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Clever geblinzelt: Warum wir beim schnellen Kopfdrehen gern kurz die Augen schließen
Über 38.000 Lidschläge zeigen: Wir blinzeln bevorzugt, wenn der Blick beim schnellen Kopfdrehen ohnehin verschwimmt.
Von Tobias ·
Rund 15-mal pro Minute klappen unsere Lider zu, jedes Mal ist das Sehen für fast eine Drittelsekunde unterbrochen. Schätzungen zufolge sind die Augen so bis zu zehn Prozent der wachen Zeit geschlossen. Und doch fällt uns davon kaum etwas auf, die Welt läuft für uns ohne Filmriss weiter.
Das liegt womöglich auch an einem unauffälligen Trick, den Forschende aus Gießen und den USA nun genauer beschrieben haben: Wir legen diese Mini-Pausen offenbar bevorzugt dorthin, wo sie am wenigsten kosten. Nämlich in die Momente, in denen wir den Kopf schnell drehen.
Wie eine schnell geschwenkte Kamera Wer schon einmal ein Video gefilmt und das Handy dabei rasch herumgerissen hat, kennt das Ergebnis: Das Bild verwischt. Ähnlich geht es dem Auge. Dreht sich der Kopf schnell zu etwas Neuem, rutscht das Bild über die Netzhaut und wird unscharf. Viel verlässliche Information kommt in diesem Augenblick also ohnehin nicht an.
Blinzeln müssen wir trotzdem regelmäßig, denn der Lidschlag befeuchtet die Augenoberfläche. Warum also nicht beides zusammenlegen? Genau das scheint unser Körper zu tun. „Diese Koordination von Blinzeln und Kopfbewegungen ist eine clevere Strategie“, sagt der Psychologe Alexander Göttker von der Justus-Liebig-Universität Gießen, Erstautor der Studie. Zwei Unterbrechungen beim Sehen werden so zu einer gebündelt.
Bausteine, Buntstifte und 38.000 Lidschläge Für die Untersuchung arbeitete Göttker mit Mary Hayhoe von der University of Texas at Austin zusammen. Mehr als 80 Versuchspersonen bekamen zwei alltagsnahe Aufgaben: Mit Bausteinen sollten sie Modelle nachbauen, mit Buntstiften Bildvorlagen kopieren. Das Besondere daran ist die Freiheit. Kopf und Augen durften sich beliebig bewegen, das Tempo bestimmte jede Person selbst. In vielen Laborversuchen müssen Teilnehmende den Kopf dagegen ruhig halten, wodurch sich das Zusammenspiel von Lidern, Augen und Kopf kaum beobachten lässt.
Aufgezeichnet wurde alles mit mobiler Technik, laut der Vorabfassung der Arbeit mit einer Blickerfassungsbrille. Am Ende standen mehr als 38.000 spontane Lidschläge in den Daten. Das Muster darin ist deutlich:
Je schneller der Kopf, desto eher ein Blinzeln. Mit dem Tempo der Bewegung stieg auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Lider zugingen. Erst warten, dann blinzeln. Kurz bevor sich der Kopf in Bewegung setzte, gingen die Lider seltener zu, in der Bewegung selbst dann öfter. Das Team deutet das so, dass der Lidschlag kurz aufgeschoben wird. Die Vorabfassung beziffert den Beginn dieses Rückgangs auf einige Hundert Millisekunden vor der Bewegung. Wer viel blinzelt, stimmt es enger ab. Teilnehmende mit ohnehin hoher Blinzelrate legten Lidschlag und Kopfbewegung enger zusammen. Zum Vergleich: Die Kopfbewegungen dauerten laut Vorabfassung im Schnitt 550 Millisekunden, ein Lidschlag unterbricht das Sehen für knapp eine Drittelsekunde.
Nicht ganz neu, aber neu beleuchtet Dass Lider und Blick zusammenarbeiten, ist keine völlig frische Erkenntnis. Bereits 1994 beschrieb ein Team um Craig Evinger, dass der Lidschlussmuskel bei 97 Prozent der großen Blickwechsel über 33 Grad aktiv war. Und eine Studie der TU Darmstadt zeigte 2018, dass Menschen unbewusst seltener blinzeln, wenn sie am Bildschirm gleich ein wichtiges Ereignis erwarten. Die neue Arbeit ergänzt dieses Bild um freies Verhalten bei praktischen Tätigkeiten.
Was die Studie nicht zeigt Eine eiserne Regel ist das Ganze nicht. Nicht jeder Lidschlag gehört zu einer Kopfbewegung, und viele Kopfbewegungen kommen ganz ohne Blinzeln aus. Erfasst wurde zudem das Verhalten, nicht die Sehleistung: Dass die Bündelung dem Sehen tatsächlich hilft, ist bislang eine Deutung des Teams, kein direkt gemessener Effekt. Auch die Stichprobe ist überschaubar. Laut Vorabfassung waren es 81 Personen im Durchschnittsalter von 25,5 Jahren, und getestet wurden nur zwei Aufgaben.
Die Studie erschien am 22. Oktober online im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Eine Vorabfassung war bereits im Juli öffentlich.
Für den Alltag heißt das: Üben muss niemand etwas. Wer das nächste Mal den Kopf zur Seite wendet, darf einfach darauf vertrauen, dass die Lider ihren Einsatz recht gut gewählt haben. Bemerken wird man es vermutlich ohnehin nicht.
Themen: Blinzeln, Sehen, Wahrnehmung, Kopfbewegung, Psychologie, Studie, Universität Gießen, Alltagswissen
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