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Braunes Laub im Winter: Warum manche Bäume ihre Blätter festhalten
Während der Wald kahl wird, tragen junge Buchen und Eichen ihr trockenes Laub oft bis ins Frühjahr. Das Phänomen heißt Marzeszenz – und botanische Gärten auf drei Kontinenten erforschen gerade, wozu es gut sein könnte.
Von Andre ·
Anfang November liegt im Wald schon viel Laub am Boden: Es raschelt unter den Schuhen, die Kronen werden licht. Doch wer genau hinschaut, entdeckt Ausreißer. Kleine Buchen im Unterholz leuchten kupferbraun, junge Eichen tragen ihr welkes Laub, als hätten sie den Herbst verpasst. Viele dieser Blätter bleiben den ganzen Winter hängen.
Für dieses Verhalten gibt es einen Fachbegriff: Marzeszenz. Das Wort geht auf das lateinische „marcescere“ zurück, was so viel wie welken oder verblassen bedeutet. Gemeint ist, dass abgestorbene Pflanzenteile wie Blätter nicht abfallen, sondern über den Winter an der Pflanze bleiben. Besonders gut lässt sich das bei Buchen und Eichen beobachten, auch Hainbuchen zeigen es.
Wenn die Trennschicht nicht fertig wird Damit ein Blatt im Herbst fällt, bildet der Baum am Blattstiel eine Trennschicht. Diese kappt die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen, irgendwann löst sich das Blatt. Bei marzeszenten Bäumen bildet sich diese Schicht nur verzögert oder unvollständig, wie die Universität von Illinois erklärt. Das Blatt stirbt zwar ab, bleibt aber am Zweig hängen.
Oft löst es sich erst im Frühjahr, wenn die austreibenden Knospen die alten Blätter vom Zweig schieben. Das hat schon Märchenerzähler beschäftigt: In „Der Teufel und die Eiche“ verspricht ein armer Knecht dem Teufel seine Seele – fällig erst, wenn die Eiche kahl ist. Doch ihr welkes Laub hält den Winter über, und im Frühling ist schon das neue da.
Vor allem die Jungen halten fest Auffällig ist, wer betroffen ist. Junge, kleine Bäume behalten ihr Laub eher als alte, große. Bei älteren Bäumen hängt es meist nur noch an den unteren Ästen, während die Krone längst kahl ist. Genau dieses Muster bringt Forschende ins Grübeln: Warum sollte gerade der Nachwuchs am alten Laub festhalten?
Was die Forschung vermutet Eine abschließende Antwort gibt es bisher nicht. Die Universität von Illinois schreibt, die Antwort sei weiterhin unklar („remains unclear“), vermutlich wirkten viele Faktoren zusammen. Im Gespräch sind mehrere Erklärungen, die alle als Hypothesen gelten:
Schutz vor Verbiss: Das trockene, wenig schmackhafte Laub könnte die nahrhaften Knospen verdecken, die etwa Rehe gern fressen. Auch das Rascheln könnte Tiere abschrecken. Nährstoffe zur rechten Zeit: Fällt das Laub erst im Frühjahr, zersetzt es sich, wenn der Baum gerade wächst. Laub vom Herbst könnte dagegen über den Winter ausgewaschen werden. Schutz vor Kälte und Schnee: Die Blätter könnten die Knospen gegen Frost, Schnee und austrocknende Winde abschirmen. Ein Überbleibsel: Möglich ist auch, dass Marzeszenz gar keine Funktion hat und ein Rest aus der Evolutionsgeschichte ist. Ganz ohne Nachteil ist das Festhalten übrigens nicht. Belaubte Zweige bieten Wind, Schnee und Eis mehr Angriffsfläche, wodurch eher Äste brechen können.
Forschung mit Beteiligung aus Deutschland Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben sich botanische Gärten zusammengetan. Ein internationales Projekt unter Leitung des Missouri Botanical Garden in den USA vereint 18 Gärten in Europa, Asien und Nordamerika. Aus Deutschland sind nach Angaben des Botanischen Gartens Hamburg neben Hamburg auch Gärten in Berlin, München, Jena und Halle dabei. Im Hamburger Loki-Schmidt-Garten wurden im Winter alle Gehölze untersucht: wie viel Laub sie im Januar noch trugen und in welcher Höhe die vertrockneten Blätter hingen. Die Daten zu den Gehölzen sind ausgewertet und werden für eine internationale Veröffentlichung aufbereitet.
Tipp für den nächsten Spaziergang Jetzt im Spätherbst lässt sich Marzeszenz gut selbst entdecken – gerade weil die meisten Bäume ihr Laub abgeworfen haben und die Ausreißer herausstechen. Achte auf junge Buchen und Eichen im Unterholz und auf die unteren Äste älterer Bäume. Wer im Januar noch einmal an denselben Ort kommt, kann vergleichen, wie viel Laub hängen geblieben ist. Und im Frühjahr lohnt ein dritter Besuch: Dann zeigt sich, wie die frischen Knospen das alte Laub schließlich vom Zweig schieben.
Themen: Marzeszenz, Buche, Eiche, Hainbuche, Herbstlaub, Wald im Winter, Botanik
Braunes Laub im Winter: Warum manche Bäume ihre Blätter festhalten