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Brasiliens Buckelwale: Bestand wächst auf rund 35.000 Tiere
Vor vier Jahrzehnten waren Buckelwale an Brasiliens Küste eine Seltenheit. Heute ziehen schätzungsweise 35.000 Tiere durch die Gewässer des Landes. Ihre Rückkehr zeigt, was langfristiger Artenschutz bewirken kann – und wie Forschung und verantwortungsvoller Naturtourismus gemeinsam neue Perspektiven für Küstenregionen schaffen.
Von Max ·
An der Küste von Rio de Janeiro genügt inzwischen manchmal ein Blick hinaus auf den Atlantik: Eine dunkle Rückenlinie durchbricht das Wasser, eine Atemwolke steigt über der Oberfläche auf – und wenig später verschwindet eine gewaltige Schwanzflosse im Meer.
Was heute selbst in der Guanabara-Bucht wieder beobachtet werden kann, wäre vor vier Jahrzehnten noch eine außergewöhnliche Begegnung gewesen. Damals zogen nur schätzungsweise 2.000 Buckelwale entlang der brasilianischen Küste. Inzwischen geht das brasilianische Projeto Baleia Jubarte von rund 35.000 Tieren aus. Ein Luftzensus aus dem Jahr 2023 bestätigte damit eine der eindrucksvollsten Erholungen einer großen Meeressäugerpopulation.
Von wenigen Hundert Tieren zurück zu Zehntausenden Das Comeback wirkt noch bemerkenswerter, wenn man weiter in die Vergangenheit blickt. Buckelwale wurden über Jahrzehnte wegen ihres Öls, Fleisches und anderer Rohstoffe intensiv gejagt. Besonders im frühen 20. Jahrhundert traf die industrielle Jagd die Population des westlichen Südatlantiks mit enormer Wucht.
Eine wissenschaftliche Rekonstruktion kam zu dem Ergebnis, dass vor der intensiven Ausbeutung vermutlich rund 27.000 Buckelwale zu dieser Population gehörten. Bis Mitte der 1950er-Jahre könnte ihre Zahl auf nur noch etwa 450 Tiere geschrumpft sein. Allein zwischen 1904 und 1916 wurden nach den historischen Fangdaten ungefähr 25.000 Buckelwale aus dieser Population getötet.
Die Tiere verschwanden dadurch nicht vollständig. Doch ihre Zukunft hing zeitweise an einem äußerst dünnen Faden.
Heute ist daraus eine andere Geschichte geworden: eine Geschichte darüber, wie konsequenter Schutz einer beinahe ausgelöschten Population genügend Zeit geben kann, sich erneut auszubreiten.
Entscheidend war nicht eine einzelne Maßnahme Die Rückkehr der Buckelwale lässt sich nicht auf einen einzigen Beschluss reduzieren. Sie ist das Ergebnis mehrerer Schutzmaßnahmen, die über Jahrzehnte bestehen blieben.
Bereits in den 1960er-Jahren wurden Buckelwale international stärker geschützt. 1982 beschloss die Internationale Walfangkommission, die kommerziellen Fangquoten ab der Saison 1985/86 auf null zu setzen. Das als Walfangmoratorium bekannte Regelwerk trat 1986 vollständig in Kraft und gilt weiterhin. Brasilien verbot 1987 außerdem die Jagd sowie die absichtliche Belästigung sämtlicher Wale und Delfine in seinen Gewässern.
Hinzu kamen Schutzgebiete, wissenschaftliche Beobachtung und die kontinuierliche Arbeit brasilianischer Organisationen. Das 1988 gegründete Projeto Baleia Jubarte erfasst die Tiere aus Flugzeugen und von Schiffen, identifiziert einzelne Wale anhand ihrer Schwanzflossen und untersucht ihre Wanderungen, Fortpflanzung und Gesundheit.
Der Erfolg zeigt eine oft unterschätzte Besonderheit des Naturschutzes: Politische Entscheidungen können vergleichsweise schnell getroffen werden – biologische Erholung benötigt dagegen Geduld. Buckelwale werden erst nach mehreren Jahren geschlechtsreif, bringen normalerweise nur ein Jungtier zur Welt und sind während ihrer langen Wanderungen zahlreichen Gefahren ausgesetzt.
Dass sich ihr Bestand dennoch über mehrere Jahrzehnte stark vergrößerte, spricht dafür, dass Schutz nicht nur auf dem Papier bestand, sondern lange genug wirkte.
Jedes Jahr rund 4.000 Kilometer durch den Atlantik Die Buckelwale vor Brasilien verbringen nicht ihr gesamtes Leben in tropischen Gewässern. Ihre Nahrungsgebiete liegen weit im Süden, unter anderem in den produktiven Meeresregionen rund um die Antarktis und die subantarktischen Inseln. Dort fressen sie vor allem Krill und kleine Fische.
Wenn auf der Südhalbkugel der Winter beginnt, ziehen die Tiere etwa 4.000 Kilometer in Richtung Brasilien. Zwischen ungefähr Mai und November passieren sie die Küsten des Südostens und erreichen wärmere Fortpflanzungsgebiete weiter nördlich. Besonders viele versammeln sich an der Abrolhos-Bank vor den Bundesstaaten Bahia und Espírito Santo – einer ausgedehnten Korallenregion und einem der bedeutendsten Kinderzimmer der Population.
