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Comfort-Viewing: Warum alte Lieblingsfilme an grauen Tagen guttun können
Früh dunkel, draußen grau – und auf dem Sofa läuft der Film, dessen Ende man längst kennt. Studien aus mehreren Ländern deuten darauf hin: Das Wiedersehen mit Vertrautem kann entlasten, Erinnerungen wecken und verbinden. Die Studienlage ist allerdings noch überschaubar.
Von Max ·
Seit der Zeitumstellung ist es am späten Nachmittag schon dunkel, der Herbst zeigt sich von seiner grauen Seite. Genau die richtige Zeit für einen Sofaabend – vielleicht nicht mit etwas Neuem, sondern mit einem Film, den man fast mitsprechen kann. Man kann das Comfort-Viewing nennen, also Schauen, das tröstet. Ist das nur Bequemlichkeit? Erste Studien sehen darin mehr.
Wiederholung mit Methode Die Marketingforscherin Cristel Antonia Russell und ihr Kollege Sidney J. Levy haben sich das Phänomen genauer angesehen. Für ihre im Journal of Consumer Research erschienene Studie führten sie Interviews mit Menschen in Neuseeland und den USA: über Bücher, die sie erneut lesen, Filme, die sie wieder anschauen, und Orte, an die sie zurückkehren. Die beiden sprechen von „reconsumption“, also Wiederkonsum.
Ihr Befund: Das Wiederholen hat mehrere Reize. Der Ausgang ist garantiert, das Erleben kann durch die Wiederholung sogar intensiver werden, und beim zweiten oder zehnten Mal entdeckt man feine Details, die beim ersten Mal untergingen. Die Forschenden unterscheiden fünf Funktionen solcher Wiederholungen – vom Zurückkehren in eine frühere Zeit über das Teilen mit anderen bis zum Nachdenken über sich selbst. Die Gründe seien „far more complex than simply nostalgia“, also weit vielschichtiger als bloße Nostalgie, sagt Russell.
Ein Gedanke aus der Studie passt gut zu grauen Tagen: Wer einen vertrauten Film wählt, weiß ziemlich genau, welches Gefühl er bekommt. Die Autoren sprechen sinngemäß von emotionaler Effizienz. Und weil man denselben Film in verschiedenen Lebensphasen sieht, kann er nebenbei zu einem Spiegel werden: Man merkt, wie sich der eigene Blick verändert hat.
Vertraute Figuren als Gesellschaft Eine zweite Spur legte die Forscherin Jaye Derrick vom Research Institute on Addictions der University at Buffalo. In zwei Studien, die die Universität vorstellte, ging es um die Frage, ob Lieblingsserien Menschen nach anstrengenden Aufgaben wieder Kraft geben. Im ersten Versuch schrieben Teilnehmende nach einer fordernden oder einer leichteren Aufgabe entweder über ihre Lieblingsserie oder listeten Gegenstände in ihrem Zimmer auf. Nach der anstrengenden Aufgabe schrieben sie länger über ihre Serie – und das Schreiben darüber verbesserte danach ihre Leistung bei einem schwierigen Rätsel.
In einer Tagebuchstudie zeigte sich ein ähnliches Muster im Alltag: Nach anstrengenden Tagen griffen die Teilnehmenden eher zu Wiederholungen von Lieblingsserien, Lieblingsfilmen oder Lieblingsbüchern und fühlten sich danach wieder energiegeladener. Derrick erklärt das mit einer Art Ersatz-Gesellschaft: Die vertrauten Figuren sind da, man muss nichts steuern, und Zurückweisung droht auch nicht.
Wichtig ist eine Einschränkung, die Derrick selbst betont. Der Effekt galt nur für vertraute Favoriten. „Just watching whatever is on television does not provide the same benefit“ – irgendetwas zu schauen, bringe also nicht denselben Nutzen. Auch eine neue, noch unbekannte Folge der Lieblingsserie wirkte nicht so.
Ein ehrlicher Blick auf die Studienlage Derricks Deutung baut auf der Annahme auf, Willenskraft sei ein begrenzter Vorrat, der sich bei Anstrengung leert. Genau dieses Modell ist in der Psychologie umstritten: Eine große Wiederholungsstudie mit 23 Laboren und 2.141 Teilnehmenden fand für den Grundeffekt nur ein Ergebnis, das statistisch nicht von null zu unterscheiden war. Das widerlegt Derricks Beobachtungen nicht, mahnt aber zur Vorsicht bei der Erklärung.
Auch sonst ist das Feld überschaubar. Ein Forschungsteam aus China, das eine Online-Befragung von 645 Menschen veröffentlichte, die Filme oder Serien erneut angeschaut hatten, hält fest, Studien zum wiederholten Schauen seien selten. In ihrer Befragung hing die Absicht, etwas noch einmal zu schauen, mit Nostalgie und dem Gefühl sozialer Verbundenheit zusammen. Weil die Daten aus einer einzigen Befragung stammen, lässt sich daraus aber nicht ablesen, was Ursache und was Wirkung ist.
Nostalgie: mehr als Sehnsucht nach früher Damit ist man bei der Nostalgie. Der Psychologe Constantine Sedikides und sein Kollege Tim Wildschut von der University of Southampton erforschen dieses Gefühl. In mehreren Experimenten mit Teilnehmenden aus den USA, Großbritannien und China weckten sie nostalgische Gefühle, etwa durch Erinnerungen oder sentimentale Liedtexte. Das Ergebnis, in der Fachzeitschrift Emotion beschrieben: Nostalgie stärkte das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein. Das wiederum ließ Menschen ihr Leben stärker als zusammenhängend erleben – und ging mit mehr Lebendigkeit und Tatkraft einher. Wildschut beschreibt Nostalgie als eine Art psychologische Immunreaktion auf kleine Alltagsprobleme.
Dass gerade vertraute Filme und Serien solche Gefühle auslösen, hat ein Team um die Medienforschenden Tim Wulf, James A. Bonus und Diana Rieger untersucht. Rieger hat heute den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. In ihrer veröffentlichten Arbeit lösten vertraute Kinderserien bei Erwachsenen nostalgische Reaktionen aus – anders als unbekannte Kinderserien. Was solche nostalgischen Momente laut der Studie von anderen Unterhaltungserlebnissen unterschied: das Nachdenken über das eigene frühere Ich und darüber, wie man sich über die Jahre entwickelt hat.
Also: Sofa erlaubt Zusammengenommen ergibt sich ein freundliches Bild. Der alte Lieblingsfilm muss keine Flucht aus Mangel an Neugier sein, sondern kann eine bewusste Wahl sein: für ein verlässliches Gefühl, für ein Wiedersehen mit vertrauten Figuren und für eine kleine Reise zu sich selbst. Wie stark diese Effekte wirklich sind, muss die Forschung noch genauer klären – bislang gibt es nur wenige Studien, und manche Erklärungen sind umstritten.
Und noch ein Hinweis für die dunkle Jahreszeit: Ein kleines Stimmungstief in den dunklen Monaten ist verbreitet. Halten gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit aber länger als zwei Wochen an, ist es sinnvoll, ärztlichen Rat einzuholen – das kann ein Hinweis auf eine Depression sein.
Themen: Comfort-Viewing, Lieblingsfilme, Nostalgie, Wohlbefinden, Wiederkonsum, Psychologie, gute Nachrichten
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