing
Cybermobbing: Was Jugendliche wirklich schützt – und wo es sofort Hilfe gibt