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Bonobos halten Händchen gegen Streit: Was wir von Menschenaffen lernen können
Bevor begehrtes Futter verteilt wird, suchen Bonobos und Schimpansen auffällig oft die Nähe ihrer Artgenossen. Eine neue Studie zeigt: Umarmungen, Berührungen und Händchenhalten könnten dabei helfen, Spannungen frühzeitig abzubauen – und friedliches Teilen zu erleichtern.
Von Silvia ·
Frieden beginnt vor dem Streit: Wie Bonobos Spannungen durch Berührung entschärfen Noch ist kein Futter zu sehen. Doch die Menschenaffen wissen bereits, dass es gleich verteilt wird – und dass nicht genug für alle vorhanden sein könnte. Die Unruhe wächst. Einige Tiere rücken näher zusammen, berühren einander, halten Hände oder legen einen Arm um den Körper ihres Gegenübers.
Was zunächst wie eine beiläufige Geste wirkt, könnte eine erstaunlich wirkungsvolle soziale Strategie sein: Bonobos und Schimpansen scheinen freundlichen Körperkontakt nicht nur nach einem Konflikt einzusetzen, sondern bereits vorher – möglicherweise, um einen Streit gar nicht erst entstehen zu lassen.
Eine im Fachjournal Proceedings of the Royal Society B veröffentlichte Untersuchung liefert dafür neue Hinweise. Tiere, die sich vor einer angespannten Fütterung häufiger berührten, verbrachten anschließend mehr Zeit friedlich nebeneinander beim Fressen.
116 Menschenaffen und eine bewusst angespannte Situation Das internationale Forschungsteam untersuchte 116 Bonobos und Schimpansen aus fünf naturnah gehaltenen Gruppen. Die Beobachtungen fanden in zwei afrikanischen Schutzstationen statt: im Lola-ya-Bonobo-Schutzgebiet in der Demokratischen Republik Kongo und beim Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust in Sambia.
In insgesamt 60 Fütterungsversuchen mit mehr als zehn Stunden Beobachtungsmaterial wurde das Futter in einem begrenzten Bereich angeboten. Dadurch entstand eine Situation, die der Konkurrenz an einem ergiebigen, aber räumlich begrenzten Obstbaum ähneln sollte.
Besonders genau analysierten die Forschenden jeweils die fünf Minuten vor der Futterausgabe: Wer berührte wen? Welche Form nahm der Kontakt an? Und wie lange konnten die Tiere anschließend gemeinsam fressen, ohne dass einzelne Gruppenmitglieder verdrängt wurden?
Das Ergebnis zeigte sich bei beiden Menschenaffenarten: Mehr freundlicher Körperkontakt vor der Fütterung ging in den meisten Gruppen mit größerer Toleranz am Futterplatz einher. Die Berührungen könnten demnach wie eine soziale Vorabsprache funktionieren – ohne Worte, aber mit einer klaren Botschaft: Von mir geht gerade keine Gefahr aus.
Mehr als bloßes Händchenhalten Der häufig verwendete Begriff „Händchenhalten“ beschreibt allerdings nur einen Teil des beobachteten Verhaltens. Zu den Gesten gehörten auch Umarmungen, sanfte Berührungen, Körperküsse und enger Körperkontakt.
Unter Schimpansen beobachtete das Team zudem ein besonders verletzliches Vertrauenssignal: Manche Tiere legten Finger oder sogar eine Hand in den Mund eines anderen Gruppenmitglieds. Diese riskante Geste trat deutlich häufiger in einer besonders toleranten Schimpansengruppe auf. Die Forschenden vermuten, dass ein Tier damit Vertrauen zeigt – schließlich könnte sein Gegenüber jederzeit zubeißen.
Eine Beobachtung gab dem Forschungsprojekt sogar seinen inoffiziellen Ausgangspunkt: In einer Schimpansengruppe umarmte ein Männchen ein anderes von hinten. Weitere Tiere schlossen sich nacheinander an, bis eine regelrechte Kette entstand. Das Team nannte sie den „Reassurance Train“ – einen Zug der gegenseitigen Beruhigung.
Weibliche Bündnisse bei Bonobos Bei den Bonobos war der Zusammenhang zwischen Berührung und gemeinsamem Fressen besonders deutlich zwischen Weibchen. Das passt zu ihrer Sozialstruktur: Weibliche Bonobos bilden häufig enge Bündnisse, die ihnen innerhalb der Gruppe Einfluss und Schutz verschaffen.
Bei Schimpansen zeigte sich der stärkste Effekt dagegen zwischen Männchen. Auch das entspricht ihren typischen Sozialbeziehungen, in denen männliche Kooperationen und Allianzen eine wichtige Rolle spielen.
Interessant ist jedoch eine Einschränkung: Die geschlechtsspezifischen Muster waren vor allem in den ohnehin toleranteren Gruppen klar erkennbar. Freundliche Berührungen schaffen ein friedliches Gruppenklima möglicherweise also nicht aus dem Nichts. Sie könnten bestehendes Vertrauen verstärken und kurzfristig dabei helfen, es in angespannten Situationen aufrechtzuerhalten.