Mit wachsendem Bestand tauchen die Wale inzwischen wieder in Regionen auf, in denen sie lange kaum zu sehen waren. Dazu gehören Teile der Küste von São Paulo sowie die Gewässer rund um Rio de Janeiro.
Ob einige dieser Gebiete künftig nicht nur Durchgangsstationen, sondern auch Ruhe-, Paarungs- oder Geburtsplätze werden könnten, wird derzeit erforscht. Eine Expedition des Projeto Baleia Jubarte untersuchte dafür im Sommer 2026 unter anderem Wanderrouten, Gesundheitszustand und Aufenthaltsorte der Tiere vor Rio.
Aus lebenden Walen entsteht eine neue Wirtschaft Die Rückkehr der Tiere verändert zugleich die wirtschaftliche Bedeutung der Wale. Früher wurden sie getötet, um kurzfristig Rohstoffe zu gewinnen. Heute können dieselben Tiere über viele Jahre hinweg Einkommen schaffen, weil Menschen sie in ihrer natürlichen Umgebung beobachten möchten.
Allein in der Region Praia do Forte in Bahia erzielten Anbieter von Walbeobachtungsfahrten 2023 nach Angaben des Projeto Baleia Jubarte Einnahmen von rund 4,5 Millionen brasilianischen Real. Weltweit soll der Walbeobachtungstourismus inzwischen etwa zwei Milliarden US-Dollar umsetzen.
Entscheidend ist dabei, wie die Begegnungen organisiert werden. Verantwortungsvolle Anbieter beschäftigen geschulte Besatzungen, halten Abstand und nehmen teilweise Biologinnen oder Biologen mit an Bord. Aus einer touristischen Fahrt kann so gleichzeitig eine Forschungsmission werden.
Während der Saison 2024 begleiteten Fachleute des Projekts mehr als 500 touristische Ausfahrten im Südosten und Nordosten Brasiliens. Dabei entstanden zahlreiche Aufnahmen, mit denen einzelne Tiere anhand der individuellen Muster und Kerben ihrer Schwanzflossen identifiziert werden konnten. Auch Fotos von Reisenden fließen in wissenschaftliche Datenbanken ein.
Ein Wal wird auf diese Weise nicht nur bestaunt. Er erhält eine wiedererkennbare Identität, kann Jahre später erneut erfasst werden und liefert Informationen über Wanderwege, Geburten oder Veränderungen seines Lebensraums.
Beobachten, ohne zu bedrängen Der wachsende Tourismus bringt allerdings Verantwortung mit sich. Brasilianische Vorschriften untersagen es motorisierten Booten, sich einem Wal mit eingelegtem Gang auf weniger als 100 Meter zu nähern. Auch das Verfolgen, Einkreisen oder Trennen von Mutter und Jungtier soll verhindert werden.
Solche Regeln sind keine Nebensache. Die Tiere kommen in die warmen Gewässer, um sich zu paaren, ihre Jungen zur Welt zu bringen und Kraft für die Rückreise zu sammeln. Ständige Annäherungen, Lärm oder unkontrollierter Schiffsverkehr können dieses Verhalten stören.
Das brasilianische Beispiel macht deshalb deutlich: Naturtourismus wird erst dann zu einer guten Nachricht, wenn der Schutz der Tiere Vorrang vor dem perfekten Foto bekommt.
Der Erfolg ist noch keine Entwarnung Global gelten Buckelwale inzwischen nicht mehr als gefährdet. Doch die Internationale Walfangkommission warnt weiterhin vor erheblichen Risiken. Dazu gehören Kollisionen mit Schiffen, das Verfangen in Fischereigeräten, Unterwasserlärm, die Verschlechterung von Lebensräumen sowie die Folgen des Klimawandels. Nicht alle Buckelwalpopulationen haben sich so deutlich erholt wie jene im westlichen Südatlantik.
Besonders die Veränderungen in der Antarktis könnten langfristig entscheidend werden. Verschieben sich durch wärmere Meere, schmelzendes Eis und veränderte Strömungen die Bestände des Krills, betrifft das auch die Nahrungsgrundlage der Wale.
Die Rückkehr an Brasiliens Küste ist daher kein abgeschlossener Triumph, sondern ein Zwischenstand. Sie zeigt, dass Populationen zurückkehren können. Zugleich erinnert sie daran, dass moderne Gefahren nicht mit dem Ende des Walfangs verschwunden sind.
Eine Erfolgsgeschichte mit weltweiter Bedeutung Brasiliens Buckelwale liefern einen seltenen Blick auf das, was möglich wird, wenn Jagdverbote, Forschung, Schutzgebiete und gesellschaftliche Unterstützung über Generationen hinweg zusammenwirken.
Die vielleicht wichtigste Botschaft liegt nicht allein in der Zahl von 35.000 Tieren. Sie liegt in der Tatsache, dass eine Population, die beinahe verloren war, wieder sichtbar geworden ist: vor Korallenriffen, entlang belebter Küsten und sogar vor einer Millionenmetropole.
Das Meer kann sich erholen. Aber es braucht dafür klare Regeln, wissenschaftliche Begleitung – und vor allem genügend Zeit.
Warum das Hoffnung macht
Die Rückkehr der Buckelwale zeigt, dass konsequenter Schutz selbst stark dezimierten Tierpopulationen eine echte Chance geben kann. Naturzerstörung ist nicht in jedem Fall unumkehrbar.
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