Frieden ist keine Charaktereigenschaft, sondern soziale Arbeit Bonobos werden oft als besonders friedliche „Hippies unter den Menschenaffen“ dargestellt. Dieses Bild ist zu einfach. Auch Bonobos drohen, schlagen, beißen und bilden Koalitionen gegen andere Tiere. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich ihre Aggressionshäufigkeit je nach Gruppe und Geschlecht erheblich unterscheiden kann und teilweise näher an jener von Schimpansen liegt als lange angenommen.
Gerade deshalb ist die neue Untersuchung bemerkenswert: Friedliches Zusammenleben bedeutet offenbar nicht, dass es keine Konkurrenz gibt. Es bedeutet, dass soziale Lebewesen Strategien entwickeln, um Konkurrenz auszuhalten, Beziehungen zu schützen und eine Eskalation zu vermeiden.
Bonobos sind also nicht deshalb interessant, weil sie angeblich niemals streiten. Interessant ist, wie flexibel sie mit entstehenden Spannungen umgehen.
Eine Sprache, die älter sein könnte als Worte Bonobos und Schimpansen sind gemeinsam die nächsten heute lebenden Verwandten des Menschen. Dass beide Arten vor angespannten Situationen vergleichbare Formen beruhigender Berührung einsetzen, deutet nach Ansicht des Forschungsteams auf einen weit zurückreichenden evolutionären Ursprung hin.
Möglicherweise nutzte bereits der letzte gemeinsame Vorfahr von Menschen, Bonobos und Schimpansen vor mindestens sechs Millionen Jahren Körperkontakt, um Vertrauen zu signalisieren und soziale Spannungen zu regulieren. Das ist eine plausible evolutionäre Deutung – direkt beweisen lässt sie sich anhand heutiger Verhaltensbeobachtungen allerdings nicht.
Die Ergebnisse ergänzen damit ein lange einseitiges Bild der Evolution. Nicht nur Wettbewerb, Dominanz und Aggression prägten die Entwicklung sozialer Gruppen. Ebenso wichtig könnten Fähigkeiten gewesen sein, die Kooperation erst möglich machen: beruhigen, Vertrauen zeigen, Nähe zulassen und Beziehungen auch unter Druck stabilisieren.
Was die Studie für Menschen bedeutet – und was nicht Die Ergebnisse sind keine Anleitung, jeden Streit einfach mit einer Umarmung zu lösen. Die Untersuchung wurde an Menschenaffen in Schutzstationen durchgeführt und zeigt zunächst einen statistischen Zusammenhang. Sie beweist nicht zweifelsfrei, dass die Berührungen das friedliche Fressen verursacht haben. Denkbar ist auch, dass ohnehin tolerantere Tiere sowohl häufiger Nähe suchen als auch besser miteinander teilen.
Die Forschenden möchten deshalb künftig untersuchen, ob der Körperkontakt tatsächlich Stresshormone senkt und ob Berührungen zwischen bestimmten Tieren deren späteres Konfliktrisiko messbar verändern.
Aus Untersuchungen mit Menschen ist bereits bekannt, dass einvernehmliches Händchenhalten Trost vermitteln und unter bestimmten Bedingungen Stress- oder Bedrohungsreaktionen abschwächen kann. Wie stark die Wirkung ausfällt, hängt jedoch von der Beziehung, der Situation und den persönlichen Grenzen der Beteiligten ab. Körperkontakt hilft nur, wenn er willkommen ist.
Die übertragbare Erkenntnis liegt daher weniger in der einzelnen Berührung als in dem Zeitpunkt: Spannungen lassen sich möglicherweise leichter regulieren, bevor aus Nervosität offene Feindseligkeit wird.
Die Tiere, von denen wir lernen, brauchen Schutz Bonobos leben ausschließlich in den Regenwäldern südlich des Kongoflusses in der Demokratischen Republik Kongo. Die Weltnaturschutzunion führt die Art als stark gefährdet. Zu den größten Bedrohungen zählen Wilderei, der Handel mit Buschfleisch sowie Verlust und Zerschneidung ihres Lebensraums.
Die neue Forschung zeigt deshalb auch, was mit jeder bedrohten Art verloren gehen könnte: nicht nur ein Tier, sondern eine einzigartige soziale Kultur und ein Teil der evolutionären Geschichte des Menschen.
Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft dieser Beobachtungen: Kooperation ist kein moderner Luxus. Sie gehört zu einem uralten Verhaltensrepertoire, das soziale Lebewesen über Millionen Jahre entwickelt haben – und manchmal beginnt sie mit einer ausgestreckten Hand.
Was du tun kannst
Weil Kooperation offenbar tief in unserer Evolutionsgeschichte verankert ist. Menschenaffen zeigen, dass Spannungen nicht zwangsläufig eskalieren müssen und Beziehungen schon vor einem Konflikt geschützt werden können.
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Bonobos halten Händchen gegen Streit: Was wir von Menschenaffen lernen können